Separatisten in Bayern

Wo die deutschen Katalanen wohnen

Von Yves Bellinghausen, Rosenheim
14.11.2017
, 07:45
Bayern: Wo die deutschen Separatisten wohnen
In Europa scheint Separatismus gerade en vogue zu sein. Auch Deutschland hat seine Separatisten: Die Bayern. Meinen die das eigentlich ernst? Ein Besuch.
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Steht der Nationalstaat in Europa eigentlich vor dem Aus? Wer dieser Tage Zeitung liest und Nachrichten schaut, der kann fast den Eindruck bekommen: Die Katalanen, die Venezianer, die Lombarden, immer wieder diese Schotten und natürlich die Bayern. All diese Regionen haben ihre Unabhängigkeitsparteien, aber eines vorweg: Es gibt einen gehörigen Unterschied zwischen den Bayern und den vielen anderen europäischen Regionen, die sich vom Zentralstaat lossagen wollen. Während die Separatisten in Katalonien, Norditalien und Schottland in den Parlamenten sitzen, hat die Bayernpartei nur 2,1 Prozent der Stimmen bei der vergangenen Landtagswahl bekommen. Und verkauft das als Erfolg. Florian Weber, Vorsitzender der Bayernpartei, hat da noch eine andere Zahl parat: Vor ein paar Monaten hat die „Bild-Zeitung“ eine Umfrage in Auftrag gegeben. Ein Drittel der Bayern würde sich die Unabhängigkeit wünschen. Zum Vergleich: Laut aktuellen Umfragen wollen 42,5 Prozent der Katalanen bei den Neuwahlen eine Partei wählen, die die Unabhängigkeit vorantreibt.

Bayern zuerst: Florian Weber, Vorsitzender der Bayernpartei, vor Alpenkulisse.
Bayern zuerst: Florian Weber, Vorsitzender der Bayernpartei, vor Alpenkulisse. Bild: Yves Bellinghausen

„Wir werden bei den Landtagswahlen in Bayern noch keine 50 Prozent holen“, räumt er ein. Aber unrealistisch ist die Unabhängigkeit Bayerns für ihn trotzdem nicht. Es gäbe da gewisse „Tendenzen“ in der bayrischen Bevölkerung. Weber sitzt in seinem Volkswagen und fährt durch Oberbayern. Kein BMW? „Nein, wir sind doch liberal“, sagt er und grinst. Er fährt von Rosenheim aus den Inn hinauf nach Neubeuern und steigt auf dem Marktplatz aus. „Hier wurden eine ganze Menge Heimatfilme gedreht“, sagt Weber beiläufig. Außerdem wurde Neubeuern 1981 zum schönsten Dorf Deutschlands gewählt. Weber steigt wieder in seinen VW, fährt ein paar Kilometer weiter Richtung Alpen und schaut auf Oberbayern herab. Ist Bayern eigentlich die Vorstufe zum Paradies, wie Horst Seehofer meint? „Joa“, brummt er. Auf die CSU und ihren Chef ist man bei der Bayernpartei nicht gut zu sprechen. „Woanders ist’s aber auch schee.“ Für einen Patrioten hat Weber eine erstaunlich pragmatische Einstellung zu seiner Heimat.


Er gilt als Modernisierer der Bayernpartei, will anschlussfähig sein, für junge Menschen und für Liberale. Mit Erfolg, sagt er. In den letzten Jahren seien über die Hälfte der neuen
Mitglieder jünger als dreißig gewesen. Bayern ist damit kein Sonderfall. Auch in Katalonien wird die Unabhängigkeit von vielen Jungen mitgetragen. Junge Leute hören nicht gerne, dass früher alles besser war und so ist auch Florian Weber kein Ewiggestriger, der sich an bayrischer Folklore aufhängt. Worum geht es dann, beim Separatismus? Um Geld? „Nein“, sagt Weber schnell. Also schon ein bisschen, schließlich überweise man ja Milliarden Transferleistungen in die strukturschwachen Regionen der Republik. Alles wichtig, aber das eigentliche Problem sei woanders: Bayern wird von auswärtigen Mächten regiert.

Sturz mit Ansage
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© AP, reuters

Und nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Brüssel, von Unternehmen, von Interessenverbänden und irgendwie auch ein wenig von der Globalisierung. Für Weber stellt es sich so dar: Die Fleischerei zum Beispiel, das waren früher alles Familienbetriebe, man kannte den Metzger und der kannte das Schwein, das er geschlachtet hat. Aber dann kamen neue Auflagen aus Berlin und aus Brüssel. Irgendetwas mit Hygiene und wie man ein Schwein genau zu schlachten habe – alles sehr kompliziert – und das habe viele Kleinbetriebe in die Knie gezwungen.

Keine Massenaufmärsche wie in Barcelona: Bayernparteichef Weber agitiert im Wirtshaus.
Keine Massenaufmärsche wie in Barcelona: Bayernparteichef Weber agitiert im Wirtshaus. Bild: Yves Bellinghausen

Und wer hat am Ende davon profitiert? „Die Großkonzerne“, antwortet Weber auf seine rhetorische Frage. Politik, die in Berlin gemacht wird, sei fern vom Bürger, entrückt, für Konzerne. Eine Argumentation, wie bei Rechtspopulisten. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Bayernpartei mal als weißblaue AfD bezeichnet. Quasi eine Alternative für Bayern. Weber, der Modernisierer, schaudert bei dem Vergleich. Andere in der Partei haben da weniger Berührungsängste. Peter Fendt zum Beispiel, der sich vor einigen Monaten über Asylbewerber aus Afrika ereiferte, das seien „Neger mit geringen Fähigkeiten.“ Es ist Abend geworden und Weber fährt in ein Wirtshaus, um sich von der Parteibasis bei ein paar Bier zum Vorsitzenden wiederwählen zu lassen. Mit dabei ist Benno Steiner, der erst seit ein paar Monaten in der Partei ist. Davor war er drei Jahrzehnte in der CSU. Die ist ihm aber zu links geworden, besonders in der Flüchtlingspolitik, sagt er.

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Er hat mit dem Gedanken gespielt, der AfD beizutreten, aber die seien ihm dann doch zu extrem gewesen und sowieso könne er mit solchen Schreihälsen nicht viel anfangen. In Katalonien kämpfen Linke und Rechte gemeinsam für die Unabhängigkeit. Im Baskenland waren es lange Linksextremisten, in Norditalien Rechtsextremisten. Jede politische Strömung würde ihre eigenen Wünsche in die Unabhängigkeit hineinphantasieren, schrieb der spanische Politologe Fernando Vallespín kürzlich für der „Zeit“. Und in Bayern, da sind es Konservative – Menschen die andernorts vielleicht in der AfD ihre Heimat gefunden hätten. Man konkurriere um eine ähnliche Wählergruppe, gesteht auch Weber ein.

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Separatismus ist nicht allen ein Herzensanliegen

Um Leute, die ein diffuses Gefühl von Kontrollverlust in sich tragen und sich in die sichere Provinzialität zurückwünschen. Aber gibt es die denn überhaupt noch? Ökonomen prognostizieren eine wirtschaftliche Katastrophe für den Fall, dass Katalonien den Austritt wagt, weil sie dann aus dem europäischen Binnenmarkt fliegen. „Jaja, glauben Sie nur der Statistik, die Sie selbst gefälscht haben“, winkt Weber ab. Er hat eine alternative Rechnung: Wenn Regionen wie Bayern oder Katalonien sich selbst verwalten, dann würden sie wirtschaftlich derart prosperieren, dass sie die neuen Zölle wieder ausglichen. So einfach.

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Nicht alle sind so zuversichtlich, wie Weber. Hinter vorgehaltener Hand sagen Mitglieder, dass die Unabhängigkeit ja schon „sehr illusorisch“ sei. Auf der Parteiversammlung diskutieren Webers Parteifreunde darüber, was die Katalanen denn nun von ihrem Referendum haben und ob der flüchtige Puigdemont nicht ein Feigling ist. Separatismus ist nicht allen ein Herzensanliegen. Auch nicht für Steiner, der fast der AfD beigetreten wäre.

Er berät Landwirtschaftsunternehmen, war viel im Ausland, kenne sich gut aus in seiner Branche, sagt er. Dass in der Landwirtschaft die Familienbetriebe verschwinden, ärgert auch ihn. Über eine Abspaltung Bayerns von der Bundesrepublik hat er früher nie so richtig nachgedacht. Aber jetzt ist er hier und plötzlich scheint die bayrische Unabhängig greifbar. „Doch, das könnte schon eine Lösung sein“, sagt er abwägend. Gegen die Großkonzerne, die die historischen bayrischen Dorfstrukturen aufsprengen, gegen „realitätsferne Politik“ und gegen die offenen Grenzen. Vielleicht ist Separatismus die zivilisiertere Antwort auf dieselbe Frage, die auch die AfD umtreibt: Wo ist unser Platz in der Moderne? Was ist unsere Antwort auf Globalisierung?

Quelle: FAZ.NET
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