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Hauptstadt der Armen

Suppe, Seife und Erlösung

Von Mechthild Küpper, Berlin
 - 15:08
Alles für einen Euro: Wer im Bezirk wohnt und seine Bedürftigkeit nachweist, darf bei „Laib und Seele“ einkaufen. zur Bildergalerie

Klaus Wowereit ist Pensionär, seine berühmte Charakterisierung Berlins als „arm, aber sexy“ gehört der Geschichte an. Die Überschrift des neuen Kapitels ist: „Nicht reich, aber verdammt attraktiv.“ So sei Berlin inzwischen, stellten Sozialwissenschaftler fest, die im vergangenen Jahr die Berlin-Studie für die Hertie-Stiftung fortgeschrieben haben. Das Leben in Prenzlauer Berg und Pankow stellt man sich in Berlin und außerhalb der Stadt wahrscheinlich behaglich bis gediegen vor.

In der Berliner Statistik zur „Armutsgefährdungsquote“ taucht das oft beschriebene Reich des Latte macchiato an zweiter Stelle hinter dem südwestlichen Steglitz-Zehlendorf auf. Nirgends sonst in Berlin habe sich der Sozialindex so schnell fortentwickelt wie dort: „Von proletarisch zu bürgerlich und exklusiv“ sei im Nordosten Berlins der Weg gegangen.

Doch auch hier existiert eine dichte Infrastruktur für Hilfeleistungen. Wo, wie in Berlin, das durchschnittliche monatliche Haushaltsnettoeinkommen bei nicht einmal 1700 Euro liegt (die Zahl stammt aus dem Jahr 2013), ist man rasch arm, und da sind die Armen dann auch wirklich arm. Wie es in Kreuzberg einen Laden gibt, in dem alles ohne Verpackung verkauft wird, so gibt es in Prenzlauer Berg zwei Läden namens „Second Bäck“, in denen man Brot vom Vortag günstig erwerben kann.

Die Zielgruppe ist in beiden Fällen aufgeklärt und umweltbewusst. Doch sind möglicherweise die Kunden von „Second Bäck“ wirklich arm und nicht nur so vernünftig zu wissen, dass gutes Brot nicht nur frisch gut schmeckt. Ganz und gar im bürgerlichen Ambiente verschwindet der Konsument, der scharf auf Preise achtet, in den Filialen der „Hofpfisterei“, die während abendlicher „Happy Hour“ bayerisches Brot mit Rabatt verkauft. Dort ahnen allenfalls die Verkäuferinnen, welcher Kunde spät kommt, weil er sparen muss.

In diesen Tagen feiert ein erfolgreiches Umverteilungsprojekt zehnten Geburtstag, „Laib und Seele“, ein Kooperationspartner der „Berliner Tafel“, die älter ist. Auch „Tafel“ und „Laib und Seele“ haben einen starken Umweltaspekt: Lebensmittel, die genießbar, aber nicht mehr verkäuflich sind, werden mit Verbrauchern zusammengebracht, die froh über jede Entlastung ihres Geldbeutels sind.

„Laib und Seele“

Vor der evangelischen Adventskirche an der Danziger Straße 201, nahe der großen Schwimmhalle und dem Velodrom, informiert ein Plakat über die Regeln: Jeden Mittwoch von 10.45 Uhr bis 12 Uhr werden Lebensmittel ausgegeben. Wer für einen Euro einkaufen will, muss seine Bedürftigkeit nachweisen – durch Renten-, Bafög- oder Hartz-IV-Bescheide – und muss in den Postzustellbezirken 10405, 10407 und 10409 leben. Das sind feinste Prenzlauer-Berg-Adressen.

Von neun Uhr an gibt es Nummern, und die sind wie in einer Lotterie gemischt, um die Schlaumeier zu entmutigen, die sich auch in solchen Schlangen zuverlässig einstellen. Alle, die um neun Uhr in und um die Adventskirche zu sehen sind, wissen, wo sie was finden: in der Kapelle, wo die ehrenamtlichen Helfer von „Laib und Seele“ in ihren roten Hemden und Schürzen zusammensitzen, die Nummer, im Gemeindesaal ein Frühstück samt Gesellschaft, um die Wartezeit zu verkürzen.

Die Ehrenamtlichen der Adventskirche gehören, zusammen mit Mitgliedern der katholischen Nachbargemeinde Corpus Christi, zu den „Laib und Seele“-Teams der ersten Stunde. Das merkt man, wenn auf den Ruf „Die Männer sind da!“ hin alle in den Raum stürzen, wo ein kleiner Laden mit Waren gefüllt wird: Links vom Eingang wird der Euro eingenommen und geprüft, ob der Überreicher der Nummer auch zum Kreis der Berechtigten gehört, dann geht es weiter zum Tisch mit dem Brot, zu dem mit Gemüse, dann zum Obst, zum Fleisch und zu den Milchprodukten – und am Ende gibt es Süßigkeiten. Das Team ist bestens eingespielt, es wird rasch und hart gearbeitet, damit die Kunden nicht länger als nötig warten müssen. Das Zwei-Kilo-Paket Fleischsalat wird in kleine Portionen geteilt, die Rollenbutter in Scheiben geschnitten und verpackt, faule Tomaten und braune Bananen landen in der Biotonne.

80 bis 100 Menschen kämen mittwochs, manche schon seit zehn Jahren, erzählen die Helfer. Es müsse niemand mit leeren Händen gehen. Richtig arm sind ihrem Eindruck nach unter DDR-Recht geschiedene Rentnerinnen und psychisch Kranke. Doch auch Russlanddeutsche gehörten zum Kundenstamm, gelegentlich auch Flüchtlinge und Studenten.

Suppenküchen: „Die Not nimmt zu“

Nicht mehr 500, aber doch zwischen 250 und 450 Menschen (täglich außer Montag) verköstigt die Suppenküche der Franziskaner in der Pankower Wollankstraße. Der Rückgang der Zahlen bedeute nicht etwa, dass die Armut in Berlin zurückgedrängt worden sei, sagt Bruder Andreas Brands. Im Gegenteil: „Die Not nimmt zu.“ In Schulen fielen ihm viele offenkundig arme Kinder auf. Es hätten sich aber die Hilfsangebote aufgefächert: Wer sich selbst versorgen könne und wolle, stelle sich nur ungern nach Suppe an. Die Klientel der Franziskaner ist zu 80 Prozent männlich. Männern, glaubt Brands, falle es leichter, „Hilfe in Anspruch zu nehmen“.

Sowohl in der Suppenküche als auch bei „Laib und Seele“ beobachten die Helfer, dass die Nachfrage steigt, je weiter der Monat voranschreitet. Taxifahrer haben das immer schon berichtet. Doch während nichts dabei ist, den Bus zu nehmen oder zu laufen, stimmt es bedenklich, dass Menschen nichts mehr zu essen haben, wenn der Monat sich neigt. Doch zeigt es eben auch, dass „Armut“ keineswegs aufs Geld beschränkt ist. „Laib und Seele“, sagen die tüchtigen Helfer in der Adventskirche, solle die Leute ja gar nicht ernähren, sondern der günstige Einkauf in einer der 45 Berliner Kirchen einmal in der Woche solle ihnen Handlungsspielraum verschaffen.

Bei „Laib und Seele“ hat ein junger Mann „die Seiten gewechselt“. Er kam als Kunde und gehört seit vier Jahren zum Team, das einmal in der Woche in der Kirche einen schwunghaften Laden betreibt. Zum fünften Geburtstag gab „Laib und Seele“ ein Kochbuch mit Rezepten für vier Personen heraus, aus gängigen Zutaten, für die jeweils höchstens Waren im Wert von drei Euro hinzugekauft werden müssten.

Arme sieht man inzwischen überall

Bei den Franziskanern ist mehr zu bekommen als Suppe: Es gibt eine Kleiderkammer und eine Hygienestation, wo sich Besucher duschen und Wäsche waschen können. Eine Sozialarbeiterin kann helfen, im Kontakt mit Behörden vor allem. Einmal in der Woche steht auch ein Arzt-Mobil bereit. Man solle nichts verklären, sagt Bruder Andreas Brands, nicht die Begegnung oder gar das Gespräch stehe hier im Zentrum. „Jeder weiß, was er hier bekommt: Suppe, Dusche, Kleider, Sozialberatung.“ Sprechen wollten die Männer, die oft zum Frühstück kommen und in dem hellen warmen Raum auf die Suppe warten, selten.

West-Berlin und Ost-Berlin, das waren auf unterschiedliche Arten Städte, in denen man mit sehr wenig Geld gut leben konnte. Die Mieten waren niedrig, so blieb der größte Posten jedes Budgets angenehm klein. In den Jahren nach dem Mauerfall verschwanden Hunderttausende Arbeitsplätze, die Politik fürchtete den Ausbruch „sozialer Unruhen“. Damals wurden der Fürsorge bedürftige arme Leute geradezu zum politischen Leitbild Berlins: Der Senat aus CDU und SPD fühlte sich berufen, für alle zu sorgen. Wowereits Spruch, die Stadt sei „arm, aber sexy“, machte dem ein Ende: In einer dramatischen Haushaltsnotlage signalisierte die Politik damit, dass Geld haben und ausgeben nicht alles ist. Es wurde gespart, aber es „quietschte“ gar nicht.

Inzwischen fließt reichlich Geld in die Kassen, denn seit einigen Jahren verzeichnet Berlin kräftigen Zuzug, und es entstehen Jobs. Trotzdem ist die Arbeitslosenquote hoch – 11,3 Prozent –, die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist besonders hoch. Viele Arme ziehen nach Berlin. Und die Ärmsten sieht man inzwischen nicht nur im Zentrum, sondern überall. Einige hundert Flüchtlinge, zumeist aus Afrika, die ein Zeltlager auf dem Oranienplatz in Kreuzberg unterhielten und eine Schule besetzt hatten, erhalten zwar kein Aufenthaltsrecht, bleiben aber in der Stadt. Wo immer Gebäude leer stehen, ob Fabriken oder Kleingartenkolonien, siedeln sich arme Menschen an. Sobald eine Zeitung so ein Lager findet und die Zustände dort schildert, wird es aufgelöst. Meistens findet sich zunächst auch jemand, der sich der „Wanderarbeiter“, wie sie genannt werden, erbarmt. Jedenfalls eine Zeitlang.

Kein Ende des ehrenamtlichen Engagements absehbar

Im Winter wird Armut sichtbar, die im Sommer – wie auf dem Oranienplatz – malerisch wirkt. Unter Brücken liegen Menschen auf Pappen, in allen U- und S-Bahnen werden Straßenzeitungen verkauft und Spenden erbeten. Erzählungen von den „organisierten“ Bettlergruppen, die morgens gebracht und instruiert werden und abends ihr Geld abgeben müssen, täuschen nicht darüber hinweg, wie offenkundig Armut auf Berlins Straßen ist. Die Bettler vor den Bankfilialen auf der Schönhauser Allee, einer Hauptstraße in Prenzlauer Berg, wechseln. Aber dass eine beinamputierte Frau im Rollstuhl, die oft bis spätabends mit ihrem Hund auf dem Boden sitzt, echte Not leidet, ist ebenso deutlich wie die Spuren des harten Lebens auf der Straße im Gesicht des blonden Jungen.

Wer sich nicht bewegt, wohnt in Berlin immer noch günstiger als in allen anderen deutschen Großstädten. Doch wer umziehen muss, trifft auf einen dynamischen Wohnungsmarkt, in dem alle Zeichen auf teurer stehen, bei Eigentumswohnungen dramatischer als bei Mietwohnungen. Wowereits Nachfolger Michael Müller ist stolz darauf, dass Berlin inzwischen alle rechtlichen Möglichkeiten für staatliche Interventionen auf dem Wohnungsmarkt nutzt. Auch im vermeintlich wohlhabenden Prenzlauer Berg sieht man, dass die Bewohner nicht viel Geld haben. Mag tagsüber der Latte macchiato auch in Strömen fließen und recht teuer sein, beim Essen dominiert Imbiss-, Ethno- und Hausmannskost. Das Restaurant des Sternekochs Tim Raue an der Prenzlauer Allee trägt den beziehungsreichen Namen: „La Soupe Populaire“.

In Berlin sei kein Ende des ehrenamtlichen Engagements abzusehen, sagt der Franziskaner Brands. 60 Helfer, zwischen 15 und 80 Jahre alt, arbeiten in der Suppenküche des Klosters, die Franziskaner bekommen mehr Hilfsangebote, als sie nutzen können. Aber um in guter Fasson im kommenden Jahr den 25. Geburtstag der Suppenküche feiern zu können, brauchte es neue (Geld-)Spender. Zu unberechenbar ist, was an Sachspenden kommt: mal 180 Kilo gefrorene Paprikaschnitzel, mal 1500 Eimer türkischer Joghurt, mal tonnenweise falsch etikettierte Vanillemilch.

In der Fürsorge für Arme, Obdachlose und Flüchtlinge wird sichtbar, wie solide im angeblich gottlosen Berlin die kirchlichen Strukturen sind. Der Staat unternimmt viel, aber bekommt auch viel Hilfe. Die „Kältehilfe“, eine gemeinsame Anstrengung von Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden und staatlichen Stellen, hilft Obdachlosen, über den Winter zu kommen, auch den Flüchtlingen unter ihnen. In Unterkünften leben, wenn es sein muss, beide Gruppen zusammen.

Manchmal kommt sogar Konkurrenz zwischen staatlichen und privaten Hilfen auf. Der Heilsarmee in Prenzlauer Berg, die ein Café betreibt, in dem 50 bis 60 Menschen täglich Zuspruch und warme Mahlzeiten erhalten, kürzte das Bezirksamt 2012 die Zuschüsse. Doch die Bezirksverordnetenversammlung zog die Sache an sich und erhöhte sie wieder. Seither aber sammelt eine katholische Nachbargemeinde in jedem Jahr eine Kollekte für die Heilsarmee, und bei allen ökumenischen Treffen werden Coupons verkauft, gegen die Bedürftige im „Café Treffpunkt“ der Heilsarmee „Soup, Soap and Salvation“ erhalten.

Quelle: F.A.Z.
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