Pädophiler Missbrauch

Berliner Grüne gestehen „schreckliches Versagen“ ein

20.05.2015
, 10:17
Anderes Bewusstsein: Plakataktion zur Hilfe gegen Pädophile 2013 (nicht nur) in Schwerin
Die Berliner Grünen haben bis Mitte der neunziger Jahre pädophile Mitglieder in ihren Reihen geduldet, darunter auch zwei wegen Missbrauchs verurteilte Straftäter. Die Landesvorsitzende Jarasch verspricht Opfern eine Entschädigung.

Teile der Berliner Grünen waren über Jahre von einem Pädophilen-Netzwerk unterwandert. Bis Mitte der neunziger Jahre habe die Partei mindestens zwei verurteilte Straftäter als Mitglieder sowie pädosexuelle Positionen geduldet, sagte die Grünen-Landesvorsitzende Bettina Jarasch am Mittwoch in Berlin. Der Missbrauch betraf nach bisheriger Kenntnis Jungen.

Bei der Vorstellung eines 90 Seiten langen Berichts bat Jarasch am Mittwoch die Opfer um Entschuldigung und stellte „Anerkennungszahlungen“ in Aussicht. Sie rief Betroffene auf, sich bei einer neutralen Ombudsstelle des Landesverbands zu melden. Dies sei bislang nicht der Fall gewesen. Erst nach den bekanntgewordenen Fällen „in der katholischen Kirche und anderswo“ habe sich die Partei seit 2010 damit auseinandergesetzt, gestand Jarasch ein.

„Falsch verstandene Toleranz“

Den Bereich der Schwulenbewegung innerhalb der Partei hätten Pädophile zwischenzeitlich sogar dominiert, heißt in dem Bericht. Jarasch sprach am Mittwoch von einer „falsch verstandenen Toleranz“, für die sich die Partei heute schäme. Das eigentliche Versagen sei das jahrelange Dulden und Wegsehen und die Blindheit für die Opfer sexuellen Missbrauchs. „Es gab keine Auseinandersetzung mit der pädosexuellen Propaganda.“

Deren Aktivisten galten laut Bericht wie Schwule und Lesben in der Partei als Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung und staatlicher Repression. In Programmen der Grünen tauchte zwar die Straffreiheit für Sex mit minderjährigen Jungen und Mädchen bereits Anfang der achtziger Jahre nicht mehr auf, aber die Positionen wurden mit Ausnahme einer feministischen Frauengruppe aus Kreuzberg toleriert.

„Jung und Alt“

So gründete noch 1992 das Grünen-Mitglied Fred Karst innerhalb der Schwulen-Gruppen die Arbeitsgemeinschaft „Jung und Alt“, deren Aktivitäten auch für die zwölfköpfige Untersuchungskommission bis heute weitgehend im Dunkeln bleiben. Erst 1995 wurde gegen Karst ein Parteiausschlussverfahren angestrengt, dem er durch seinen Austritt zuvor kam.

Größtes Manko des Berichts ist nach Einschätzung der Grünen selbst das Fehlen der Stimmen von Opfern. Zahlen von bis 1.000 Missbrauchten im Umfeld der Grünen seien rein spekulativ. „Wir hoffen, dass sich jetzt viele bei uns melden werden“, sagte der Co-Landesvorsitzende Daniel Wesner. Der Bericht sei kein „Abschlussbericht“, sondern die Aufarbeitung gehe weiter.

„Schreckliches Versagen“

Der Grünen-Landespolitiker Thomas Birk rückte vor Journalisten von seiner Aussage ab, es könnten bis zu 1.000 Jungen von Missbrauch durch bis zu zehn Täter betroffen sein. Diese Zahl sei „spekulativ“, betonte Birk. Er gehört der Kommission des Landesverbandes an, die den Bericht mit Handlungsempfehlungen erstellte.

Der Grünen-Landesvorsitzende Daniel Wesener bewertete die Vorgänge in der Alternativen Liste und den aus ihr hervorgegangenen Grünen wie Jarasch als „schreckliches Versagen“. Zwar habe die Forderung nach Straffreiheit für vermeintlich einvernehmliche Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen nach 1981 in der Partei keine Mehrheiten mehr gefunden. Sie sei aber „auch nie geächtet oder zumindest programmatisch klar verneint worden“, so Wesener. „Vielmehr wurde sie als Minderheitenposition geduldet“. Dies könnte die Missbrauchstäter „ermutigt“ haben, die erst Mitte der 90er Jahre ausgeschlossen wurden.

Der Mitbegründer der Alternativen Liste, Wolfgang Wieland, gestand „persönliches Versagen“ der damaligen Parteispitze ein. Als eine Erklärung führte der grüne Politiker den „Zeitgeist“ in der Partei an, der „Repression und Ausschluss“ von Minderheitspositionen abgelehnt habe.

Im vergangenen November hatte der Grünen-Bundesverband bereits eine Studie des Göttinger Parteienforscher Franz Walter zu den pädosexuellen Positionen in der Partei vorgelegt. Jarasch erklärte, der Bericht des Landesverbands konkretisiere die Studie, stelle aber keinen Abschluss dar. Als „größte Leerstelle“ nannte sie, dass „die Perspektive der Betroffenen“ weitgehend fehle.

Quelle: KNA/epd/dpa
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