Beschneidungsdebatte

Unsere seltsame Tradition

Von Gil Yaron
21.07.2012
, 18:59
Meine Schwester wollte ihren Sohn nicht beschneiden lassen. Die Familie sammelte Argumente, um sie umzustimmen. Ich fand keines. Jetzt werde ich selbst Vater. Ich, der jüdische Arzt.

Es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube, nur dass er unsere Familie unter der Gürtellinie traf. Sie werde ihren Sohn nicht beschneiden lassen, teilte meine charakterstarke Schwester uns vor mehreren Jahren mit. Sie hielt diesen uralten jüdischen Brauch für überflüssig und barbarisch und versetzte so alle in Aufregung. Dabei sind wir nicht religiös. Mein Vater schlägt selten einen unkoscheren Shrimps-Cocktail aus. Meine Mutter fährt auch am heiligen Schabbat gern ins Kino, obwohl uns die Tora so etwas eigentlich verbietet.

Dennoch bemühen wir uns, Traditionen aufrechtzuerhalten. Wir fasten zu Jom Kippur, singen gemeinsam Freitagabends jahrhundertealte Segenssprüche über Wein und Brot und begehen jedes Passah den Seder, das jüdische Abendmahl, wie es sich gehört. Undenkbar also, dass dem nächsten Glied in unserer Familie die Beschneidung verweigert würde. Was wäre da an Enkeln und Neffen noch jüdisch?

Wir gingen zur Überzeugungsoffensive über. Ich wusste, religiöse Argumente würden meine abtrünnige Schwester nicht bekehren - schon gar nicht von mir. Als Arzt setzte ich lieber auf Fakten. In der Universitätsbibliothek von Jerusalem suchte ich nach Studien, die eindeutig die Vorteile männlicher Beschneidung erweisen. Vergeblich.

Ein Kondom bietet besseren Schutz vor Krankheiten

Zwar entdeckte ich, dass die Beschneidung dem künftigen Neffen eindeutig Vorteile verschaffen würde - aber nur wenn er in Afrika aufwüchse. Die Gefahr, sich mit HIV anzustecken, sinkt um 60 Prozent. Er und seine Partnerinnen liefen weniger Gefahr, Papillomaviren zu bekommen und eines Tages an Penis- oder Gebärmuttermundkrebs zu erkranken oder an anderen Geschlechtskrankheiten wie Chancroid, Syphilis, Herpes, einer Harnwegsinfektion. Doch in Deutschland bietet ein Kondom weitaus besseren Schutz - fast 100 Prozent.

Im Familienkonzil wies meine Schwester die Einwände von Großeltern, Eltern und Geschwistern resolut zurück. Ich hatte ohnehin die Fahnen gestrichen. Meine Recherchen passten nicht zum Familienwunsch. Ich begann selbst, an der Beschneidung zu zweifeln.

Hier hätte die Geschichte enden können, hätte meine Ehefrau mir nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Genauer gesagt waren es zwei Striche, in rosa Farbe, die eines Januarabends zu unserer freudigen Überraschung auf dem Teststab erschienen. Bei der Ultraschalluntersuchung wenige Tage später hielt mein eigener Herzschlag beim Anblick meines Kindes für einen Augenblick inne. Ich verstand, dass ich fortan die Verantwortung für dieses Lebewesen trug.

Medizinisch überflüssig

Für einige Wochen gab ich mich dem Wunschdenken hin, der Ewige habe mir eine Tochter beschert. Doch die nächste Untersuchung erfüllte mich mit dem neuen Gefühl des Vaterstolzes, als ich sah, dass mein Kind mir ähnlich ist, zwischen den Beinen. Ein Sohn. Nun hatte ich selbst ein Problem zu lösen: Wie hältst Du’s mit der Beschneidung?

Ein Lehrsatz bildete die Grundfeste meiner medizinischen Ausbildung: Primum non nocere zuallererst keinen Schaden zufügen. Ein Arzt muss Vorsicht und Bescheidenheit walten lassen, darf einen Eingriff nur ausführen, wenn dessen mögliche Vorteile Risiken und Nebenwirkungen überwiegen. Die allgemeine männliche Beschneidung ist in Industriestaaten nicht indiziert. Sie ist ein risikoarmer Eingriff, aber medizinisch so überflüssig, wie es eine allgemeine präventive Tonsillektomie wäre. Niemand propagiert, Kleinkindern die Mandeln herauszuschneiden, um Halsschmerzen vorzubeugen.

Doch Rabbiner argumentieren nicht medizinisch, sondern religiös. Sie nennen die Beschneidung „Brith“ - Bündnis, Zeichen der intimen Verbindung zwischen Juden und ihrem Gott. Die Pflicht, den Sohn am achten Tag zu beschneiden, entspricht dem Wortlaut des ersten Buch Moses. Wer nicht beschneidet, „dessen Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, weil es meinen Bund unterlassen hat“. Nach dem Talmud ist kein Jude perfekt, bis er nicht beschnitten wird. Kein Wunder also, dass Juden behaupten, die Beschneidung kleiner Jungen sei unerlässlicher und untrennbarer Bestandteil des Judentums.

Beschneidung als Kriegsdienst

Doch in der Bibel finde ich noch eine andere Geschichte. Sie handelt von der Beschneidung des Stammes Sichems. Der hatte Jakobs Tochter Dinah entführt und vergewaltigt. Daraufhin überredeten ihre Brüder den reuigen Täter und seinen Stamm, sich beschneiden zu lassen, um Dinah ehelichen zu können. Als die Beschnittenen matt darniederlagen, übten die Söhne Jakobs Rache und erschlugen sie. Die Beschneidung war gar kein religiöser Akt, sie war eine Kriegslist.

Ein beschnittener Penis definiert also ebenso wenig einen Juden wie die Vorhaut die intime Bindung zum jüdischen Gott stört. Der heiligste Augenblick seiner Geschichte widerfuhr dem jüdischen Volk sogar, als es den Brith nicht praktizierte. Gott gab den Juden die zehn Gebote am Berge Sinai just in den vierzig Jahren, in denen das Volk Israel laut Anweisung von oben seine Söhne nicht beschnitt.

Das Judentum erfand Ausnahmeregelungen für Familien, in denen es in der Vergangenheit beim Brith zu Komplikationen gekommen war. Was ist das Schicksal dieser auf Geheiß der Rabbiner unbeschnittenen Jungen? Sie sind vollwertige Juden. Sie können vor jüdischen Gerichten aussagen, aus der Tora vorlesen, Jüdinnen ehelichen und vollwertige neue Juden zeugen - trotz Vorhaut. Nur von einem Akt sind sie ausgeschlossen: Sie dürfen das Passahopfer nicht essen. Das wurde übrigens zum letzten Mal vor 2.000 Jahren dargebracht, als in Jerusalem noch der Tempel stand.

Ästhetische und spirituelle Gründe sind absurd

Manche Befürworter des Brith nennen ästhetische Gründe, ohne Vorhaut sei der Penis schöner. Aber warum soll ich meinen Sohn deshalb beschneiden lassen? Das wäre so absurd wie eine Brustvergrößerung bei einem Mädchen. Andere, wie Rabbiner Ben Jaakov Ben Asher aus dem 13. Jahrhundert, heben die spirituelle Dimension hervor: „Wer sich nicht beschneidet, kommt nicht ins Paradies, auch wenn er die Tora studiert und gute Taten vollbringt“, schrieb er. Aber Wegbeschreibungen in den Himmel machen mich immer skeptisch. Wie oft folgten islamistische Selbstmordattentäter in meiner Nachbarschaft den Weisungen ihrer eigenen „paradiesischen Reiseführer“ - um in einer Rauchwolke zu enden?

Michael Goldberger, ein Züricher Rabbiner, versuchte mich zu überzeugen. Goldberger sagte: Wer seine Vorhaut abtrenne und die empfindsame Eichel offenbare, mache auch sein Herz für die Außenwelt empfänglicher. Wie der Weizen von Spreu getrennt und verarbeitet werden müsse, bevor er zu Brot werde, obliege es dem Menschen, sich selbst zu vervollkommnen.

Der berühmte mittelalterliche Arzt und Gelehrte Moses Maimonides sah das ganz anders. Er schrieb im 12. Jahrhundert im „Führer der Unschlüssigen“ (Teil III, Kap 49), ein Grund für die Beschneidung sei „der Wunsch, den Geschlechtsverkehr auf ein Minimum zu reduzieren und dieses Organ zu schwächen, damit (der Mann) es weniger treibt und sich nach bestem Vermögen zurückhält“. Es gehe nicht darum, den Körper, sondern den Charakter zu vervollkommnen. „Der physische Schaden ist das beabsichtigte Ziel“, schreibt Maimonides. Keine Vorhaut, keine Ausschweifungen.

Von Abraham bis König David

Ein beschnittener christlicher Freund war gar nicht so weit davon entfernt, als er mir von seinen Erfahrungen erzählte. Die Abnahme der Empfindlichkeit verleihe ihm in der Horizontalen größere Standhaftigkeit. Das habe ich schon öfter gehört. Doch das hehre Ziel, eine Frau sexuell zu befriedigen, kann man auch mit Vorhaut erreichen. Soll ich meinen Sohn etwa beschneiden lassen, um ihm weniger, seiner Frau dafür aber umso mehr Spaß am Sex zu bescheren?

Der Inhalt rabbinischer Traktate, und somit die wahre Bedeutung der Beschneidung, ist den wenigsten säkularen Juden bekannt. Dennoch bestehen sie auf diesen Akt, den selbst Überzeugte als „grausam“ und „blutig“ beschreiben. Einer meiner besten Freunde erzählte mir von der immensen Pein, die ihm die Beschneidung seines Sohnes bereitete, und vom gleichzeitigen Stolz, eine mehrere Jahrtausende alte Tradition aufrechtzuerhalten. Von Abraham über König David, Albert Einstein bis zu seinem Sohn - alle waren sie beschnitten.

Im Gegensatz zu König David steinigen wir allerdings keine Ehebrecher mehr und erdrosseln auch nicht diejenigen, die ihren Vater nicht ehren. Wir sind dennoch Juden und ähneln 30 Prozent der männlichen Bevölkerung des Erdballs, die ebenfalls beschnitten ist. Der Brith ist eines vieler Zeichen der Zugehörigkeit, kein Merkmal des Auserwähltseins.

Gesellschaftliche Konsequenzen?

Zwei Argumente machen mir eine Abkehr vom Brith schwer: Das eine gilt für die Diaspora, das andere für Israel, und sie widersprechen sich. Noch jeder israelische Freund warnte mich vor gesellschaftlichen Konsequenzen, sollte ich die Vorhaut meines Sohnes nicht abtrennen lassen. Wie stünde mein Knabe in Kindergarten, Schule oder Armee da, wenn im Klo oder in der Dusche seine Eichel verdeckt bliebe? Muss mein armes Kind am Ende den Preis zahlen für meine Entscheidung?

Ich war als Kind der einzige Jude auf einer deutschen Schule, doch das andersartige Anhängsel zwischen meinen Beinen war nie Gesprächsstoff oder Auslöser eines Problems. Keiner der wenigen unbeschnittenen Israelis, mit denen ich sprach, berichtete mir von Traumata, Hänseleien oder Diskriminierung - im Gegensatz zu denen, die mit dicken Brillen oder Zahnspangen in den Kindergarten kamen.

Am meisten sympathisiere ich mit dem Dilemma der Diaspora. Für mich, der nach Israel auswanderte und dort unter Juden lebt, ist es leicht sicherzustellen, dass meine Kinder ihr Judentum auch für weitere Generationen bewahren werden. Andernorts ist dies eine gewaltige Herausforderung. Die Versuchungen sind vielfältig, der Assimilationsdruck ist groß. Was ist leichter und andauernder als durch den kleinen, wenig traumatischen Eingriff sicherzustellen, dass mein Sohn sich mehrmals täglich beim Pinkeln seine Wurzel und eine Erinnerung an seine Herkunft vor Augen und in Händen hält?

Doch dieses Argument degradiert Zugehörigkeit zu einem sofort löslichen Begriff, einem Instant-Kniff, der es uns ersparen soll, Liebe zur jüdischen Tradition durch geduldige Erziehung und das Vorangehen mit eigenem Beispiel zu wecken. Den meisten von uns ist es bequemer, beim Fest des Brith Shrimps zu servieren, als den Schabbat einzuhalten.

Das Urteil der Kölner Richter macht es Juden wie mir nicht leichter. Es erinnert an die Beschneidungsverbote des Seleukidenkönigs Antiochos Epiphanes oder des römischen Kaisers Hadrian. Die waren Inkarnationen des Bösen. Sie wollten nicht die Rechte jüdischer Kinder bewahren, sondern das Judentum auslöschen. Hunderttausende Märtyrer ließen damals für die Aufrechterhaltung unseres Brauchs das Leben.

Nachdenken und diskutieren

Kann man den toten Helden ausgerechnet jetzt den Rücken kehren? Kann man den Wunsch, seinen Sohn nicht zu beschneiden, anders interpretieren als Verrat?

Das Urteil der nichtjüdischen Richter in Köln sollte Anlass für zwei urjüdische Akte sein: nachdenken und diskutieren. Wir brauchen keine Rechtssicherheit, sondern eine Denkpause. Juden sollten die kommenden 15 Jahre in Deutschland nutzen, um sich zu vergegenwärtigen, warum sie ihre Söhne beschneiden: ob sie das wirklich wollen oder nur aus Angst davor tun, anders zu sein. Die Feier des Brith am achten Tag nach der Geburt könnte ein wichtiger symbolischer Akt werden, in dem der Vater nicht seinen Sohn zu seiner Religion verdonnert, sondern sich selbst dazu verpflichtet, ihm ein bedeutungsvolles Judentum vorzuleben und zu übermitteln.

Wenn meine Erziehung zum Judentum dazu führt, dass mein Sohn eines Tages als mündiger, überzeugter Jude von seinem Vater fordert, ihn endlich zu beschneiden, dann werde ich seinen Wunsch erfüllen, mit Liebe, Stolz und Schmerz. Aber nicht früher.

Quelle: F.A.S.
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