Bologna und die Bachelorisierung

So geistvoll wie die Rechtschreibreform

Von Rüdiger Görner
11.12.2009
, 06:41
Ein Student demonstriert während der Kultusministerkonferenz an diesem Donnerstag in Bonn
In den deutschen Hörsälen und Seminaren rumort es zu Recht. Denn die Bachelorisierung erweist sich, kaum ist sie nach britischen Bologna-Maßgaben zwischen Rhein und Oder eingeführt, als verfehlt. Eine Verkürzung der Studiendauer war sinnvoll, aber nicht um den Preis einer geistigen Selbstamputation.
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Es rumort wieder in deutschen Hörsälen und Seminaren, und das zu Recht. Denn die Bachelorisierung erweist sich, kaum ist sie nach britischen Bologna-Maßgaben zwischen Rhein und Oder eingeführt, als verfehlt. Wenn es einen geistig-institutionellen Besitzstand in deutschen Landen gab, der verteidigenswert schien, dann war dies ihr anspruchsvolles, mehrstufiges und inhaltlich plurales Studiensystem. Eine Verkürzung der Studiendauer war sinnvoll, aber nicht um den Preis einer geistigen Selbstamputation.

Man wollte sich durch Bachelor-Studiengänge internationalisieren mit dem immer wahrscheinlicher werdenden Ergebnis, dadurch das Bildungsniveau zu provinzialisieren. Was sich da gegen alle kritischen und sachverständigen Einwände vor unser aller Augen vollzogen hat, die Selbstpreisgabe eines zugegeben kostenaufwendigen, aber inhaltlich gewichtigen, durch und durch demokratischen und qualitativ hochstehenden Studiensystems, um das man die Bundesrepublik Deutschland „draußen“ eher beneidet hatte, gehört zum Fahrlässigsten, was sich deutsche Kultur- und Wissenschaftspolitik leisten zu müssen geglaubt hat. Diese „Vereinfachungen“ in den Studienstrukturen waren so geistvoll wie sonst nur die Rechtschreibreform, die bekanntlich zu einer „Ortogravieh“ geführt hat.

Eine Reform der Reform bleibt in beiden Fällen die einzige Lösung, sofern sie nicht zu Verschlimmbesserungen führt. (Die ironische Pointe der gegenwärtigen bundesdeutschen Studentenproteste ist übrigens, dass sie mit einer Solidarisierung mit studentischen Protesten in Österreich begannen, die sich freilich auch gegen eine Überflutung der alpenrepublikanischen Universitäten durch deutsche Studenten richteten und in der Wiener Boulevardpresse - in seltener Sympathie für intellektuelle Anliegen - antideutsche Stimmungsmache nach grotesk-bewährtem Muster erzeugten.) Ist nun damit zu rechnen, dass sich vor allem die Hochschulen, denen es gelingen wird, sich in Stiftungsuniversitäten umzuwandeln, aus dem Bologna-Korsett befreien werden?

Studentprotest an der Universität Gießen
Studentprotest an der Universität Gießen Bild: ddp

Aber es zeigen sich inzwischen auch ganz andere, bologna- und bachelorunabhängige Problemfelder bundesdeutscher Universitätspolitik. Wie wird es um die bleibende Wirkung der Exzellenzinitiative bestellt sein? Die von solchen Initiativen profitierenden Nachwuchswissenschaftler brauchen Perspektiven, sprich attraktiv ausgestattete Stellen, damit sich die einmal unter Beweis gestellte Exzellenz verstetigen lässt und es zu einem kontinuierlichen Wachstum der Qualität in Forschung und Lehre kommen kann.

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Ein Harvard oder Oxford auf deutschem Boden?

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Wie bei allen diesen Fragen geht es letztlich um das, was inhaltlich erreicht, finanziell ermöglicht und politisch durchgesetzt werden soll und kann. Von Anbeginn problematisch war die Vorstellung, Harvard oder Oxford auf deutschem Boden schaffen zu wollen. Vielmehr kann es hierzulande doch nur darum gehen, das, wofür die deutschen Universitäten standen und im Grunde weiter stehen, sich weiter entfalten zu lassen, und zwar gerade als sinnvolle Alternative zum amerikanischen oder britischen Modell. Im Differenten liegt der Reiz, im Mut zum Unterschied. Gleichheit im Bildungsbereich meint in erster Linie Chancengleichheit, aber doch nicht Austauschbarkeit der Studienprogramme und über Jahrhunderte gewachsener Strukturen.

Bildung ist mehr als Ausbildung; doch ohne berufsbezogene Ausbildung lässt sich der gesamtgesellschaftliche Wert von Bildungspolitik nur schwerlich nachweisen. Zu den unbestreitbaren „Standort“- Vorzügen des deutschen Bildungswesens gehört seine Mehrschichtigkeit. Fernhochschulen, Akademien, Volkshochschulen, Fachhochschulen - und mit ihnen verbunden das in sich differenzierte Berufsschulwesen -, staatliche und inzwischen mancherorts erfolgreiche private Universitäten - von Bremen bis Friedrichshafen - nebst Corporate Universities - ich denke an das Wolfsburger Modell des „Mobile Life Campus“ - und die reinen Forschungsinstitute stellen einen staunenswerten und unbedingt verteidigenswerten Reichtum an Vielfalt dar. Fraglos gilt es, diesen Reichtum permanent zu aktivieren, um die Attraktivität dieser Vielfalt und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.

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Hochschulen sollten ihre Stundenten auswählen können

Dabei ist offenkundig, dass nicht jede Fachhochschule in einem globalen Wettbewerb mithalten kann. Die regionale, nationale und globale Bedeutung dieser Institutionen bezeichnet eine in sich wertvolle Differenzierung, die durch ihre jeweiligen bildungspolitischen Aufträge und wissenschaftspolitischen Ambitionen definiert ist. An dieser definierten Pluralität sollte unbedingt festgehalten werden. Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass die Hochschulen, und zwar alle, ihre Studenten auswählen können. Bewerbern ist durchaus damit gedient, wenn eine Hochschule ihnen sagt, dass sie nicht für das Studium geeignet sind, sondern einen anderen Ausbildungsweg wählen sollten. Noch immer gilt, dass der erfolgreiche Facharbeiter selbsterfüllter sein kann als derjenige, der am Anspruch wissenschaftlichen Arbeitens als Schein-Student scheitert.

Hochschulpolitische Perspektiven hängen in der Bundesrepublik Deutschland wie auch anderswo in der EU von bildungs- und wissenschaftspolitischen Zielvorgaben und Grundsatzentscheidungen ab. Andere Faktoren kommen hinzu, in erster Linie die weitere Entwicklung und Funktion(serweiterung) des „European Research Council“, aber auch die Frage, wie sich der Lissabonner Vertrag auf die Hochschulpolitik auswirken wird.

Die einen verstehen ihn als ein Instrument, die Bologna-Vereinbarungen sichern zu helfen, andere - zu ihnen gehört erfreulicherweise das bundesdeutsche Parlament - haben sich durch hochschulpolitische Begleitgesetze (Sommer 2009) beim Ratifizierungsprozess eine gewisse föderalistisch begründete Flexibilität gesichert. Inzwischen besteht die Gefahr, dass sich diejenigen Universitäten, die es sich finanziell leisten können (etwa künftige Stiftungsuniversitäten), aus dem ungeliebten Bologna-System verabschieden werden, wodurch ein hochschulpolitisches Zweiklassensystem entstehen dürfte.

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Kein “Modellfall Britannien“

Ein vergleichender Blick auf den Bologna-“Modellfall Britannien“ lehrt jedoch, dass die universitären Verhältnisse in Deutschland, so kritisch sie sein mögen, einen erheblichen Unterschied aufweisen: Gerade auch durch die Exzellenzinitiative haben die Universitäten ihre inhaltliche Gestaltungskraft zurückgewonnen. Sie reagieren nicht nur auf ministerielle Erlasse (wie in Britannien); sie agieren, setzen eigene Prioritäten und haben sich gesamtgesellschaftlich wieder ins Gespräch gebracht. Dass Bund und Länder auf Bildungsinvestitionen setzen (wie auch Skandinavien, Australien und zumindest ansatzweise die Vereinigten Staaten), um auch dadurch der globalen Wirtschaftskrise zu begegnen, unterscheidet sich wohltuend von den Verhältnissen in Britannien (aber auch in Spanien).

Der Stellenabbau an den britischen Hochschulen beschleunigt sich. Im vergangenen Jahr wurden 1300 Stellen gestrichen; angesichts der bevorstehenden Kürzungswelle geht das „Higher Education Funding Council“ von weiteren 5000 Stellen aus, die vor der Streichung stehen. Das für die britischen Universitäten zuständige Handelsministerium (!) gewichtet die künftige Förderungspolitik eindeutig zugunsten der harten Fächer, also Naturwissenschaften und Technologie. Ein „Jahr der Geisteswissenschaften“ ist auf den Britischen Inseln längst nicht mehr vorstellbar.

Wissenschaft diene der „Selbstbesinnung und Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge“, befand Max Weber in seiner Bekenntnisschrift „Wissenschaft als Beruf“ (1917/19). In der heutigen Lern- und Wissensgesellschaft bietet die Universität nach wie vor Strukturen, Qualifikationen, Orientierungsmodelle in den Informationstaifunen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Sie soll auch weiterhin als Institution vermitteln zwischen Spezialwissen und fächerübergreifendem Studium generale. Aber sie soll auch sich selbst und ihre „Relevanz“ nach außen hin darstellen können.

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Wissenskommunikatives Bewusstsein

Denn im Zeitalter der medialen Kommunikation kommt der Darstellbarkeit von Forschungsfeldern eine erhöhte Bedeutung zu, wobei freilich die Gefahr besteht, durch medienwirksame Effekthascherei für diese oder jene Disziplin zu punkten und so um die öffentliche Gunst und damit Fördermittel zu buhlen. Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass die Gehirn- und Gedächtnisforschung davon profitiert, dass einige ihrer prominenten Vertreter, etwa Eric Kandel und Jürgen Lenk, exzellente Stilisten sind. Gleiches gilt für die Genforschung und Steven Pinker sowie Richard Dawkins.

Das Beispiel von Richard Dawkins belegt überdies, wie wichtig es geworden ist, den Bereich „public understanding of science“ zu untersuchen - so lautet bezeichnenderweise die Titulatur seines Oxforder Lehrstuhls. Und das wiederum möge deutschen Universitäten Anregung sein: Einen solchen Lehrstuhl sollte sich jede Universität leisten, ohne ihn deswegen an einen geklonten Dawkins vergeben zu müssen. Denn der Schritt von der Weberschen Wissenssoziologie zur Dawkinsschen Wissenskommunikation ist in unserer Zeit ein folgerichtiger, sofern er von kritischer Wissenschaftsgeschichte begleitet wird.

Auch eine abschließende ironische Pointe soll nicht fehlen: In Britannien denken einige Wissenschaftler produktiv über Wissenskommunikation nach, verlieren aber das Echo dafür in Politik und Gesellschaft; in der Bundesrepublik Deutschland fehlt es vielen Universitäten an diesem wissenskommunikativen Bewusstsein, obgleich sie für ihre Belange (immer noch) ein beachtliches Publikum haben. Ein Sophist, wer Schlechtes dabei dächte!

Der Autor Rüdiger Görner lehrt Germanistik an der Queen Mary University in London und ist Gründungsdirektor des dortigen Instituts für Deutsch-Englische Kulturbeziehungen.

Quelle: F.A.Z.
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