Brunner-Prozess

In der Grauzone

Von Karin Truscheit
02.08.2010
, 13:42
Der Fall der S-Bahn-Schläger von Solln schockierte ganz Deutschland
Nach drei Wochen Verhandlungszeit im Fall Brunner, Dutzenden Zeugenaussagen, Gutachten, Tonbandprotokollen und Tatort-Lichtbildern hat sich im Prozess noch wenig geklärt. Nur eines kann als erwiesen gelten: Nichts ist so klar, wie es lange schien.
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Sie habe gewusst, dass er sterben würde, sagt Yasemin A. vor Gericht. Sie habe es ganz genau gewusst, als sie seine Hand hielt, ihn anschrie, er solle die Augen öffnen, als sie die Sanitäter anschrie, sie sollten schnell kommen, weil er sterbe und sie für ihr Empfinden viel zu langsam die Treppe hinabstiegen, um auf das Bahngleis zu gelangen. Dann erst, als sie gesehen hätten, wie er aussah, seien sie gerannt. Am Hals und an der Hand habe sie seinen Puls gefühlt, ihr Ohr noch auf seine Brust gelegt. „Doch da war nichts mehr.“ Wütend sei sie gewesen, dass keiner gekommen sei und geholfen habe. „Nur ein Herr hat versucht, ihn in die stabile Seitenlage zu bringen. Ich habe gesagt, dass ich Arzthelferin bin, ob ich helfen kann.“ Ganz blau sei Brunner gewesen, habe am Mund geblutet.

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Als „Monster“ beschreibt Yasemin A. in ihrer Aussage vor Gericht die beiden jungen Männer, die angeklagt sind, Dominik Brunner durch Schläge und Tritte getötet zu haben. Sie hätten auf ihn eingeschlagen, vor allem der Größere, der Blonde. Der habe auch auf ihn eingetreten, als Brunner schon am Boden lag, einmal von oben nach unten ins Gesicht. Unter Tränen sagte Yasemin A. vergangene Woche aus, wie sie den 12. September 2009 erlebte, als sie in München am Bahnhof Solln aus der S 7 stieg und auf dem Bahnsteig entlanglief. Doch am 12. September 2009, als sie abends bei der Polizei aussagte, klang das noch ganz anders: „Ich habe nicht gesehen, dass einer geschlagen hat. Ich habe gesehen, dass sie sich umeinanderschmeißen. Ich habe nicht gesehen, ob Herr Brunner geschubst oder geschlagen wurde.“

Zwischen „Nichts gesehen“ und „Monster“ liegen zehn Monate und, wie die Zeugin sagt, unzählige schlaflose Nächte sowie psychologische Beratungen. Ihre Aussagen zeigen abermals, dass sich der Fall Brunner, der in der öffentlichen Wahrnehmung so glasklar schien, spätestens nach drei Wochen Verhandlungszeit, nach Dutzenden Zeugenaussagen, Gutachten, Tonbandprotokollen und Tatort-Lichtbildern, nicht mehr nur in Schwarz und Weiß begreifen lässt. Es gibt auch Grauzonen. Da kann eine Todesursache dann schon mal differenzierter ausfallen als „totgetreten“. So starb Brunner an Herzstillstand aufgrund seines vergrößerten Herzens, das der körperlichen Belastung durch Schläge und Tritte nicht gewachsen war. Eine klare Kausalität - so sieht es das Gutachten. Und da müssen Zeugenaussagen auch nicht mit dem übereinstimmen, was derselbe Zeuge vor Monaten vor der Polizei ausgesagt hat. Aus Angst, das alles noch mal zu durchleben, habe sie damals etwas anderes erzählt, unter Schock habe sie gestanden, sagt Yasemin A., als die Verteidiger ihr die Aussagen vom September vor Gericht vorhalten. Und sie reagiert gereizt, als die Verteidigung abermals nachhakt, wie sie sich denn die Widersprüche erkläre: „Dazu möchte ich nichts mehr sagen.“ Das Gericht wird am Ende des Prozesses über die Glaubwürdigkeit der Aussagen zu entscheiden haben und dabei Detailreichtum und die Ähnlichkeit zu anderen Aussagen berücksichtigen. Doch im Moment interessiert den Vorsitzenden vor allem die eine Frage, die über den Tötungsvorsatz mitentscheiden wird: „Wer trat auf Brunner ein, als er am Boden lag?“

Was geschah an jenem Abend in Solln?
Was geschah an jenem Abend in Solln? Bild: dpa

Lebensgefährlicher Tritt

Dass geschlagen wurde, haben beide Angeklagten längst zugegeben, doch Sebastian L. will nicht getreten haben, als Brunner am Boden lag. Beide hätten getreten, sagt hingegen die Staatsanwaltschaft. Beide hätten getreten, als er am Boden lag, sagt eine französische Schülerin, die auf dem Bahnsteig gegenüber stand. Nur einer habe getreten, der Blonde, sagt Yasemin A. vor Gericht. Beide hätten getreten, sagte einer der Schüler im September der Polizei. Die Mädchen, die zu der Gruppe gehörten, die Brunner schützte, sagten hingegen damals, der „Kleinere“, Sebastian L., habe sich zurückgehalten, als Brunner am Boden lag. An der Schläfe Brunners lasse sich ein rundes Bogenmuster erkennen, das sehr wahrscheinlich mit dem Bogenmuster einer Reebok-Schuhsohle übereinstimme, sagt die Sachverständige für Form- und Werkzeugspuren beim Bayerischen Landeskriminalamt vor Gericht. Auch ein eher eckiges Muster wie von Converse-Turnschuhen - Sebastian L. trug Converse-Schuhe - sei zu erkennen, allerdings nicht mit Gewissheit. Den Converse-Schuhabdruck wiederum mag der rechtsmedizinische Gutachter nicht erkennen, allerdings das Verletzungsmuster, wie es ein Reebok-Schuh hinterlassen könnte, wenn mit voller Wucht zugetreten wird. „Lebensgefährlich“ sei dieser Tritt gewesen, heißt es in seinem Gutachten. „Merk dir meine Schuhe“, soll Markus S. zu Brunner gesagt haben, als er ihm in der Bahn gegenübersaß und Brunner den jungen Männern ankündigte, über sie bei der Polizei auszusagen.

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Gerade mal fünf Fehltage hatte Markus S. in seiner aktiven Zeit als Schüler an der Realschule. Ein vollkommen „unauffälliger Schüler“, meint seine Lehrerin, die als Zeugin geladen ist, beurteilen zu können. Nie hätte sie ihm so etwas zugetraut, sagt seine frühere Freundin weinend vor Gericht. In der achten Klasse blieb Markus S. wegen einer Fünf in Englisch, Erdkunde, Physik und Mathematik sitzen, nachdem er gerade von der Hauptschule auf die Realschule gewechselt war. Zwei-, dreimal wurde er mit einem Verweis bedacht wegen „unverschämten Verhaltens im Unterricht“. „Haben Sie mal mit den Eltern gesprochen?“ - Nein, sagt die Lehrerin, dazu habe es keinen Anlass gegeben. „Das Verhalten war nie so auffällig, dass ich die Eltern kontaktiert hätte.“

„Große private Probleme“

Markus S. verließ die Schule, sollte dann in einem Lehrgang den qualifizierten Hauptschulabschluss machen, Ausbildungsziel Kfz-Mechatroniker. Auch hier bescheinigen ihm die Pädagogen ein „typisches Jugendlichenverhalten“ und meinen damit, dass er oft zu spät kam und seine Verspätungen dann mit „Langeweile“ oder „Lustlosigkeit“ erklärte. Doch nie sei er „gewaltmäßig“ aufgefallen. Nie sei er aggressiv gewesen. Im Gegenteil: immer hilfsbereit, besonders seinen Mitschülern gegenüber. „Markus hat oft beschwichtigt, wenn seine Mitschüler zum Beispiel kritisiert wurden, weil sie zu spät kamen.“ Praktika absolvierte er zur Zufriedenheit der Betriebe, auch die Lehrer waren der Ansicht: „Der schafft das.“ Doch vom Frühjahr 2008 an kam er immer seltener zur Schule. „Er hat eigentlich nur im Unterricht mit Musik in den Ohren gesessen. Er hat nur gewartet, bis es vorbei ist.“ Er habe große „private Probleme“, sagte Markus S. damals dazu. Die Eltern versprechen den Lehrern, ihn persönlich zur Schule zu bringen. Doch es wurde nur schlimmer. Statt Schule nun: Diebstahl, gefährliche Körperverletzung, räuberische Erpressung. Im Frühjahr 2009 bedrohte Markus S. nachts auf der Straße einen Mann mit einer geladenen Gasdruckpistole und forderte Geld. Eine Ausnahmesituation wegen der Inhaftierung seines Bruders, heißt es dazu in den Akten.

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Gürtelschließen hat Sebastian L. mal gestohlen, und das gehört neben unerlaubtem Drogenbesitz und räuberischer Erpressung zu den größeren Delikten, die dem 18 Jahre alten Sebastian L. zugerechnet werden. Halbwaise ist er, die Mutter liegt nach einem Hirnschlag als Pflegefall im Krankenhaus, der Vater starb an einem Hirnschlag. Sebastian L. fand ihn tot in der Wohnung. Danach kam er von einem Heim zum nächsten, nirgendwo wollte er sich einfügen und länger als ein paar Wochen bleiben. Die Hauptschule brach er ab. Zum Schluss ist er in München in einer Wohngemeinschaft der Suchthilfeeinrichtung Condrobs untergebracht, kann alten Freunden und schlechten Gewohnheiten treu bleiben. Eigentlich sei es ihm immer darum gegangen, „Spaß zu haben und abzuhängen“, sagt eine Freundin vor Gericht. Dazu brauchte die Clique nicht viel: Marihuana, ein paar Bierflaschen und eine Tischtennisplatte auf einem Spielplatz.

Keine Miene verzogen

Während der Verhandlung lassen Markus S. und Sebastian L. im Gericht jeden Tag und jeden Zeugen über sich ergehen. Sebastian L. hat meist den Arm auf dem Tisch aufgestellt und legt das Kinn in die Hand. Keine Regung im Gesicht, als die Lebensgefährtin von Dominik Brunner erzählt, dass Brunner Aggressionen gehasst habe, dass er kurz vor der Tat noch extra in das Haus neben seinen Eltern gezogen sei, um ihnen im Alter beizustehen. Dass Mutter und Vater nun beide im Krankenhaus seien, weil sie den Tod des einzigen Sohnes nicht verkraften. „Es geht ihnen sehr schlecht.“ Keine Miene verziehen sie auch, als das Handyband vorgespielt wird, das den Kampf auf dem Bahngleis dokumentiert.

„Oinen erwischt's gleich“, sagt Brunner auf dem Band, in der übernächsten Sekunde: „Ich nehm einen mit.“ Aufgeregt klingt er da, gehetzt, unter Druck, ganz anders als fünf Minuten zuvor, als er um 16.05 Uhr aus der S-Bahn heraus die Polizei ruft. Ruhig nennt er da seinen Namen, gibt auf Hochdeutsch S-Bahn und Richtung an und meldet zwei junge Männer, die zwei andere Jugendliche ausrauben wollen. „Wie kommen Sie darauf?“, fragt der Polizist in der Notrufstelle. „Weil sie das gesagt haben“, antwortet Brunner ruhig. „Zu Ihnen?“ - „Nein, sie haben mir gegenübergesessen. Ich steig jetzt mit denen (gemeint sind die Schüler) aus in Solln.“ - „Sie warten am Bahnhof. Machen Sie sich bemerkbar, wenn die Polizei kommt.“ - „Ja.“

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Was passierte in den Sekunden auf dem Bahnsteig? Ein 50 Jahre alter Jurist, der gerade 1000 Meter im Schwimmbad hinter, eine Vernissage und eine Geburtstagseinladung vor sich hat, geht in Boxerstellung, ballt die Hände zu Fäusten und schlägt einem jungen Mann ins Gesicht? Vielleicht habe er ja nicht nur die Schüler schützen, sondern unbedingt noch die beiden Jungs der Polizei übergeben wollen, sagt die Verteidigung. Und der S-Bahn-Fahrer sagt sogar, Brunner habe ohne ersichtlichen Grund zugeschlagen.

Könnte Brunner zuerst geschlagen haben?

Ruft man vorher ordnungsgemäß die Polizei, wenn man mit den eigenen Fäusten zwei Halbstarken Benimm beibringen will? Fängt man „grundlos“ eine Schlägerei an, wenn man sich körperlich eigentlich schon verausgabt und noch gediegene Pläne für den späteren Nachmittag hat? Oder könnte Brunner zuerst geschlagen haben, weil er durch Worte, Gesten und körperliche Nähe in die Enge getrieben, bedroht wurde? Schleudert man dann laut ein „Gleich knallt's!“ raus? Oder, wie Brunner es tat, aufgeregt auf Bayerisch: „Oinen erwischt's gleich“? Auch diese Sichtweise wird durch Zeugenaussagen belegt, wonach die Angeklagten auf ihn zugegangen seien, gesagt haben: „Jetzt schlagen wir euch.“

Die Sekunden beim Aussteigen, die über Leben und Sterben entscheiden sollten, werden auch für den Mordvorwurf ausschlaggebend sein: Rache sieht die Staatsanwaltschaft als Mordmerkmal. Rache wollten die beiden an Brunner nehmen für den von ihm vereitelten Versuch, von Kindern mit Gewalt Geld zu erpressen. Die Jugendlichen seien doch erst ausgerastet, als Brunner Markus S. geschlagen habe, sagen hingegen die Verteidiger. Aber warum sind sie nicht sitzen geblieben in der S 7? Warum sind sie gerade in Solln ausgestiegen, obwohl sie eigentlich zwei Stationen vorher hätten aussteigen müssen? Obwohl sie zudem wussten, dass Brunner vor ihren Augen die Polizei gerufen hatte? Waren sie zu alkoholisiert, um klar denken zu können? Markus S. hatte nach dem Gutachten zur Tatzeit ungefähr einen Blutalkoholwert von zwei Promille, dazu kamen Reste vom Cannabiskonsum. Sebastian L. dagegen hatte null Promille Alkohol im Blut. Bei beiden sei die Steuerungsfähigkeit nicht eingeschränkt gewesen, dazu sei Markus S. zu sehr an Alkohol gewöhnt gewesen.

Doch auch das Gutachten über Blutalkoholgehalt und Tetra-Hydro-Cannabinol-Spuren, genauso wie das Gutachten über Misch-DNA-Spuren an blutigen Sweatshirts, Bogenmuster von Schuhsohlen wie all die Sachverständigenaussagen über ventrikuläre Extrasystolen und extrathorakale Herzmassagen, kommt nicht an dem einen Satz vorbei, den auch die Augenzeugin Yasemin A. vor Gericht sagt: „Im Endeffekt ist Herr Brunner tot.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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