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Deutsche Kriegsverbrechen

Verantwortung ohne Schlussstrich

Von Eckart Lohse, Fivizzano
 - 18:46
Gemeinsame Geste: Mattarella und Steinmeier in Fivizzano

Es waren einige hundert Menschen gekommen, die in der sonntäglichen Mittagshitze ausharrten. Die Fenster der Häuser rund um den Marktplatz des toskanischen Ortes Fivizzano waren geöffnet, aus manchen hing die italienische Flagge. Gleich zwei Präsidenten erwarteten die Anwohner geduldig. Ihren eigenen, Sergio Mattarella, und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Beide waren gekommen, um zu gedenken und zu mahnen. Zu gedenken der Opfer des Nationalsozialismus in der Region, zu mahnen, dass solche Verbrechen sich niemals wiederholen. Dass Europa nicht mehr zurückfalle in aggressiven Nationalismus. Das Städtchen in der Toskana war gewählt worden, weil hier im Jahr 1944 Nationalsozialisten Hunderte Zivilisten töteten.

Mattarella, der viel Beifall erhielt, zitierte den italienischen Schriftsteller und Holocaustüberlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Ohne dass er die rechtspopulistische und sehr europakritische Bewegung in Italien, die gerade so viel Zuspruch hat, ausdrücklich erwähnen musste, wusste jeder im Publikum, wer zumindest auch gemeint war. Vor ihm hatte Enrico Rossi gesprochen, der Präsident der Region Toskana, und er wählte ebenfalls deutliche Worte: „In Europa kommt es zu neuen Mauern, es gibt eine neue Art von Nationalismus. Man behauptet, es gebe eine Invasion.“ Man spreche wieder von „Rassen“, sagte Rossi. Er nannte das einen „schweren Fehler“.

Das Gebiet der heutigen Verbandsgemeinde Fivizzano war während der Zeit der deutschen Besatzung Italiens im Zweiten Weltkrieg mehrfach Schauplatz deutscher Kriegsverbrechen gewesen. Zwischen dem 5. Mai und dem 13. September 1944 wurden in den Ortsteilen Mommio, San Terenzo, Bardine di San Terenzo, Vinca und Tenerano mehrere hundert Zivilisten getötet, maßgeblich von Mitgliedern der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ unter Führung von SS-Sturmbannführer Walter Reder. Die Deutschen betrachteten ihre Tötungsaktionen gegen Zivilisten, unter ihnen viele Frauen und Kinder, als Vergeltungsmaßnahmen nach Partisanenangriffen oder als „Säuberungsmaßnahmen“.

Steinmeier hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen. Er hielt seine 15 Minuten lange Rede in der drückenden Wärme im Zelt auf dem Marktplatz von Fivizzano auf Italienisch. Er hatte das bei anderer Gelegenheit schon einmal gemacht und sich offenbar gut vorbereitet. Er spricht ein ordentliches Italienisch, das er kraftvoll vortrug. Als er sagte, er stehe hier als deutscher Bundespräsident und empfinde „ausschließlich Scham über das, was Deutsche Ihnen angetan haben“, wurde seine Rede von starkem Beifall unterbrochen. „Es ist eine Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt.“

„Wer vergisst, wird anfälliger für Intoleranz“

Steinmeier dürfte nach Auskunft des Bundespräsidialamtes zwar „in Kürze“ zu einem Staatsbesuch nach Italien reisen. Dazu hatte ihn Mattarella bei dessen Besuch in Berlin im Januar eingeladen. Doch hat der Bundespräsident sich entschieden, das Gedenken ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu trennen von den politischen Gesprächen, die bei Staatsbesuchen üblich sind. Er wollte nicht, dass es nur ein Tagesordnungspunkt unter mehreren ist. Daher die gesonderte Reise am Sonntag. Er ist schon mehrfach an italienische Orte gereist, an denen deutsche Soldaten zu Zeiten des Nationalsozialismus Massaker an der Zivilbevölkerung verübt hatten. In seiner Zeit als Außenminister hatte Steinmeier mit dem italienischen Außenminister Franco Frattini 2008 eine deutsch-italienische Historikerkommission ins Leben gerufen, die das deutsche Vorgehen in ihrem Abschlussbericht als „Krieg gegen die Zivilbevölkerung“ bezeichnet und zahlreiche Projekte betreibt zur Aufarbeitung.

Steinmeier stellte seine Worte und seinen Besuch in den Zusammenhang der von ihm kritisch beurteilten Entwicklung Europas. Wer um die Vergangenheit wisse, der werde besser gerüstet sein für eine gemeinsame europäische Zukunft. „Wer aber vergisst, ist schwächer, der wird anfälliger für Intoleranz und Gewalt.“ Man dürfe nicht vergessen, „damit unser Bewusstsein nicht wieder verführt wird und sich verdunkelt“.

Es gibt auch tröstliche Worte

Das gemeinsame Europa, so sagte der Bundespräsident in Fivizzano, gründe auf dem Wissen um die Verführbarkeit des Menschen. Es gründe auch auf einem Versprechen, dass es nie wieder entfesselten Nationalismus und Krieg auf dem europäischen Kontinent gebe, nie wieder Rassismus, Hetze und Gewalt. „Daran müssen wir uns erinnern, gerade in Zeiten, in denen das Gift des Nationalismus wieder einsickert in Europa.“ Diese Aussage von präsidialer Grundsätzlichkeit dürfte auch gedacht gewesen sein als Botschaft an die europakritischen Kräfte in der italienischen Regierung.

Einige seiner Zuhörer, so wandte sich Steinmeier an diese, empfänden das Leid sicherlich als noch größer, weil die meisten Täter nie zur Rechenschaft gezogen worden seien. In Deutschland habe es viel zu lange gedauert, bis sich an die deutschen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Italien erinnert worden sei. Auch die juristische Aufarbeitung habe in Deutschland „viel zu spät“ begonnen. Deutschland sei damit seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Doch fand der Bundespräsident auch Tröstliches, so „unwahrscheinlich, ja unbegreiflich das erscheinen möge“. Er empfinde in Fivizzano auch Dankbarkeit. „Denn Fivizzano ist heute nicht allein ein Ort des Gedenkens, sondern ein Ort der Versöhnung und der Begegnung geworden.“

Bereitschaft zur Versöhnung und Freundschaft

Das gebe ihm Hoffnung, das gebe den Deutschen Hoffnung – „und ich glaube, das kann allen Menschen Hoffnung geben“. Zu verdanken sei diese Hoffnung vor allem den Überlebenden und Nachfahren, von denen so viele bereit gewesen seien, „die Hand zu reichen über den Abgrund unserer Geschichte hinweg“.

Zu verdanken sei es jedoch auch Menschen wie Udo Sürer, sagte Steinmeier an die Adresse des ebenfalls nach Fivizzano gekommenen Deutschen. Sürer, ein Anwalt aus Lindau, wurde zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Sein Vater war beteiligt an den Verbrechen in Fivizzano. Der Sohn hat diesen dunklen Teil der Familiengeschichte aufgearbeitet und war schon vor geraumer Zeit nach Fivizzano gereist und hatte Kontakt zu den Einwohnern gesucht. Man machte ihn zum Ehrenbürger der Gemeinde. „Sie hatten den Mut, sich der Vergangenheit Ihres Vaters zu stellen und hier nach den Spuren dieser Vergangenheit zu suchen – und das Gespräch zu suchen“, sagte Steinmeier zu Sürer. Vergebung und Versöhnung könne man nicht verlangen, sie könnten nur gewährt werden. „Wir Deutschen sind zutiefst dankbar für die Bereitschaft zur Versöhnung und die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern, die daraus erwachsen ist.“

Heute umfasst die Gemeinde Fivizzano in der Region Toskana fast hundert Dorfteile, es leben dort insgesamt 7500 Einwohner. Steinmeier traf sich am Sonntag auch mit zwei Überlebenden der Massaker. Luisa Chinca, eine Rentnerin, die in San Terenzo Monti lebt, war fünf Jahre alt, als am 19. August 1944 ihre Mutter, vier Tanten väterlicherseits und ein Cousin von den Deutschen ermordet wurden. Andrea Quartieri, der in Vinca lebt, war 13 Jahre alt, als er dort am 24. August 1944 ein Massaker überlebte. Bei diesem starben seine Großeltern mütterlicherseits und mehrere seiner Cousins.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lohse, Eckart
Eckart Lohse
Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.
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