Castor-Widerstand im Wendland

Demo für Dummies

Von Merle Hilbk, Wendland
07.11.2010
, 10:35
Auf dem Acker: Zwischen Dannenberg und Splietau befindet sich der Kundgebungsort
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Zwischen Feldküche und Kompostklo üben die Castor-Gegner in Camps mit perfekter Infrastruktur. Der nationale Protest ist hier seit Jahren generationsübergreifend. Mitmachen kann jeder: Die Aktionstrainings werden sogar simultan ins Russische übersetzt.
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Das Wendland wirkt, als wäre es von den Zeitläuften nur sanft gestreift worden. Die Elbe strömt breit und behäbig dahin, Wälder dehnen sich bis zum Horizont, wie hingetupft liegen die Gehöfte in den Wiesen. Die Fachwerkfassaden sind sorgsam renoviert, die Hofeinfahrten gepflastert. Ein Ort, an dem man dem Gedanken verfällt, dass die Dinge beständig sind, die Welt grundsätzlich gut ist.

Wären da nicht die gelben Kreuze an den Bäumen, die Puppen mit den Fratzengesichtern, die gigantische, in gleißendes Licht getauchte Halle im Wald. Eine Landschaft mit Doppelgesicht: In dieser Halle lagert hochradioaktiver Atommüll, 93 Castorbehälter, deren Inhalt über viele hunderttausend Jahre strahlt. Besser gesagt: Er steht dort herum, auf ungewisse Zeit. Ein Endlager gibt es immer noch nicht. Es ist wieder November, der Monat, in dem die heiße Fracht aus der französischen Aufbereitungsanlage angeliefert wird. Und Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet anreisen, um zu protestieren, „gewaltfrei und entschlossen“, wie das Motto heißt.

Duschen, Kompostklos, Feldküche, Veranstaltungs- und Sanitätszelte

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Ein Protest, der von einem schwer überschaubaren Geflecht an Aktionsgruppen, Bürgerinitiativen und Bündnissen organisiert wird. Sie sorgen dafür, dass jeder, der mitmachen will, auch mitmachen kann. Ein paar Mausklicks, und schon hat man einen Platz in einem modernen Reisebus, der einen direkt an den Ort des Geschehens bringt, Protestutensilien wie Fahnen, Motto-T-Shirts und Tröten im Briefkasten. Dazu Vollverpflegung am Ort und einen Schlafplatz. Demo for Dummies.

Jeder kann mitmachen: Protestutensilien kommen per Post
Jeder kann mitmachen: Protestutensilien kommen per Post Bild: AFP

„Der generationsübergreifende Protest, der in Stuttgart als vorbildlich gepriesen wird, ist im Wendland seit Jahren Usus“, sagt ein Bauer, der auf seinem Schlepper Heu in das Camp der „Bäuerlichen Notgemeinschaft“ bringt, Unterlage für Hunderte von Schläfern. Sechs Camps wurden in den letzten Tagen entlang der Castor-Strecke errichtet; mobile Zeltstädte, in denen die zusammenfinden, die „aktiv blockieren“ wollen, sich also an einer Sitzblockade, Menschenkette oder dem „Schottern“ der Gleise beteiligen wollen. Der harte Kern der Atomkraftgegner, der tagelang auf die Castoren wartet, von denen niemand weiß, wann genau sie im Wendland eintreffen werden. Denn nicht nur dort werden Schienen blockiert, sondern auch auf der Strecke zuvor.

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Organisiert werden die Camps von der SPD über die „Bäuerliche Notgemeinschaft“ bis hin zum Anti-Atom-Netz „X-tausendmal quer“. Sie alle haben eine perfekte Infrastruktur: Duschen, Kompostklos, Feldküche, Veranstaltungs- und Sanitätszelte, W-Lan. In den Versammlungszelten läuft rund um die Uhr Programm, von der Bezugsgruppenfindung über den SprecherInnenrat, von der Rechtshilfe bis zum Aktionstraining. Was retro klingt oder, wie es ein ehemaliger Seemann im Camp Gedelitz, dem Camp direkt am Zwischenlager, formuliert: „ziemlich sozialpädagogisch“. Deshalb habe er sich auch erst einmal auf ironische Distanz begeben – und sich dann doch voll darauf eingelassen. „Wenn man sieht, was die Leute für Ideen haben und was sie auf die Beine stellen, will man dazugehören!“

„Das Wichtigste sind die Strukturen“

In Gedelitz lassen sich auch ein paar Dutzend Weißrussen in die Techniken des zivilen Ungehorsams einführen; Regimegegner, Umweltschützer und Graswurzelaktivisten. Schließlich hat Weißrussland nicht nur mit den Folgen von Tschernobyl und Diktatur zu kämpfen, sondern bekommt auch ein mit russischen Rubeln finanziertes Atomkraftwerk.

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Die Aktionstrainings, in denen man Konsensfindung und Sitzblockade-Techniken übt, werden simultan ins Russische übersetzt, sodass Ost und West in kleinen „Bezugsgruppen“ gegen die deutsche Polizei zusammenstehen können. „Das Wichtigste sind die Strukturen“, sagt Camp-Betreuer Sebastian. „Ohne die würden die Aktionen nicht so phantasievoll und gewaltfrei ablaufen. Und nicht eine solche Masse an Menschen mobilisieren.“ Eine Masse, die durch den Beschluss von Schwarz-Gelb, die Laufzeiten für die deutschen Meiler zu verlängern, noch breiter und erregter wurde und am Samstag in Dannenberg eintrifft. In Gummistiefeln und Goretex-Jacken marschieren schwäbische, oberbayerische und nordfriesische Reisegruppen von den Parkplätzen aus zum Kundgebungsort. Der befindet sich auf einem abgeernteten Maisacker zwischen Dannenberg und Splietau, unweit des Verladekrans, der die Castoren von der Schiene auf Lastwagen heben wird.

Sitzen ohne Leistungsdruck

Am Himmel knattern Hubschrauber, und überall ist Matsch: vor der Bühne, rund um die Infostände, an denen „Blockadefibeln“ und handgestrickte Mützen verkauft werden, an den Hosenbeinen der Demonstranten. „Wenigstens bekommt man unterwegs Suppe“, freut sich eine Demonstrantin. „Das gab es in Biblis nicht. Dafür war dort das Wetter besser.“ Im Wendland regnet es in Strömen, ein böiger Wind treibt die Wolken wie einen schwarzen Block über den Himmel. Novemberwetter im Norden, „von dem sich die Politik einst erhofft hatte, dass es vom Demonstrieren abhält“, sagt Tim, Politikstudent aus Berlin. „Aber das hat nicht funktioniert.“ Er werde notfalls tagelang auf der Straße ausharren, sich von der Polizei wegtragen lassen. „Für Außenstehende mag das anstrengend erscheinen. Für mich sind diese Blockaden das Entspannendste, was es gibt. Man sitzt einfach nur da, ohne Leistungsdruck und schlechtes Gewissen, weil man gerade nicht für die Uni lernt – und hat gleichzeitig das Gefühl, etwas für die Gesellschaft zu leisten.“

Ob die Polizisten ähnlich empfinden, versuchen zwei Berliner Studenten zu ermitteln. Per Anhalter trampen sie umher, um den Beamten einen Fragebogen über ihre Haltung zum Protest vorzulegen. Leider war unter den Befragten gleich am Anfang ein Einsatzleiter, der Weisung erteilte, die Fragen unbeantwortet zu lassen. „Wir hoffen auf welche, die davon nichts mitbekommen haben“, sagt einer der beiden. „Schließlich brauchen wir Ergebnisse. Sonst gibt’s keinen Schein von der FU.“

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Hörner am frühen Morgen

Von den Empfindungen der Polizisten hat die Waldorfschülerin, die hinter dem „Party&Activism Soundsystem“ hermarschiert, in den vergangenen Jahren einiges mitbekommen. „Die wurden wütend, als wir nicht auf ihre Anweisungen reagierten“, sagt sie. „Den Jungen haben sie sogar die Hoden umgedreht. Ich glaube, dass die geschult werden, ihre Gefühle zu verdrängen.“ Aber geschult sei sie auch: „Mein Vater ist in der Bürgerinitiative. Er hat mir beigebracht, keine Angst zu haben.“

Vor dem Schloss der von Bernstorffs ist eine Jagdgesellschaft eingetroffen. Früh am Morgen erklingen Hörner, Dackel und Terrier bellen aufgeregt. Natürlich werde man sich, wenn der Castor eintrifft, im Wald aufhalten, sagt der Graf. Eine Unterweisung an der Motorsäge. An Motorsägen in allen Größen und Tonlagen. Ein standesgemäßes Aktionstraining. Eine ohrenbetäubende Protestsymphonie.

Quelle: F.A.Z.
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