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Chemnitz in Aufruhr

„Bitte nur Deutschlandfahnen!“

Von Yves Bellinghausen, Chemnitz
Aktualisiert am 01.09.2018
 - 21:38
Woher kommt der Hass?
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Demonstrationen in Chemnitz
Woher kommt der Hass?

Fast zehntausend Menschen kämpfen in Chemnitz auf Demonstrationen um die Deutungshoheit über die Ereignisse der letzten Tage. Zwischenzeitlich droht das Chaos auszubrechen. Doch dann singt Björn Höcke den Rechten ein Schlummerlied.

Am sechsten Tag nachdem Daniel H. erstochen wurde, wollen in Chemnitz sowohl Rechte als auch Linke Demonstranten die Deutungshoheit über die Ereignisse der letzten Woche gewinnen. Schon für den Mittag hat ein breites Bündnis unter dem Motto „Herz statt Hetze“ zu einer Demonstration aufgerufen. Am Abend startet dann das rechte Bündnis aus AfD, Pegida und “Pro Chemnitz“ ihren Schweigemarsch durch die Stadt. Gegen 20 Uhr wird ihre Versammlung aber von der Polizei aufgelöst. Insgesamt sollen knapp 8000 Menschen an diesem Samstag in der Stadt in Sachsen auf die Straße gegangen sein

Schon seit dem Morgen rollen unzählige Streifenwagen und Polizeivans durch die Stadt. Beamte laden Hamburger Gitter von Lastwagen, in der Innenstadt stehen Dutzende Beamte des Kommunikationsteams und erklären den Chemnitzern, was hier in ihrer Stadt eigentlich passiert. Es sei ihm alles ein wenig peinlich, sagt einer der Beamten hinter hervorgehaltener Hand: Die Kommunikationspanne, die am Montag wohl verhindert hat, dass zusätzliche Polizisten der Bundespolizei ihre Chemnitzer Kollegen unterstützten, aber auch das Bild, das der Rest der Republik von Sachsen habe. Sogar internationale Medien schauen fassungslos nach Chemnitz, seit es dort am vergangenen Sonntag zu pogromartigen Ausschreitungen gekommen ist.

„Ich habe in der DDR die SED bekämpft“

Eine Demonstration der MLPD marschiert gegen Mittag durch die Stadt und zieht die Blicke auf sich. Es sind nur ein paar Dutzend Leute aber hier in Chemnitz sind die Leute hellhörig, wenn ein Lautsprecherwagen an ihnen vorbeifährt. Als der Zug von der Brückenstraße in die Bahnhofsstraße biegt, steht ein großgewachsener Mann mit AfD-Kappe an der Straßenecke und schüttelt den Kopf. „Ich habe in der DDR die SED bekämpft, dann die PDS, die Linke und auch die MLPD.“ Später wolle er noch auf die AfD-Kundgebung gehen, sagt er. Dann stellt sich ein Reporter des „Stern“ dazu und will die Geschichte auch noch mal hören. An diesem Samstag prägen Reporter, mit ihren Notizblöcken, gezückten Kameras und Laptops das Straßenbild von Chemnitz mit.

Gegen 15 Uhr beginnt auf einem Parkplatz in der Chemnitzer Innenstadt die Gegendemonstration, zu der unter anderem Dietmar Bartsch und Lars Klingbeil gekommen sind. Mehrere Tausend Menschen haben sich versammelt, es wehen Fahnen von der Antifa, den Gewerkschaften, der Linken, SPD, der EU, ja sogar eine Deutschlandfahne halten sie hier hoch. Es sind viele Leute aus dem linksalternativen Leipzig angereist, aber die meisten Demonstranten sind Chemnitzer. Es wird gesungen, die Stimmung ist betont friedlich. Sie alle sorgen sich um das Image von Chemnitz, sagen sie. „Ich habe Eltern, die rufen mich entsetzt an und fragen, ob sie ihre Kinder noch zum Studieren nach Chemnitz schicken können“, sagt Josef Lutz, Professor für Leistungselektronik an der TU Chemnitz auf der Bühne. „Aber das ist nicht Chemnitz“, ruft er und erntet Applaus.

Auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung demonstrieren AfD und Pegida. Die Demonstranten hier – es sind auch einige Tausend – sind älter und männlicher als bei den Linken. Es wehen Deutschlandfahnen, auch einige tschechische Fahnen sind gehisst, bis die Veranstalter sie über Lautsprecher auffordern, diese einzuholen. „Bitte nur Deutschlandfahnen.“ Hier, bei den Rechten, wird nicht gesungen, sondern viel geschwiegen – zunächst. Denn eigentlich sollte es ein Schweigemarsch sein, aber manchmal bricht es aus ihnen heraus und dann fangen sie an zu grölen. „Wir sind das Volk!“ „Wir sind das Volk!“, hallt es dann durch die Chemnitzer Theaterstraße, in der auch das AfD-Büro ist.

„Lügenpresse!“, „Lügenpresse!“: Kamerateams sind teilweise mit Bodyguards vor Ort, einige Fotografen tragen Helme. Am Nachmittag war bekannt geworden, dass zwei Reporter des MDR bei Dreharbeiten in einem Wohnhaus angegriffen wurden und einer von ihnen eine Treppe heruntergestoßen wurde.

Ein Demonstrant wütet mit rotem Kopf einen ZDF-Reporter an. „Lügenpresse!“ Er berichte doch nur, was die da oben wollen, schreit der Demonstrant dem Reporter ins Gesicht. Der dreht sich entnervt ab.

Als sich gegen 18 Uhr und mehr als einer Stunde Verspätung noch immer nichts getan hat, werden einige Demonstranten unruhig: „Laufen! „Laufen!“ grölen sie. Als der Marsch sich schließlich in Bewegung setzt, sind die Demonstranten dann tatsächlich auffällig still. Nur ein kollektives Murmeln schwebt durch die Luft. Vorne am Demonstrationszug tragen sie Bilder von Opfern, die von Migranten getötet sein sollen. Dahinter unzählige Deutschlandfahnen – die tschechischen wurden eingeholt. Auch Björn Höcke ist dabei.

Nur wenige Minuten läuft der Tross, dann muss er wieder halten, die Polizei stoppt sie, weil auf der anderen Seite Linke demonstrieren. Ausgerechnet an der ikonischen Karl-Marx-Statur stehen sich jetzt Linke und Rechte gegenüber. Die Rechten bleiben stehen und sind noch immer ruhig. Nach gut einer Stunde Stillstand dann fahren Wasserwerfer der Polizei los, die hinter der Karl-Marx-Statue geparkt haben und drehen in Richtung der linken Demonstranten. Die Rechten jubeln und lachen. „Ruuheee“, schreit jemand aus dem Lautsprecherwagen, aber die AfD-Menge ist nicht zu halten.

Die Veranstaltung sei von der Polizei aufgelöst worden, heißt es schließlich vom Lautsprecherwagen. Es droht Chaos auszubrechen, einige wenige wollen die Polizeiabsperrung stürmen. Bis Höcke kommt.

Der Mann, der eigentlich Stargast des Abends sein sollte, vermag es, die wütende Menge zu besänftigen: Er singt die Nationalhymne. Die Demonstranten steigen beseelt mit ein und als sei es ein Schlummerlied, beruhigt die Menge sich. Doch dann ist die Hymne, das Sedativum für die wütende Menge, gesungen. Viele AfD-Demonstranten wollen in Richtung der Linken gehen, da riegelt die Polizei ab.

Einige wenige wollen mit Gewalt die Absperrung durchbrechen, es kommt zu Handgreiflichkeiten, vereinzelt liegen Demonstranten auf dem Boden, ein Polizist schlägt einem Mann ins Gesicht. „Widerstand!“, rufen sie im Chor, „Schieben!“, „Schieben!“, fordern die Demonstranten, die Polizisten zücken ihre Schlagstöcke. „Schützt lieber unsere Grenzen, ihr Verräter!“, brüllt ein Mann mit Sonnenbrille.

Es kommt zu weiteren Handgreiflichkeiten, doch die Lage beruhigt sich langsam wieder, als sich herumspricht, dass man die Brückenstraße, auf der sie gestanden hatten, über andere Auswege verlassen kann. Langsam verteilen sich die Demonstranten und strömen in den Abend, etwa 150 von ihnen rotten sich noch zu einer Spontan-Demo am Tatort der Messerattacke zusammen. Zunächst bleibt es friedlich in Chemnitz.

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Fremdenhass
Tausende demonstrieren in Chemnitz

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Josef Lutz sei Professor für Polytechnik an der TU Dresden. Das stimmt nicht. Er ist Professor für Leistungselektronik an der TU Chemnitz. Wir haben den Fehler berichtigt und bitten, ihn zu entschuldigen.

Quelle: FAZ.NET
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