<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Randale in Chemnitz

Daniel H. war weder Hooligan noch AfD-Anhänger

Von Kim Björn Becker, Chemnitz und Justus Bender, Frankfurt
Aktualisiert am 28.08.2018
 - 21:30
Gedenken an Daniel H. in Chemnitz
Chemnitz ist im Ausnahmezustand. Rechte und Rechtsradikale instrumentalisieren den Tod von Daniel H. Über die eigentliche Tat und das Opfer spricht aber kaum jemand. Vielleicht auch, weil bei der Messerstecherei nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer einen Migrationshintergrund haben.

Der Kreis aus Kerzen und Blumen wird stündlich größer. Das getrocknete Blut ist längst nicht mehr zu sehen, die Spuren der Tat sind schon seit Stunden unter den Symbolen der Anteilnahme begraben. Mehrere Hundert Menschen müssen an diesem Tag schon hierher gekommen sein, haben Kerzen angezündet und Blumen niedergelegt im Gedenken an den 35 Jahre alten Daniel H., der in der Nacht zum Sonntag an dieser Stelle blutend zusammenbrach, nach einem Messerangriff nur wenige Hundert Meter vom Wahrzeichen der Stadt entfernt, dem sieben Meter hohen Karl-Marx-Monument.

Etwas in Chemnitz hat sich verändert seit diesem Wochenende, seitdem bekannt wurde, dass zwei Migranten der Tat verdächtigt werden, ein 22 Jahre alter Syrer und ein 23 Jahre alter Iraker. Die Spannung, die über der Stadt liegt, spürt man auch am Dienstag noch am Tatort. Ein Mann von Mitte 40 bleibt etwas abseits des Kerzenmeers stehen. Es sei schon schlimm, sagt er. In manche Ecken der Stadt könne man abends nicht mehr gehen, seitdem die Bundesregierung vor bald drei Jahren die Flüchtlinge ins Land gelassen habe. Der Mann, Handwerker von Beruf, kommt selbst ursprünglich aus Usbekistan, aus einem Dorf keine 30 Kilometer von der Hauptstadt Taschkent entfernt. Doch er lebe nun seit 15 Jahren hier in Chemnitz, zahle Steuern, Deutschland sei auch sein Land inzwischen, und jene, die kürzlich erst gekommen sind, seien nicht nur Fremde, sondern allzu oft ein Problem.

Die Melange aus Trauer und Wut zeigt sich auch in den Botschaften, welche die Chemnitzer am Tatort hinterlassen haben. Auf einem Zettel wird der Verstorbene in blauer Tinte gewürdigt als „cool“, „lustig“, „nett“ und „hilfsbereit“. Gleich daneben, mit rotem Filzstift, fest aufgedrückt, ist die Tonlage eine andere: „Liebe Presse, ihr wollt den Chemnitzern helfen? Dann gebt ihnen die Zeit zu trauern.“ Die Unterzeichnerin ist nach eigenem Bekunden eine „Wutbürgerin ohne rechten Hintergrund“.

Die Emotionen der Chemnitzer sind aber nicht nur ein Produkt der Tat selbst, sie sind auch geschürt worden. Schon wenige Stunden nach der Tat veröffentlichte das Internetportal „Tag24“ eine Meldung, laut der H. getötet wurde, als er eine Frau gegen sexuelle Belästigung verteidigte. Das war eine Falschmeldung. Die Polizei erklärte, es gebe „keinerlei Anhaltspunkte, dass eine Belästigung der Auseinandersetzung vorausging“. Da war das Gerücht schon im Umlauf, die Stimmung zusätzlich aufgeheizt. Nicht nur fühlten sich viele Deutsche in ihrer Angst bestätigt, dass Ausländer morden und das noch mit Messern. „Das Abschlachten geht immer weiter“, schrieb etwa die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel am Montag auf Facebook. Viele sahen auch das Vorurteil des Migranten bestätigt, der sich an deutschen Frauen sexuell vergehen will. Die Eskalation nahm ihren Lauf.

Der AfD-Kreisverband Chemnitz veröffentlichte am Sonntag auf Facebook ein Foto der Blutlache und rief zu einer „Spontandemo“ um 15 Uhr am Tatort auf. Selbiges taten die rechtsradikalen Fußballhooligans von „Kaotic Chemnitz“, ihre Uhrzeit für das Treffen lautete 16:30 Uhr. Die AfD-Veranstaltung verlief friedlich, die der Hooligans nicht. Videos im Internet zeigen, wie Ausländer von Demonstranten angegriffen werden, insgesamt fünfzig Straftaten zählte die Polizei. Da war die Stimmung aber noch gar nicht auf ihrem Höhepunkt angelangt.

Am Montagabend folgte eine noch größere Mobilisierung. Die rechtspopulistische Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“ rief zu einer Versammlung vor dem Karl-Marx-Denkmal nahe des Tatorts auf. Neben einfachen Bürgern, AfD-Vertretern, gewaltbereiten Hooligans, Pegida-Anhängern nahmen auch Mitglieder der rechtsextremistischen Kleinpartei „Der III. Weg“ daran teil, insgesamt 6000 Menschen. Es wurden Parolen wie „Wir sind das Volk!“ und „Widerstand! – Widerstand!“ gerufen. Ein Mitarbeiter der SPD-Geschäftsstelle der Stadtratsfraktion sah, dass viele Demonstranten – den Nummernschildern ihrer Autos nach zu urteilen – nicht aus Chemnitz und Umgebung stammten. Eine Kolonne „durchtrainierter Männer“ sei aus Berlin angereist.

Es waren nicht genügend Beamte im Einsatz

Rund 1500 linke Gegendemonstranten bezogen ebenfalls Stellung im gegenüberliegenden Stadthallenpark. Mehrere Hundertschaften der Polizei bemühten sich, die gewaltbereiten Demonstranten auseinanderzuhalten – nicht immer mit Erfolg. Es kam zu Zusammenstößen; Flaschen und Pyrotechnik flogen durch die Luft. In Videos ist zu sehen, wie rechtsextreme Teilnehmer den Hitlergruß zeigen. Die Polizei musste zugeben, die Demonstration unterschätzt zu haben. Es waren nicht genügend Beamte im Einsatz, um Straftaten zu verhindern oder alle Straftäter festzunehmen. Bilder einer prügelnden Menge gingen durch die Republik. Als wäre der Rechtsstaat nicht mehr in der Lage, für Ordnung zu sorgen.

„Es darf auf keinem Platz und keiner Straße zu solchen Ausschreitungen kommen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte: „Lassen wir uns nicht einschüchtern von pöbelnden und prügelnden Hooligans. Lassen wir nicht zu, dass unsere Städte zum Schauplatz von Hetzaktionen werden. Hass darf nirgendwo freie Bahn haben in unserem Land.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bot Sachsens Polizei die Unterstützung des Bundes an – und was als Hilfestellung gedacht war, untermauerte zugleich den Eindruck eines überforderten Freistaates. Wohl wissend, welchen Eindruck die Fernsehbilder hinterlassen mussten, bat der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU), nicht ein ganzes Bundesland zu verdammen. „Niemand sollte aus der schnellen Empörung heraus über einem ganzen Bundesland und seinen Bürgern den Stab brechen. Der Freistaat Sachsen und alle, die sich dort für Recht, Ordnung und Offenheit einsetzen, haben unsere Unterstützung verdient und nicht unsere Belehrungen.“

Da war die Debatte also auf die Größe eines ganzen Bundeslandes angewachsen, weit entfernt von ihrem eigentlichen Anlass: dem Tod von Daniel H. am Sonntagmorgen. Vielleicht auch, weil H. in rechtsradikalen Kreisen nur bedingt zur Symbolfigur taugt. Denn bei der Messerstecherei von Chemnitz hatten nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer einen Migrationshintergrund.

Für Cannabis und gegen Rassismus

H. war Deutsch-Kubaner, seine bei der Tat ebenfalls verletzten Bekannten sind Russlanddeutsche. Auf seinem Facebookprofil hatte H. oft Sinnsprüche veröffentlicht, die eine friedliche Grundhaltung ausdrücken, Zitate von Bob Marley und Buddha. Er forderte seine Facebook-Freunde auf, die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ nicht mit dem Islam im Allgemeinen gleichzusetzen. Er positionierte sich für die Legalisierung von Cannabis und gegen Rassismus. „Aus Erzählungen würde ich sagen, dass er vielleicht eher links gefühlt hat“, sagt Nico Köhler, Vorstandsmitglied der Chemnitzer AfD, dieser Zeitung. Auch den Mitgliedern des „III. Wegs“, bei denen es sich um Nationalsozialisten im ursprünglichen Sinne handelt, ist H.s Haltung bekannt. „Er war ja eher links gewesen“, sagt Matthias Fischer vom „III. Weg“ dieser Zeitung am Dienstag. Aber „das Entscheidende ist ja nicht, wer ums Leben kommt, sondern dass es möglich ist, dass man ums Leben kommt“. Um das Wohlergehen eines dunkelhäutigen Deutsch-Kubaners sind Rechtsextremisten nicht immer so besorgt. Dieses Mal passt es zur Agenda.

Zumindest für die Solidarisierung der Hooligans könnte es eine ganz untaktische Erklärung geben. H. war Fan des Chemnitzer FC. „Er war aus der Fanszene“, sagt AfD-Vorstand Köhler. Am Sonntag sei deshalb auch die Fanbeauftragte des Chemnitzer FC, die SPD-Stadtpolitikerin Peggy Schellenberg, am Tatort gewesen. Ein früherer Vertreter der Chemnitzer Ultra-Szene betonte gegenüber dieser Zeitung, dass H. selbst nie Mitglied der Hooligan-Szene gewesen sei. Er wird stattdessen als friedlicher Mensch beschrieben. Trotzdem könnte der Tod eines Fans die Empörung der ohnehin ausländerkritischen Hooligans zusätzlich angeheizt haben.

Am Ende waren die Demonstranten eine Mischung aus ganz unterschiedlichen Gruppen. „Das war keine homogene Masse“, sagt etwa der Rechtsextremist Fischer – und macht sich keine „Hoffnung“, dass aus dem Protest in Chemnitz eine Revolution in seinem Sinne entstehen könnte. Auch der AfD-Vertreter Köhler spricht von einer großen Vielfalt, von einfachen Bürgern bis Hooligans. Dass Anhänger seiner Partei gemeinsam mit Neonazis marschierten, als Migranten angegriffen wurden, kommentiert Köhler so: „Man hat wahrscheinlich immer Leute dabei, die Gewalt nicht abgeneigt sind.“ Ein rhetorisches Achselzucken. Einem für Flüchtlinge gemachten Fernsehprogramm des WDR sagte Köhler hingegen, es gehe der AfD darum, Flüchtlinge zu schützen. „Die Menschen, die herkommen, (...), die hier arbeiten gehen, die hier ihre Familien haben, die müssen wir einfach schützen“. Zum Beispiel, sagte er, vor „Verallgemeinerung“.

Video starten

Sachsen will durchgreifen
„Hitlergruß wird bestraft“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
Autorenporträt / Bender, Justus
Justus Bender
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.