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FAZ plus ArtikelKrise der Fleischindustrie

Versautes Geschäft

Von Reinhard Bingener, Julia Löhr, Reiner Burger
Aktualisiert am 26.06.2020
 - 20:43
Schweineleben: Tiere im Stall des Landwirts und Schweinezüchters Hubertus Bergeszur Bildergalerie
Schon vor Corona war klar, dass in der Fleischindustrie vieles im Argen liegt. Nun ist der Druck zum Handeln aber da. Wird sich nun wirklich etwas ändern?

Das Herz von Kumpel & Keule ist die lange Glasscheibe. Über eine Strecke von achtzehn Metern zieht sie sich durch die Markthalle Neun im Berliner Stadtteil Kreuzberg und steht vor allem für eines: maximale Transparenz. An dem einen Ende zerteilt ein junger Mann mit Messer und Metallhandschuh die Querrippe eines Rinds, daneben wiegt ein anderer Gewürze für die Wurstherstellung ab. Am anderen Ende der Scheibe ist das Produkt ihrer Arbeit zu sehen: die prall gefüllte Theke, vom Braten über Buletten bis hin zur Blutwurst. Dass bei Aldi um die Ecke das Kilo Schnitzel weniger als acht Euro kostet, bei Kumpel & Keule dagegen knapp zwanzig, stört die Kunden nicht. Schon kurz nach Öffnung der Markthalle bildet sich an diesem Freitag eine Schlange. „Das ist richtig gutes Fleisch“, schwärmt ein Familienvater aus der Nachbarschaft, „dann kauft man eben nicht so viel.“ Ein Rentner kommt sogar einmal in der Woche vom anderen Ende der Stadt hierher. Warum? „Weil ich vor dreißig Jahren entschieden habe, mich nicht mehr von der Lebensmittelindustrie vergiften zu lassen!“

Vor fünf Jahren hat Jörg Förstera zusammen mit einem Freund Kumpel & Keule gegründet, eine Metzgerei, die den Anspruch hat, es besser zu machen als so viele andere in der Branche. Zum Beispiel, wenn es um die liebste Fleischsorte der Deutschen geht, das Schwein. In diesem Fall: das Schwäbisch-Hällische Eichelmastschwein. Förstera bezieht es von einer Erzeugergemeinschaft aus Baden-Württemberg, die einen eigenen Schlachthof hat. Alle zwei Wochen fährt er oder einer seiner Kollegen dorthin. Er erzählt, wie viel Platz die Tiere dort hätten, wie sie vor dem Schlachten noch einen Tag entspannen dürften, beregnet würden. „In Schlachtbetrieben herrscht normalerweise ein enormer Geräuschpegel“, sagt Förstera. „Aber dort geht es ganz ruhig zu.“

Doch auch wenn der Zuspruch so groß ist, dass Förstera die Fläche des Betriebs in der Markthalle demnächst verdoppeln will – Kumpel & Keule ist eine Ausnahmeerscheinung in einer Branche, in der die Zahl der Metzgereien seit Jahren sinkt, die Zahl der Beschäftigten in der Fleischerzeugung aber stetig steigt. Masse statt Klasse, Fließband statt Manufaktur. Fleisch wird in großen Mengen sowohl exportiert als auch importiert. Es gibt zwar immer mehr Vegetarier und Veganer, doch der Durchschnittsdeutsche verzehrt weiter sein Fleisch, im Schnitt 60 Kilogramm im Jahr. Dass für bäuerliche Romantik angesichts solcher Zahlen wenig Raum bleibt, dürfte keine Überraschung sein.

Krisengipfel mit Klöckner

Und doch brauchte es die Corona-Ausbrüche in Fleischfabriken wie Westfleisch, Danish Crown, Vion und Tönnies, um Politik und Verbrauchern vor Augen zu führen, wie versaut das Geschäft mit dem Fleisch ist. Am Freitag fand in Düsseldorf ein eilig anberaumter Krisengipfel statt. Mit dabei: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser aus Nordrhein-Westfalen sowie ihre niedersächsische Kollegin Barbara Otte-Kinast aus Niedersachsen (alle CDU). Dazu Vertreter der Verbraucher, des Handels und der Fleischbranche. Die Branche erlebe gerade ihren „Fukushima-Moment“, ist im Bundeslandwirtschaftsministerium zu hören. So schnell wie nach dem Reaktorunfall in Japan der Ausstieg aus der Atomindustrie kam, soll jetzt auch der Umbau in der Fleischindustrie gelingen.

Derweil sitzt Bernd Terhalle mit zunehmender Verzweiflung an seinem Schreibtisch im Emsland. Seit Tagen versucht der Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Hümmling, eine vierstellige Zahl fertiggemästeter Schweine zu vermarkten. Terhalle findet jedoch keinen Abnehmer mehr, seit Marktführer Tönnies den allergrößten Schweineschlachthof in Rheda-Wiedenbrück schließen musste. Mehr als 1500 Mitarbeiter sind dort mit Corona infiziert. Verschärft wird die Lage dadurch, dass auch die anderen Schlachthöfe aufgrund der Hygieneregeln nur eingeschränkte Kapazitäten haben. „Und das größte Problem liegt nicht einmal bei der Schlachtung, sondern in der Zerlegung“, berichtet Terhalle. Viele Schlachthöfe töten und halbieren die Tiere lediglich. Die Weiterverarbeitung findet dann häufig in Rheda-Wiedenbrück statt.

Das Problem baut sich so von Tag zu Tag weiter auf. Denn die Produktionszyklen in der Fleischindustrie sind extrem kurz. Die Lebensspanne eines Schweines von der Geburt bis zum Schlachthaken beträgt heutzutage ungefähr ein halbes Jahr. Das neugeborene Tier bleibt knapp einen Monat bei der Mutter und kommt dann für weitere zwei Monate in einen Ferkelstall.

Mit einem Gewicht von rund dreißig Kilo kommen die Schweine dann für gut drei Monate zu einem Mäster wie Hubertus Berges im niedersächsischen Cappeln. Der Landwirt kommt gerade aus seinem Stall zurück, in dem die Tiere Tag für Tag rund 900 Gramm zunehmen, bis sie ihr Schlachtgewicht von rund 110 Kilogramm erreicht haben. „Wenn sie zu schwer werden, ist das nicht gut“, sagt Berges. Denn in den Ställen wird es von Tag zu Tag enger. Berges berichtet, dass der Tönnies-Konzern als Reaktion auf den Ausfall von Rheda-Wiedenbrück seine „Abrechnungsmaske“ etwas geöffnet habe. Das bedeutet, dass den Landwirten keine finanzielle Abzüge mehr drohen, wenn ihre angelieferten Schweine ein paar Kilos zu viel wiegen. Berges vermutet, dass diese Maßnahme den Schweinemästern in der Herzkammer der deutschen Fleischwirtschaft im Westen Niedersachsens und in Westfalen „rund eine Woche Luft“ verschaffe, aber nicht mehr. „Den Wachstumsprozess können sie nicht stoppen.“

Wo die Entwicklung noch hinführen kann, hat man im Frühjahr in Amerika gesehen. Als dort viele Schlachthöfe wegen Corona-Infektionen schließen mussten, brach der Schweinepreis um die Hälfte ein. Viele Tiere wurden einfach gekeult und entsorgt. Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast hält die Lage nun auch in Deutschland für kaum kalkulierbar. Daher rät sie den Landwirten, zwanzig Prozent weniger Tiere einzustallen. Die Keulung ganzer Bestände wie in den Vereinigten Staaten hält sie für einen „Worst Case“, sagt die CDU-Politikerin. „Aber ich habe das im Hinterkopf.“

Bernd Terhalle beobachtet zudem mit Sorge, dass nun auch noch der Fleischabsatz stockt. „Die Märkte laufen nicht gut“, sagt der Schweineverkäufer. „Das Gefühl der Bevölkerung ist offenbar, dass wir giftiges Fleisch verkaufen.“

Ausschlaggebend dafür dürften die Bilder aus Rheda-Wiedenbrück sein, wo der Tönnies-Konzern seinen Sitz hat. Durch Reihentests des Gesundheitsamts Gütersloh war dort ans Licht gekommen, dass sich die Zerlegeabteilung im Tönnies-Stammwerk Rheda-Wiedenbrück zu einem der bisher größten Corona-Hotspots entwickelt hatte. Beim Zerlegen der Schweinhälften können die schwer im Akkord schuftenden Arbeiter Corona-Abstandsregeln kaum einhalten, zudem ist es so laut, dass sie sich ihre Kommandos laut zurufen. All das führt dazu, dass sich in einem Zerlegebetrieb eine besonders große Aerosolwolke bilden kann. Da ein Schlachthof stets auf herbstliche Temperaturen heruntergekühlt sein muss, kann sich das tückische Virus dort besonders lang halten und wird – so die neueste Erkenntnis des renommierten Bonner Hygienikers Martin Exner – durch in der Branche gängige Luftumwälzanlagen besonders lange am Leben gehalten. Weil offenbar zunächst keiner der Arbeiter Symptome zeigte, konnte sich Sars-CoV-2 bei Tönnies rasend schnell wie unter Laborbedingungen verbreiten.

Es ist ein Desaster für die überwiegend aus Osteuropa stammenden Werkvertragsarbeiter, die sich infiziert haben. Aber es ist auch ein Desaster für Clemens Tönnies, den Miteigentümer des größten deutschen Schlachtbetriebs, und auch für den gesamten industrialisierten Teil der deutschen Fleischbranche. Am Samstag vor einer Woche stand der sonst so selbstsichere Unternehmer vor dem Haupteingang der Firmenzentrale und rang vor den herbeigeeilten Reportern um Worte. „Wir sind die Ursache des Themas, wir stehen in voller Verantwortung.“ Sein Unternehmen befinde sich in der größten, in einer existentiellen Krise, sagte Tönnies und ließ dann aufhorchen. Wie bisher könne man in der Branche nicht weitermachen. „Wir werden diese Branche verändern, das steht fest.“

Tönnies schlachtet und zerlegt nicht nur

Clemens Tönnies ist ein sehr erfolgreicher, sehr wohlhabender Unternehmer, der es bisher verstand, sein Geschäft über Jahre an allen nur erdenklichen Fronten mit immer größerer Marktmacht gegen die Konkurrenz abzusichern. Branchenprimus in Deutschland ist Tönnies mit einem Marktanteil von 30 Prozent bei den Schweinen und 20 Prozent beim Rest. Die Tönnies Gruppe schlachtet und zerlegt nicht nur, sie konfektioniert auch, betreibt riesige Kühllager, beliefert sämtliche Lebensmittelhändler, selbstverständlich auch die Discounter, aber – was viele wohl kaum vermutet hätten – auch viele Metzger um die Ecke. Die strengen Vorschriften fürs Schlachten – auch das ist einer der ironischen Brüche beim Thema Fleisch – haben die Industrialisierung und auch die Konzentration der Branche noch weiter vorangetrieben. Die bisherige Endstufe des konsequent auf Effizienz getrimmten Systems ist das Unternehmen Tönnies, wo vor dem coronabedingten Lockdown im Sekundentakt und in höchster Konsequenz Schweine verarbeitet wurden. „Tönnies war der Erste, der das ganze Tier verwertet und nichts mehr weggeworfen hat“, sagt Volker Hahn, Schweinemäster aus Niedersachsen. „Die Teile, die in Deutschland nicht mehr gegessen werden, werden woanders abgesetzt: Beine, Pfote, Schnauze, Bauch.“

Nicht erfunden, aber perfektioniert hat Tönnies das Werkarbeitersystem, das sich als enorm kosteneffizient erwiesen hat. Seit Jahren schon ist das ausbeuterische, schwer durchdringbare System aus Sub- und Subsubunternehmen immer wieder in der Kritik. Jetzt erst, da die oft miserablen Wohn- und Arbeitsbedingungen der osteuropäischen Werkarbeiter vermutlich ein weiterer Grund dafür sind, dass sich Schlachthöfe zu Covid-19-Hotspots entwickeln, greift die Politik zugunsten der Arbeitnehmer durch.

Der Veränderungsdruck reicht aber längst weiter. Die Fleischwirtschaft ist durch die Pandemie so in Verruf geraten, dass die maßgeblichen Politiker nach jahrelangen Debatten nun den erkennbaren Willen zeigen, auch die Haltungsbedingungen der Tiere anzupacken. Ein konkreter Vorschlag dafür liegt schon seit Februar auf dem Tisch. Eine Kommission unter Vorsitz des früheren Bundeslandwirtschaftsministers Jochen Borchert (CDU) hatte sich im Auftrag seiner Nachfolgerin Julia Klöckner mit verschiedenen Optionen beschäftigt, um den Tieren ein besseres Leben in den Ställen zu ermöglichen: Mehr Platz, mehr Luft, mehr Licht, mehr Ablenkung. Wie schlimm die Zustände in den Ställen teils sind, hatte vor drei Jahren eine Untersuchung von Kadavern aus Tierkörperverwertungsanlagen ergeben.

Die entscheidende Frage lautet, wie die geplanten Verbesserungen und Maßnahmen bezahlt werden. Zwei Varianten hat die Borchert-Kommission verworfen: Gegen eine Umwidmung von EU-Fördermitteln spricht, dass diese Gelder dringend für andere Zwecke wie Artenvielfalt und Klimaschutz benötigt werden und niemals den jährlichen Finanzbedarf für das Tierwohl-Programm von 3,6 Milliarden Euro ergeben. Einen Griff in den allgemeinen Staatshaushalt lehnen die Fachleute wiederum ab, weil von einer solchen Maßnahme keinerlei Lenkungswirkung ausginge. Zur Kasse gebeten würden auch diejenigen, die keine oder nur wenige Tierprodukte verbrauchen.

Die Kommission schlägt deshalb eine gezielte Verteuerung tierischer Produkte in Form einer „Tierwohlabgabe“ vor. Nach der Berechnung der Experten muss auf Fleischprodukte ein Aufschlag von 40 Cent pro Kilo erhoben werden, auf Milch und Eier zwei Cent und auf Käse und Butter 15 Cent je Kilo. Haushalte mit geringem Einkommen sollten zudem durch eine „sozialpolitische Flankierung“ entlastet werden. Im Gespräch sind ein höherer Hartz-IV-Satz und eine niedrigere Einkommensteuer.

Die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast spricht sich schon länger für eine solche Lösung aus. „Ich vergleiche das gerne mit der EEG-Umlage“, erklärt die CDU-Politikerin, während sie am Freitag gerade im Auto auf dem Weg zum Fleischgipfel nach Düsseldorf ist. „Jetzt müssen wir auch mal mutig sein und das umsetzen.“

Zu diesem Zeitpunkt macht sich auch Klaus Müller auf den Weg zum Fleischgipfel. Deutschlands oberster Verbraucherschützer hatte auch schon in der Borchert-Kommission mitgearbeitet. Kurz vor Schluss stieg der frühere grüne Landwirtschaftsminister aus Schleswig Holstein jedoch aus Protest aus. „99 Prozent der Vorschläge sind gut, progressiv, vernünftig“, erklärt Müller. Nur die „Tierwohlabgabe“ lehnt er entschieden ab. „Ich weiß, dass ich da fast allein die Fahne hochhalte“, sagt Müller. „Aber wir wollen nicht noch einmal eine neue Steuer.“ Und die EEG-Umlage sei ein denkbar schlechtes Vorbild, teuer und ineffizient. Müller fordert stattdessen verpflichtende und transparente Tierwohllabel auf den Produkten. Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast hat indes den Glauben längst verloren, dass die Kunden an der Kasse freiwillig mehr für das Tierwohl bezahlen. „Wir erleben seit Jahren, dass viele Verbraucher das nicht tun.“ Für die Landwirte wäre eine solche Umlage ein zweischneidiges Schwert. Schweinemäster Hubertus Berges, der selbst an einer Arbeitsgruppe der Borchert-Kommission beteiligt war, nennt die Tierwohlabgabe einen „richtig starken Systemwechsel“. Im Unterschied zum Ackerbau werde bei der Viehzucht bisher weitgehend ohne Subventionen gewirtschaftet, sagt Berges. Und eigentlich hätte der Landwirt gerne, dass dies so bleibt. Doch Berges sieht auch die Vorteile. Die Umlage würde auch auf importierte Produkte erhoben. Aus den strengeren Tierschutzstandards in Deutschland ergibt sich also kein Wettbewerbsvorteil für Importprodukte. Als mahnendes Beispiel gilt in diesem Zusammenhang Schweden. Das Land schaffte schon Ende der achtziger Jahre den umstrittenen Kastenstand ab, der Sauen in ein enges Metallgerüst zwängt. Doch nach dem EU-Beitritt Schwedens im Jahr 1995 zeigte sich schnell, dass die Entscheidung zwar den Tieren zugutekam, aber auch unerwünschte Ausweichbewegungen zur Folge hatte. Die Zahl der Betriebe im Inland sank deutlich, zugleich stiegen die Importe aus den Nachbarländern.

Weil die Tierwohlabgabe diesen Konstruktionsfehler nicht aufweist, sieht Schweineverkäufer Bernd Terhalle das Projekt ganz eindeutig positiv. Die Maßnahme würde nicht nur jede Menge Geld ins System spülen, sondern auch die Kritik an den Bedingungen in der Tierhaltung dämpfen. „Und wir wollen, dass die Bevölkerung unsere Produkte akzeptiert“, sagt Terhalle.

Genau das ist auch das oberste Ziel des „Branchengesprächs Fleisch“ der drei CDU-Agrarministerinnen. Um in schwierigen Zeiten wenigstens ein bisschen vor die Lage zu kommen, organisieren Politiker gerne kurzfristig solche Gipfel. Ein Beteiligter nennt die Veranstaltung deshalb einen „reinen PR-Termin“, dem jede inhaltliche Vorbereitung fehle. Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast weist das strikt zurück. „Mich ärgert das, wenn von einer Showveranstaltung die Rede ist.“ Gemeinsam mit ihrer Ministerkollegin Ursula Heinen-Esser aus Nordrhein-Westfalen sei sie vergangene Woche zur Auffassung gekommen, „dass wir jetzt handeln müssen“. Tatsächlich sitzen nun in Düsseldorf alle relevanten Akteure mit am Tisch – Spitzenvertreter der Tierhalter, der Lebensmittelwirtschaft, des Kartellamts, der Veterinäre sowie Tier- und Verbraucherschützer. In den Düsseldorfer Rheinterrassen – ein eleganter Backsteinbau, der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts eigens für eine Veranstaltung mit dem schönen Namen „Große Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen“ errichtet worden war – fehlt allerdings ausgerechnet Branchenprimus Clemens Tönnies. Weil er wie alle Mitarbeiter seines Stammwerks unter Quarantäne steht, bleibt Tönnies – der ein Meister des direkten, jovialen Gesprächs ist – nichts anderes übrig, als von Rheda-Wiedenbrück per Videoschalte mitzuverfolgen, wie in Düsseldorf über die Zukunft der Fleischwirtschaft verhandelt wird.

Die aktuellen Ereignisse zwingen auch die Bundeslandwirtschaftsministerin zum Handeln. Nachdem sich Klöckner Anfang des Jahres noch ausgesprochen zurückhaltend zeigte, Fleisch gezielt zu verteuern, spricht sie sich nun doch für die vielfach geforderte Tierwohlabgabe aus. Sie begründet ihren Kursschwenk damit, dass es nun eine breite politische Mehrheit für ein solches Vorhaben gebe. Noch nicht geklärt ist allerdings die Frage, wie das Geld auch tatsächlich bei den Landwirten ankommt und sichergestellt wird, dass sie es auch für Stallumbauten nutzen. Schon im Rahmen des Konjunkturprogramms hatte die große Koalition 300 Millionen Euro für ein entsprechendes Förderprogramm reserviert. Es handele sich um eine Aufgabe, die mehr als eine Legislaturperiode dauern werde, sagt Klöckner nach dem Treffen in Düsseldorf.

Auch der Einzelhandel soll, wenn es denn nicht auf freiwilliger Basis gelingt, zu seinem Glück gezwungen werden. Ein Verbot von Sonderangeboten auf Fleisch ist zwar rechtlich heikel, soll aber nun dennoch geprüft werden. Statt mit Nackensteaks zum Schnäppchenpreis sollen die Supermarktketten ihre Kunden künftig mit anderen Produkten in die Läden locken. Und dann ist da noch die schier unendliche Geschichte des staatlichen Tierwohllabels, das theoretisch längst fertig ist, praktisch aber in den Mühlen der großen Koalition feststeckt. Die SPD will es für Hersteller und Handel verpflichtend machen, Klöckner argumentiert, das EU-Recht erlaube nur eine freiwillige Lösung. Bislang ging man in Berlin davon aus, dass sich die Sache bis in den Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr hinschleppt. Doch angesichts der aufgeheizten Debatte dürften es sich beide Seiten kaum leisten können, so lange zu warten. Erst vor wenigen Tagen kritisierte der Deutsche Ethikrat die Politik der Bundesregierung mit ungewöhnlich scharfen Worten. „Ich kenne kein einziges Rechtsgebiet, in dem so heuchlerisch vorgegangen wird wie im Tierschutzrecht“, sagte der Rechtswissenschaftler Steffen Augsberg, einer der Autoren der Stellungnahme.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bingener, Reinhard
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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