Bildungsbericht

Die drastischen Folgen der Pandemie

Von Heike Schmoll, Berlin
23.06.2022
, 14:32
Eine Grundschule in Dresden im März 2020.
Dass die Pandemie jungen Menschen erheblich zugesetzt hat, ist bekannt. Welche erheblichen Einflüsse sie auf die Bildung hatte, zeigt nun der aktuelle Bildungsbericht.
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Die coronabedingten Lockdowns haben bei vielen Schülern zu schwächeren Leistungen geführt. Das gilt etwa für das Lesen. Allerdings ist der Trend sinkender Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen nicht nur auf die Pandemie zurückzuführen. Das geht aus dem Bildungsbericht hervor, der federführend vom geschäftsführenden Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Kai Maaz, verantwortet wird. Er ist Sprecher der Autorengruppe, die den alle zwei Jahre erscheinenden Bildungsbericht verfasst hat. Er beruht auf amtlichen Statistiken und sozialwissenschaftlichen Daten und Studien und soll langfristige Entwicklungen erfassen. Das Schwerpunktkapitel des diesjährigen Berichts widmet sich dem pädagogischen Personal. „Für gelingende Bildungsprozesse nimmt das Bildungspersonal eine Schlüsselrolle ein. Daher rückt es immer stärker in den Fokus des Interesses, Fachkräfte zu gewinnen und zu qualifizieren – nicht nur in Krisenzeiten“, sagt Maaz.

Auch wenn das Personal in der frühen Bildung um 75 Prozent gewachsen ist, fehlen langfristig Erzieher. Denn die Anzahl der Kita-Besucher ist ähnlich stark gewachsen, sodass sich die Betreuungsrelation im Ergebnis kaum verbessert hat. Aktuellen Vorausberechnungen zufolge werden den Kitas in Westdeutschland im Jahr 2025 bis zu 73.000 Fachkräfte fehlen. Auch wenn bis 2025 rund 418.000 Kita-Fachkräfte in der frühen Bildung blieben und vermutlich knapp 150.000 Neuausgebildete dazukämen, ließe sich der Gesamtbedarf von mehr als 600.000 Fachkräften nicht decken. Die Pandemie habe den Personalnotstand noch verstärkt, weshalb der Engpass in den kommenden Jahren zu einer Schlüsselfrage der Zukunftsfähigkeit der Frühen Bildung werde, heißt es in dem Bericht.

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Kinder mit Sprachdefiziten besonders betroffen

Wie wichtig gut qualifiziertes Personal im frühkindlichen Bereich ist, wissen die Grundschullehrer am besten, die auf eine sichere Sprachbeherrschung der Schulanfänger bauen müssen. Doch nicht alle Kinder sprechen so gut Deutsch, dass sie in der ersten Klasse dem Unterricht folgen könnten. Die Bildungsforscher mahnen die Politik deshalb, die sprachliche Grundbildung für alle über den Lebenslauf hinweg bildungsbereichsübergreifend zu sichern. Doch dafür gibt es keine politischen Zuständigkeiten, obwohl die Notwendigkeit längst eingesehen ist. Nicht einmal eine verpflichtende Sprachstandsfeststellung wird überall eingehalten, geschweige denn mit einer Förderpflicht verbunden. Das gilt zum Beispiel für Berlin. Hamburg dagegen sorgt für eine Einhaltung der Verpflichtung.

Für viele Kinder im vorschulischen Alter waren die Kita-Schließungen mit spürbar weniger Bildungsimpulsen verbunden. Im Grunde hat ein Rückschritt zur familiären Betreuung stattgefunden. Bei ausdrücklichen Bildungsaktivitäten wie dem Vorlesen habe sich die Schere zwischen Eltern mit hohem und niedrigem Bildungsstand weiter vergrößert, heißt es im Bildungsbericht. „Während Kindern aus Elternhäusern mit hohem Bildungsabschluss 2019 noch an 5 Tagen pro Monat mehr vorgelesen wurde als Kindern von Eltern mit niedrigeren Abschlüssen, erhöhte sich die Differenz im Jahr 2021 auf immerhin 7 Tage pro Monat“, heißt es in dem Bericht. Die Autoren rechnen deshalb damit, dass sich die Bildungsungleichheiten in der frühen Kindheit noch verstärkt haben.

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Besonders betroffen waren Kinder mit Sprachdefiziten und mit Migrationsgeschichte, die zu Hause nicht Deutsch sprechen. In Deutschland spricht jedes fünfte Kita-Kind im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch. Im Jahr 2021 haben laut Bildungsbericht 73 Prozent der Kita-Kinder zwischen drei Jahren und dem Schuleintritt eine Tageseinrichtung besucht, in der der Anteil von Kindern mit einer nicht deutschen Familiensprache bei mehr als einem Viertel lag. Im Jahr 2020 seien noch einmal mehr Kinder und Jugendliche sonderpädagogisch gefördert worden als zuvor, es waren insgesamt 582.000. Der Inklusionsanteil liege bundesweit bei 44 Prozent, variiere im Ländervergleich aber zwischen 31 und 90 Prozent.

Dramatische Personalsituation an den Schulen

Bei den Schulen ist die Personalsituation bundesweit noch angespannter. Offizielle Schätzungen rechnen mit 30.000 fehlenden Lehrern bis 2030. Der Lehrkräftebedarf an allgemeinbildenden Schulen wird im Bildungsbericht mit 17.300 veranschlagt, bei den beruflichen Schulen mit 13.200. Infolge des Rechtsanspruchs auf ein Ganztagsangebot im Grundschulbereich wird bis 2030 ein Zusatzbedarf von bis zu 65.000 Fachkräften angenommen. Hinzu kämen Qualifizierungsbedarfe bei der Inklusion und der Digitalisierung. Personalgewinnung und Personalqualifizierung blieben damit in den kommenden Jahren eine vordringliche Aufgabe für die Sicherung qualitativ hochwertiger Bildungsangebote, heißt es im Bericht. Denn die Qualität des Unterrichts hänge nachweislich davon ab, ob es Lehrkräften gelinge, Schülern angemessene Unterstützung und Anregung zu bieten.

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Reaktions- und handlungsfähig könne das Bildungswesen nur sein, wenn es über qualifiziertes und motiviertes Personal verfüge. Doch die Anzahl der Quer- und Seiteneinsteiger steigt, ihre Nachqualifizierung und Weiterbildung wird in den Bundesländern sehr unterschiedlich gehandhabt. Es gibt keine Standards für Fortbildungen. Deshalb müsse eine individuelle Professionalisierung als ein lebenslanger Lernprozess betrachtet werden.„Dies kann aber nur dann erfolgreich sein, wenn die Fortbildungsbedarfe nicht vorgegeben, sondern kooperativ erschlossen werden“, heißt es im Bildungsbericht, der klar gegen Fortbildungspflichten plädiert.

Insgesamt halten die Autoren eine bessere Zusammenarbeit auf allen Ebenen des Bildungssystems für unbedingt erforderlich. Das gelte für die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen Ministerien, zwischen Administration und Verantwortlichen in Verbänden und Bildungseinrichtungen sowie innerhalb der Einrichtungen des Bildungswesens unter den verschiedenen Beschäftigtengruppen.

Die Qualifizierungsstandards des pädagogischen Personals in Schulen reichen von Bewerbern mit Fachexpertise ohne pädagogische Qualifikation über berufliche Bildungsabschlüsse (beim betrieblichen Ausbilder) bis zum Hochschulstudium (bei Lehrern an Schulen). Während Schüler regelmäßig getestet werden, liegen laut Bildungsbericht vergleichsweise wenige Daten über das Professionswissen von Lehrern vor. Gymnasiallehrer besaßen durchweg bessere fachliche und fachdidaktische Kenntnisse als Lehrer anderer Schularten.

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Schüler aus benachteiligten sozialen Lagen besuchten laut dem Bericht nach der Grundschule nach wie vor seltener höher qualifizierende Schularten und Bildungsgänge. Der Leistungsvorsprung von Viertklässlern aus bildungsnäheren Elternhäusern liege in Deutsch und Mathematik bei etwa einem Lernjahr. Nur 31 Prozent der Schüler mit niedrigem ökonomischen Status erwerben die Allgemeine Hochschulreife, 79 Prozent sind es bei den besser gestellten Elternhäusern.

Kinder aus Nichtakademikerfamilien studieren seltener

Studienberechtigte aus Nichtakademikerfamilien studieren laut dem Bericht nach wie vor seltener. Zum ersten Mal haben die Autoren auch Faktoren für die unterschiedliche Studierneigung von Abiturienten aus Nichtakademiker- und Akademikerfamilien analysiert. Sie belaufen sich etwa darauf, dass Studienberechtigte aus Akademiker- und Nichtakademikerfamilien nicht die gleichen Abschlussnoten erzielen, andere Bildungsbiographien haben und die Kosten, Erträge und Erfolgswahrscheinlichkeiten eines Studiums unterschiedlich beurteilen. Außerdem unterschieden sich die Wünsche der Eltern nach einem Studium des Kindes. Auch die Bildungswünsche der Freunde fallen, je nach Herkunft, unterschiedlich aus. Gäbe es diese Unterschiede nicht, ließen sich auch keine Disparitäten mehr zwischen Akademiker- und Nichtakademikerfamilien erkennen, sagt Maaz.

Bei den Studenten hat der Umstieg auf Onlinelehre während der Pandemie im Vergleich noch am besten geklappt, doch haben die Bildungsforscher auch bei der Studienaufnahme Verzögerungen oder Verunsicherungen beobachtet. Pandemiebedingt wird sich die Studiendauer bei einigen verlängern.

Einen Tiefpunkt hat nach Darstellung der Autorengruppe im Jahre 2021 die berufliche Ausbildung erreicht. Die Corona-Pandemie habe zu einer erheblichen Verunsicherung junger Erwachsenen geführt und verzögere den Übergang in eine Ausbildung. Auch wenn die Erziehungs- und Gesundheitsberufe die größte Zunahme von Auszubildenden verzeichnen, bleibe der Anstieg noch immer weit hinter der Fachkräftenachfrage zurück. Erschreckend ist, dass immer noch 50 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund im sogenannten Übergangssystem landen, wo schulische Defizite aufgeholt werden. Erstaunlich ist, dass das Onlinelernen ausgerechnet in ländlichen Gebieten deutlich schwächer ausgeprägt ist als in städtischen. Der Anteil der Bevölkerung, der das Internet für Lerntätigkeiten nutzt, lag 2015 bei 17 Prozent und 2020 schon bei 33 Prozent. In den ländlichen Gebieten waren es 2015 noch 11 Prozent gewesen, 2020 dann 22 Prozent.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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