Vorbereitung auf Omikron-Welle

Durchseuchung ist keine Alternative

Von Christian Geinitz, Berlin
13.01.2022
, 09:03
Brauchen Geboosterte nicht für 2Gplus: Teststation auf einem Parkplatz im niedersächsischen Laatzen
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Noch immer gibt es keine Entwarnung vor der Omikron-Welle. Die Bundesregierung will mit Anreizen für die Drittimpfung werben und besorgt sich zusätzlichen Impfstoff aus Rumänien. Dennoch ist das nächste Impfziel in Gefahr.
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Deutschland hat sich genügend Corona-Impfstoff für Auffrischungen und für die bevorstehende Impfpflicht gesichert. In den kommenden drei Wochen könne man jedem „Boosterfähigen“ die dritte Injektion anbieten, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium unter Karl Lauterbach (SPD). Das sei nicht zuletzt deshalb möglich, weil der Bund soeben fünf Millionen mRNA-Dosen des Herstellers Biontech aus einem EU-Kontingent für Rumänien gekauft habe, das Bukarest nicht abnehmen wollte. Diese Mengen stünden vom 24. Januar an zur Verfügung. Dem Wunsch der Bundesländer, die Impfzentren bis zum Jahresende offenzuhalten und aus Berlin heraus weiterhin zu finanzieren, will Lauterbachs Haus entsprechen.

Das Corona-Impfziel der Bundesregierung bis Ende Januar ist nach Einschätzung Lauterbach dennoch in Gefahr. Der SPD-Politiker sagte dem Nachrichtenportal The Pioneer: „Es wird sehr schwer sein, das ist klar.“ Bis Ende Januar sollen nach den Plänen der Ampel-Koalition 80 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens einmal geimpft sein. Bis Mittwochmorgen erhielten 74,8 Prozent – oder 62,2 Millionen Menschen – mindestens eine Impfdosis.

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Die für das Frühjahr geplante Impfpflicht soll nicht an fehlenden Vakzinen scheitern. Wie es heißt, sind ausreichend Dosen an mRNA-Impfstoffen bestellt oder optioniert, um jeden Bundesbürger noch dreimal zu impfen, insgesamt mehr als 240 Millionen Einheiten. Kürzlich war bekannt geworden, dass von März an ein spezieller Biontech-Impfstoff gegen die Omikron-Variante zur Verfügung stehen könnte. Offenbar wird also angenommen, dass diese Mutation dann weiterhin grassieren wird. Unklar scheint noch, ob das kürzlich zugelassene Vakzin des amerikanischen Herstellers Novavax tatsächlich erstmals Ende Januar ausgeliefert wird. Deutschland hatte zunächst vier Millionen Dosen davon bestellt. Da das Mittel anders wirkt als das bei Impfgegnern unbeliebte mRNA-Verfahren, gibt es Hoffnungen, mit Novavax auch Skeptiker zu erreichen.

Erleichterungen für Drittgeimpfte

Lauterbach hatte schon in seiner ersten Bundestagsrede als Minister angekündigt, dass das Boostern für ihn zentrale Bedeutung habe. Unter seinem Vorgänger Jens Spahn (CDU) war damit später begonnen worden als in anderen Ländern, diesen Rückstand will man jetzt aufholen. Dazu dienen nicht nur die Impfzentren und die Beschaffung der Präparate, sondern auch gezielte Anreize. So wird von kommender Woche an das Leben etwas einfacher für Personen, die eine Auffrischungsimpfung gegen Covid-19 erhalten haben.

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Bisher spielte das Boostern beim Status keine Rolle im Vergleich zu Grundimmunisierten, Zweifach- und Dreifachgeimpfte wurden gleich behandelt. Das wird sich nach Lauterbachs Vorschlägen, der die Ministerpräsidenten und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Freitag gefolgt sind, nun ändern. Zum einen sind Drittgeimpfte künftig dort, wo die 2-G-Plus-Regelung gilt, von Testnachweisen befreit. Damit wird es einfacher, spontan ins Restaurant, Café oder Konzert zu gehen. Zum anderen müssen Geboosterte nicht in Quarantäne, wenn sie engen Kontakt zu einem Omikron-Infizierten hatten. In diesen „Privilegien“ sieht Berlin einen starken Anreiz, um sich die dritte Spritze setzen zu lassen. Das betrifft noch etwa 30 Millionen Personen.

Rechtlich wird das Verfahren bis zum Wochenende in trockenen Tüchern sein. Am Mittwoch billigte das Bundeskabinett neben der neuen Coronavirus-Einreiseverordnung auch die vom Gesundheitsministerium geänderte Covid-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmeverordnung. Am Donnerstag und Freitag geht diese in den Bundestag und den Bundesrat, parallel ändern die Länder ihre Verordnungen. Hinzu treten in ganz Deutschland neue Regeln zur Kontaktpersonen-Nachverfolgung sowie zu den Quarantäne- und Isolationsdauern, die das Ministerium gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut neu gefasst hat und am Freitag veröffentlichen wird. Boostern mache den Alltag leichter, sagte Lauterbach am Mittwoch.

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Kürzere Isolierfristen für Menschen mit Booster

Das Ministerium macht sich Gedanken wegen der hochansteckenden Omikron-Variante. Diese könnte zum einen dazu führen, dass die Zahl der Isolierten und Quarantänepflichtigen steigt, was in der kritischen Infrastruktur Engpässe verursachen würde. Zum anderen rechnet man damit, dass die Einweisung in Krankenhäuser stark steigt. Dann müssten abermals Operationen verschoben werden, was vor allem Krebspatienten gefährdete. Falls alle jetzt beschlossenen Schutzmittel greifen, lassen sich aber zumindest die Intensivstationen entlasten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Omikron-Infizierte beatmet werden müssten, sei um 80 Prozent geringer als bei der Delta-Variante, hieß es aus dem Ministerium: „Wenn sich das bestätigt, dann würden wir auch im Rahmen einer ganz massiven Omikron-Welle zu keinem Zeitpunkt überlastet sein, was die Intensivkapazitäten angeht.“

Die verkürzten Isolier- und Quarantänepflichten sowie die neuen Freitestungsmöglichkeiten dienen auch dazu, einem Mangel an PCR-Test vorzubeugen. Mit den einfacheren Antigentests sind nach den jetzt festgelegten sieben Tagen Personen mit negativem Ergebnis zu 10 bis 15 Prozent noch immer ansteckend (falsch negativ). Das erscheint den Fachleuten aber als akzeptabel, zumal es bei den Briten nach nur fünf Tagen bis zu 25 Prozent sind. Die deutlich zuverlässigeren PCR-Tests sollen auf Kliniken, Pflege- und Behinderteneinrichtungen konzentriert werden.

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Auf eine Durchseuchung für die Grundimmunisierung der Bevölkerung zu setzen, hält man in Lauterbachs Haus für hochriskant. Das Verfahren funktioniere schon deshalb nicht, weil Infizierte allenfalls gegen Omikron immun seien, nicht aber gegen Delta oder künftige Varianten. Hätte man in der Vergangenheit statt auf Impfen und Schutz auf die Ansteckung gesetzt, wären an Corona doppelt so viele Menschen gestorben wie bisher, hieß es. Das Kabinett berief auf Lauterbachs Vorschlag drei neue Beauftragte in seinem Ministerium. Für Pflege ist die Altenpflegerin und Abgeordnete Claudia Moll zuständig, für Patienten der Parlamentarier Stefan Schwartze. Neuer Drogenbeauftragter wird Burkhard Blienert (alle SPD).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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