Impfappelle nach MPK-Beschluss

„Macht es, sonst wird es für euch kompliziert“

11.08.2021
, 09:50
Anfang August: Eine Frau lässt sich vor dem DFB-Pokal-Spiel FC Carl Zeiss Jena - 1. FC Köln in Jena gegen das Coronavirus impfen.
Mit dringenden Impfappellen haben Politiker auf die neuen Corona-Beschlüsse der Ministerpräsidenten reagiert. Laut RKI könnte die Zahl der geimpften jungen Erwachsenen sogar höher liegen als angenommen.
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Die Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern sind auf ein geteiltes Echo gestoßen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief alle Bürger, die sich noch nicht gegen das Coronavirus haben impfen lassen, abermals dazu auf, dies nachzuholen. „Wir müssen die Pandemie in Schach halten“, sagte Steinmeier am Dienstagabend. Dies geschehe „nicht, indem jeder macht, was er will, wie manche empfehlen, sondern indem sich möglichst viele Menschen impfen lassen“.

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Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), hob jedoch hervor, dass die jüngsten Bund-Länder-Beschlüsse keine Impfpflicht gegen das Coronavirus enthielten. „Die gibt es nicht“, betonte Müller am Mittwoch im Inforadio des RBB. Allerdings erläuterte er, dass der Druck auf Menschen ohne Impfung bewusst erhöht werde. Müller, der derzeit der Ministerpräsidentenkonferenz vorsteht, sprach von einem „ernst gemeinten und ausdrücklichen Hinweis“ an die Menschen, die Impfangebote anzunehmen: „Macht es, sonst wird es für euch kompliziert und möglicherweise auch teurer.“

Söder: „2G wird kommen“

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sagte voraus, dass bald eine neue Debatte folgen werde – über Zugänge nur für Geimpfte und Genesene („2G“) im Gegensatz zur 3G-Regel, die Freiheiten für Geimpfte, Getestete und Genesene vorsieht. „2G wird so oder so ab einem bestimmten Zeitpunkt kommen, und mir wäre es lieber, wir würden jetzt ehrlich drüber reden, als es zu vertagen bis nach der Bundestagswahl“, sagte der CSU-Vorsitzende.

Auch dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gehen die Corona-Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz nicht weit genug. „Ich hätte es besser gefunden, Großereignisse mit Hunderten Menschen in Clubs oder Hallen auf Genesene und Geimpfte zu begrenzen“, sagte Lauterbach den Zeitungen der „Funke“-Mediengruppe, „denn es sind potenzielle Superspreader-Events.“ Mit der Testpflicht in Innenräumen ab einer Inzidenz von 35 könne man aber „sehr gut arbeiten“. „Ich hätte die Grenze noch unter einer Inzidenz von 35 gesetzt“, sagte Lauterbach.

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Städtetag: Kostenpflicht für Tests richtig

Gelten soll die 3G-Regel etwa für Kliniken, Pflegeheime, die Innengastronomie, Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, beim Friseur, in Fitnessstudios, Sporthallen oder Schwimmbädern. In Hotels oder Pensionen sollen ein Nachweis bei der Anreise und für Nicht-Geimpfte und Nicht-Genesene anschließend zwei Mal pro Woche ein Test erforderlich sein. Gratis sollen Schnelltests nur noch für jene zu haben sein, die sich nicht impfen lassen können oder für die es keine allgemeine Impfempfehlung gibt, etwa Schwangere und Jugendliche unter 18.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund begrüßte die Maßnahmen. „Es ist richtig, dass ab dem 11. Oktober die Bürgertests nur noch für die Personen kostenfrei sind, die nicht geimpft werden können. Wer ein Impfangebot nicht annimmt, muss akzeptieren, dass er für den Zugang zu bestimmten öffentlichen Veranstaltungen einen selbst finanzierten negativen Test vorweisen muss“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, der „Rheinischen Post“.

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Lehrer kritisieren fehlende Aussagen zu Luftfiltern

Kritik an der Schwerpunktsetzung kam hingegen von den Lehrerverbänden: Es sei dringend notwendig gewesen, sich darauf zu einigen, in den nächsten Wochen möglichst viele Unterrichtsräume mit Raumluftfilteranlagen auszustatten, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Wir fürchten, dass es weiter Länder geben wird, die ihre Schulen in dieser Frage weitgehend im Stich lassen.“ Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern, sagte dem RND, der Gipfel habe es versäumt, mit bundesweit einheitlichen Leitlinien für Klarheit zu sorgen.

Auch der Hausärzteverband reagierte enttäuscht auf die Ergebnisse der Ministerpräsidentenkonferenz. Es hätte „endlich eines bundeseinheitlichen, umfassenden Bewertungssystems des Pandemiegeschehens auf Basis unterschiedlicher Faktoren bedurft,“ sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, den Zeitungen der „Funke“-Mediengruppe. Für die Erarbeitung solcher neuen Maßstäbe sei in den letzten Monaten genug zeit gewesen.

Holteschek: Bund muss bei Bewertungsfaktoren nachbessern

Nachbesserungsbedarf bei den Indikatoren sieht auch der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek . „Beim Thema Inzidenz und weiteren Faktoren hätte ich mir schon gewünscht, dass man vielleicht klarere Parameter gefunden hätte. Da ist der Bund auch nochmal gefordert, was vorzulegen“, sagte der CSU-Politiker am Mittwoch im Deutschlandfunk. Im Beschluss der Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin heißt es dazu, die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen Covid-19 werde als „wichtige Größe zur Beurteilung des Infektionsgeschehens“ betrachtet

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Daneben wurde betont, dass Bund und Länder „alle Indikatoren, insbesondere die Inzidenz, die Impfquote, und die Zahl der schweren Krankheitsverläufe sowie die resultierende Belastung des Gesundheitswesens berücksichtigen“, um die Corona-Maßnahmen gegebenenfalls anzupassen. Holetschek, aktuell Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, sprach nach den Beratungen insgesamt von einer Standortbestimmung vor dem Herbst, die wichtig gewesen sei. Er verwies insbesondere auf den Appell, sich impfen zu lassen.

RKI: Impfquoten vermutlich unterschätzt

In Deutschland sind derzeit 55,1 Prozent der Bevölkerung vollständig und 62,5 Prozent einmal geimpft. Der Zulauf zu den Impfangeboten sinkt aber seit Wochen. Die sogenannte Herdenimmunität ist nach Schätzung des Robert Koch-Instituts bei einer Impfquote von mehr als 80 Prozent erreicht. Bei der Interpretation von Impfquoten-Daten gibt es nach neuen Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) allerdings eine „gewisse Unsicherheit“. Mehrere Überlegungen legten nahe, dass die Meldungen im sogenannten Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) die Impfquoten vermutlich unterschätzen, geht aus einem RKI-Report vom Dienstag hervor. Vor allem unter jungen Erwachsenen und Erwachsenen im mittleren Alter könnten demnach schon mehr Menschen eine erste Impfung erhalten haben als offiziell verzeichnet.

Das Digitale Impfquotenmonitoring speist sich aus Meldungen von Impfzentren, Krankenhäusern, mobilen Impfteams und mittlerweile auch Betriebsmedizinern; laut RKI fließen zudem Daten der niedergelassenen Ärzte und Privatärzte ein. Zusammen sind sie Grundlage für das sogenannte Impfdashboard. Daneben gibt es noch eine weitere RKI-Erhebung namens Covimo, für die Impfquoten anhand von Befragungen hochgerechnet werden.

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In der jüngsten Covimo-Erhebung von Ende Juni bis Mitte Juli unter rund 1000 Erwachsenen hat sich laut Report eine Diskrepanz zum Digitalen Impfquotenmonitoring ergeben. Die Quote der mindestens einmal Geimpften fiel dabei „um einiges höher“ aus, besonders in der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen: Während in der Befragung 79 Prozent angaben, geimpft zu sein, waren es laut Meldesystem nur 59 Prozent. Die Autoren des Reports schreiben, die tatsächliche Impfquote liege voraussichtlich zwischen den Werten beider Quellen.

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„In Bezug auf die Impfquoten zu vollständig Geimpften lag hingegen kein wesentlicher Unterschied vor“, heißt es im Report weiter. Eine gewisse Untererfassung in solchen Überwachungssystemen gilt unter Fachleuten als erwartbar.

Einmalimpfungen als Zweitdosis registriert

Es werden verschiedene Erklärungsansätze angeführt. Ein Punkt ist die Erfassung der Impfungen mit Johnson & Johnson, bei denen nur eine Dosis für den vollen Schutz vorgesehen ist. Vertragsärzte meldeten diese Immunisierungen ausschließlich als zweite Impfdosen, zudem sei keine Zuordnung von Impfstoff und Altersgruppe möglich, erläutert das RKI. Inzwischen ist in den DIM-Daten ein Hinweis zu finden, dass die Impfquoten der mindestens einmal geimpften Erwachsenen nach Altersgruppe „systematisch zu niedrig ausgewiesen“ werden.

Im Report heißt es darüber hinaus, dass bisher nur etwa die Hälfte der beim Meldesystem registrierten Betriebsärzte Impfungen über die Webanwendung meldeten. „Dies könnte ein Hinweis auf eine Untererfassung der Impfquoten durch das DIM sein.“ Die RKI-Fachleute diskutieren über weitere denkbare Einflussfaktoren, etwa potenzielle Verzerrungen in der Befragung, die zu einer Überschätzung der Quote führen könnten. So sei etwa anzunehmen, dass Menschen, die Impfungen befürworten, eher mitmachen als Verweigerer. Auch Menschen ohne ausreichende Deutschkenntnisse hätten nicht an den Interviews teilnehmen können.

Für beide Aspekte geben die Autoren aber zu bedenken, dass dann auch bei den vollständig Geimpften eine größere Abweichung zwischen den Quellen hätte auftreten müssen. In dem Bericht zur Befragung heißt es, dass demnach 91,6 Prozent impfbereit oder bereits geimpft seien. „Die Covid-19-Impfbereitschaft der Bevölkerung liegt auf einem hohen Niveau.“

Quelle: dpa/EPD
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