Verbreitung von Mutanten

Wieler: „Die Situation ist noch lange nicht unter Kontrolle“

Von Heike Schmoll, Berlin
05.02.2021
, 13:35
RKI-Präsident Lothar Wieler am Freitag in Berlin
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Sechs Prozent der positiv Getesteten waren zuletzt mit Virusvarianten infiziert. RKI-Präsident Wieler plädiert für eine Verlängerung des Lockdowns, die Mutante sei noch zu stoppen. Andere Virologen sind weit pessimistischer.
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Wenige Tage vor dem nächsten Treffen von Bund und Ländern über die Corona-Beschränkungen verdichten sich die Anzeichen für eine Verlängerung des Lockdowns. Denn die drei bekannten Mutanten des Sars-CoV-2 Virus sind inzwischen in Deutschland angekommen. „Sie dominieren das Geschehen noch nicht“, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler am Freitag in Berlin, sieht aber wegen der weiterhin zu hohen Infektions- und Todeszahlen keinen Grund zur Entwarnung, ganz im Gegenteil. Insgesamt sei das Virus gefährlicher geworden, vor allem die zuerst in Großbritannien nachgewiesene Mutante B1.1.7 sei nicht nur ansteckender, sondern führe offenbar auch zu mehr schweren Verläufen.

Der sogenannte R-Wert der Mutante ist um etwa 0.5 höher – das sei eine riesige Zahl. „Das Virus ist noch nicht müde, im Gegenteil, es hat gerade noch mal einen Boost bekommen“, sagte Wieler, der damit rechnet, dass weitere Mutanten auftreten. „Die Situation ist noch lange nicht unter Kontrolle“, mahnte er und bat eindringlich um eine weitere Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. Wieler verwies auf dramatische Entwicklungen vor allem in Portugal, wo inzwischen 60 Prozent der Positivtests auf die britische Mutante zurückgehen und Dänemark, wo es 30 Prozent sind. Auch über die Entwicklung in Tirol zeigte er sich beunruhigt, wo offenbar Tausende unter dem Vorwand Skilehrer zu sein, Skiferien verbracht hätten und sich mit der südafrikanischen Variante infiziert haben. Eine Öffnung von Kitas und Schulen könne in Deutschland nur mit klaren Schutzkonzepten möglich sein, sagte er.

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Spahn räumt „Enttäuschung“ ein
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Video: AFP, Bild: EPA

Britische Mutante vor allem in Schleswig-Holstein

Um einen raschen Überblick über die in Deutschland zirkulierenden Mutanten zu bekommen, wurden in der vergangenen Woche von 49.962 Positivtests insgesamt 34.442 Proben mit einem von der Berliner Firma Tib Molbiol gespendeten 100.000 Spezialtests auf die drei besonders verbreiteten Mutanten untersucht. Das geschah in fünf Laborverbünden, die nun alle zwei Wochen alle positiven Tests auf die Mutanten untersuchen werden. Die britische Mutante B 1.1.7 ist in 13 der 16 Bundesländer nachgewiesen worden, am stärksten in Schleswig-Holstein, gefolgt von Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hessen und Bremen. Die südafrikanische Variante B 1.351 wurde in sieben Bundesländern nachgewiesen, mit dem höchsten Anteil in Baden-Württemberg, gefolgt von Bayern, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Insgesamt liegt ihr Anteil bei etwa 6 Prozent der Positivtests, diese Quote wird durch die Genomsequenzierungen bestätigt.

Während im Jahr 2020 insgesamt 1500 Genomsequenzierungen vorgenommen wurden, stiegen sie im Januar 2021 auf 3000, berichtete Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek wies darauf hin, dass die bisher eingesetzten Impfstoffe mit der britischen Variante gut fertig würden, mit der südafrikanischen und brasilianischen allerdings wohl schlechter, noch sei das aber nicht ausreichend geklärt. Cichutek widersprach der Befürchtung, dass der neu zugelassene Vektor-Impfstoff der Firma Astra-Zeneca weniger wirksam sei, vielmehr sei er in den ausreichend untersuchten Altersgruppen unter 64 Jahre „ausgezeichnet“ und weise ein günstiges Risiko-Nutzen-Verhältnis auf. Lungenschäden könnten nach allem, was derzeit bekannt sei, vermieden werden. Die Wirksamkeit des Astra-Zeneca-Impfstoffs bezifferte Cichutek mit 60 Prozent. Außerdem sei das Risikoprofil insgesamt etwas verträglicher als die beiden mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna.

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„Wir sind auf dem Weg raus aus der Pandemie“

Spahn sagte, erstmals seit drei Monaten gebe es wieder weniger als 200.000 akut Infizierte. „Wir sind auf dem Weg raus aus der Pandemie. Diesen Weg gehen wir entschlossen, aber vorsichtig.“ Ziel der Regierung sei es, die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz auf unter 50 zu drücken. Das bedeutet, dass innerhalb einer Woche weniger als 50 Menschen pro 100.000 Einwohner sich anstecken. Derzeit liegt der Wert bei knapp unter 80. Vor Weihnachten hatte er fast 200 erreicht.

Was bei den Beratungen am nächsten Mittwoch herauskommen werde, wisse sie noch nicht, sagte Bundeskanzlerin Merkel am Donnerstagabend in einem Interview mit den Sendern NTV und RTL. „Weil ich mir angucken muss, wie weit das britische Virus schon vorgedrungen ist“, so Merkel. Sie warnte vor falschen Hoffnungen: „Ich sehe ein leichtes Licht am Ende des Tunnels, aber es ist eine unglaublich schwere Zeit.“ Merkel wird am Donnerstag kommender Woche eine Regierungserklärung abgeben.

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Zwölf Länder gelten als Mutationsgebiete

Die Bundesregierung hat fünf weitere afrikanische Länder als Corona-Risikogebiete mit besonders gefährlichen Virusmutationen eingestuft. Für Botsuana, Malawi, Moçambique, Sambia und Simbabwe gilt damit ab Sonntag ein Beförderungsverbot für Fluggesellschaften, von dem allerdings deutsche Staatsbürger und in Deutschland lebende Ausländer sowie Transitpassagiere ausgenommen sind. Das teilte das Robert Koch-Institut am Freitag mit. Damit sind ab Sonntag insgesamt zwölf Länder als Mutationsgebiete eingestuft, davon acht im südlichen Afrika sowie Großbritannien, Portugal, Irland und Brasilien.

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Die Bundesregierung hatte in der vergangenen Woche ein Beförderungsverbot für diese Gebiete erlassen, um die grenzüberschreitende Verbreitung von besonders ansteckenden Corona-Mutationen einzudämmen. Darüber hinaus gibt es zwei weitere Kategorien von Corona-Risikogebieten: Zum einen „normale“ Risikogebiete, das sind weit mehr als 100 Länder über einem Grenzwert (auch Inzidenzwert genannt) von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Das trifft derzeit auf fast ganz Europa inklusive Deutschland zu. Zum andern gibt es Hochinzidenzgebiete, das sind fast 30 Länder mit deutlich höheren Infektionszahlen als in Deutschland. Der Grenzwert liegt bei einer Inzidenz von 200.

Die Virologin am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum Melanie Brinkmann zeigte sich in einem Gespräch mit dem „Spiegel“ fassungslos, dass immer noch Reisen ins Ausland möglich sind und widersprach Hoffnungen, dass Lockerungen bei einer Inzidenz von knapp unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen möglich sind. „So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown“, der bis ins Jahr 2022 reichen würde. Sie plädiert dafür, die jetzt geltenden Einschränkungen konsequenter einzuhalten und das auch zu kontrollieren. Trotz fortschreitender Impfungen gibt Brinkmann den Wettlauf gegen die Mutanten für „längst verloren“. Alles andere entspringe dem Wunschdenken, „genährt von falschen Versprechungen einiger Politiker“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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