Öffnen und kontrollieren

Entschieden, aber mit Augenmaß

EIN KOMMENTAR Von Reinhard Müller
28.02.2021
, 21:04
Der Kampf gegen die Pandemie tritt in eine entscheidende Phase. Wichtig sind Flexibilität und Kontrolle. Wer draußen kurz verweilt, ist noch kein Drogendealer.

Der Kampf gegen die Pandemie tritt in eine entscheidende Phase. Alles drängt nach draußen, doch die Gefahr ist keinesfalls gebannt. Immerhin: Wir wissen längst nicht alles über das Virus und seine Mutanten, aber doch genug über die Lage insgesamt, um verantwortungsvoll aus dem Krisenmodus herauszufinden. Wichtig sind nun Flexibilität, Augenmaß und Durchsetzungskraft. Ein starres Festhalten an überholten Formalien wäre auch im „Normalbetrieb“ ein Ärgernis. Die Impf-Reihenfolge war und ist grundsätzlich sinnvoll – und Ausweis unseres Menschenbildes.

Es darf aber nicht sein, dass Impfstoff wegen logistischer Mängel verfällt, oder weil gerade niemand aus der vorgesehenen Gruppe zur Verfügung steht. Das Recht des Stärkeren darf nie gelten – aber jeder Geimpfte ist besser als keiner. Die Möglichkeit eines begründeten Abweichens von einer empfohlenen Reihenfolge ist keine Willkür, erhöht die Impfquote und stärkt das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Gemeinwesens. Augenmaß, aber auch Entschiedenheit sind bei den angekündigten und weiter geforderten Öffnungen unerlässlich. „Hygienekonzepte“ dürfen nicht bloß behauptet werden. Hier ist, wie immer, jeder einzelne gefragt, aber ohne Kontrollen geht es in dieser Lage nicht. Das gilt auch für das Verhalten im Freien. Die Polizei agiert hier oft vorbildlich zurückhaltend und macht von ihrem Ermessen auf angemessene Weise Gebrauch – durch Präsenz und Ansprache. Und auch das ist bei vielen, welche die im Grunde ja schlichten Corona-Regeln verinnerlicht haben, nicht einmal nötig.

Doch Regeln müssen auch durchgesetzt werden, vor allem dort, wo ostentativ und massenhaft gegen sie verstoßen wird – sonst kann man auch auf sie verzichten. Drakonisches Durchgreifen sollte freilich schweren Verstößen vorbehalten bleiben. Wer im Freien einmal kurz verweilt, der ist noch kein Drogendealer – und sogar denen gegenüber zeigt sich die Staatsmacht ja mitunter ziemlich milde. Sie ist in jedem Fall, das muss man sich gerade in der Pandemie immer wieder klar machen, in unser aller Auftrag unterwegs.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Müller, Reinhard
Reinhard Müller
Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.
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