Corona-Pandemie

Spahn: „Zahlen sind ermutigend“

Von Kim Björn Becker
22.01.2021
, 11:48
Gesundheitsminister Jens Spahn gibt sich bei Corona vorsichtig optimistisch. Das Robert-Koch-Institut meldet weniger Ansteckungen. Dafür hat der Virologe Christian Drosten neue beunruhigende Zahlen zur Virus-Mutante.

Nicht nur der Gesundheitsminister bemühte sich, nach Wochen voller schlechter Nachrichten das Positive herauszustellen. Am Morgen meldete das Robert-Koch-Institut knapp 18.000 Neuinfektionen binnen eines Tages, 859 Personen starben an oder mit dem Virus. Im Schnitt steckten sich zuletzt bundesweit 115 von 100.000 Menschen binnen einer Woche mit dem Coronavirus an. Die Werte sind hoch, aber sie waren auch schon höher. Die Zahlen der vergangenen Tage seien „ermutigend“, sagte Jens Spahn (CDU) also am Freitag in Berlin. „Sie gehen in die richtige Richtung.“

Nicht weit von ihm entfernt saß Lothar Wieler in der Bundespressekonferenz, der Präsident des Robert-Koch-Instituts. Zwar seien die Fallzahlen nach wie vor zu hoch, mahnte Wieler. „Aber wir sehen einen klar leicht positiven Trend.“ Die Zahlen sinken, und das seien die „Erfolge“ der Corona-Maßnahmen. „Wenn wir alle konsequent mitmachen, sind wir auf einem guten Weg.“

Verbreitung nach Weihnachten

Gernot Marx, der Präsident der Intensivmedizinervereinigung Divi, berichtete denn auch von einem positiven Trend. Ihm zufolge wurden zuletzt knapp 4800 Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung auf den Intensivstationen der deutschen Krankenhäuser behandelt, deutlich weniger als Anfang Januar. Da lag der Wert bei 5800. „Das war die kritischste Situation, seit es intensivmedizinische Behandlung gibt“, sagte Marx. Inzwischen sei auch bei den Patientenzahlen ein „deutlicher Trend nach unten“ zu erkennen.

Doch Anlass zu Sorglosigkeit gibt diese Entwicklung nicht. Denn das Coronavirus verändert sich, die Verbreitung mehrerer Mutanten verunsichern Fachleute und Bürger gleichermaßen. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité brachte Zahlen jener Virusvariante mit in die Bundespressekonferenz, die vor allem in Großbritannien aufgetaucht ist. Zwar sei diese Mutante nach jüngsten Auswertungen weniger ansteckend, als man es zunächst angenommen hatte. Doch auf der Grundlage belastbarerer Daten habe man festgestellt, dass die Mutante nach wie vor ansteckender sei als das bekannte Sars-CoV-2-Virus – und zwar um etwa 22 bis 35 Prozent. „Wir müssen das ernster nehmen“, sagte Drosten. „So eine Mutante verbreitet sich stärker. Das ist leider ein Faktum, mit dem wir arbeiten müssen.“

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Nach Auffassung von Drosten hat sich diese Variante des Virus vor Weihnachten kaum in Deutschland verbreitet. Da habe „das Ganze wahrscheinlich keine große Rolle gespielt“, sagte er. Stattdessen sei die Mutante „über Weihnachten mit dem Reiseverkehr eingeschleppt“ worden, und das nicht nur aus England. Sie komme nicht nur in Großstädten vor. Inzwischen formierten sich „kleine Cluster“, die aber erkannt würden. Die medizinischen Labore arbeiteten mit „äußerster Anstrengung daran, ein klares Datenbild zu bekommen, das wir auch liefern werden“.

Der Virologe ging damit auf die Kritik ein, dass die auftretenden Coronaviren in Deutschland zu wenig systematisch genetisch untersucht würden. Gerade erste hatte Spahn eine Verordnung erlassen, die dazu führen soll, dass die Labore bis zu fünf Prozent aller nachgewiesenen Virusproben genetisch sequenzieren, also auf bestimmte Mutationen hin untersuchen. So wird am ehesten klar, welche Varianten sich auf welcher Weise in Deutschland verbreiten. Eine systematische Sequenzierung sei in Europa eine Ausnahme, sagte Drosten. England und Dänemark untersuchen derzeit sehr viele Proben; es gibt Forderungen, es ihnen gleichzutun. „Es ist nicht richtig, dass in Deutschland zu wenig sequenziert wird“, sagte Drosten.

Die Mutante sei in England im Übrigen nicht durch eine Sequenzierung entdeckt worden, sondern durch „Unregelmäßigkeiten“ bei regulären Tests. Dennoch sei es wichtig, rasch einen guten Überblick zu bekommen. Drosten sagte: „Man muss sich eine Zeit gedulden, bis belastbare Zahlen da sind.“

Wie angespannt die Situation dennoch ist, wurde am Freitag in der Bundespressekonferenz denn auch deutlich. Lothar Wieler zitierte aus den jüngsten Daten, die seine Behörde fortlaufend erhebt. Demnach gebe es nur in 21 von 412 Städten und Landkreisen eine Inzidenz von weniger als 50. In 37 Kommunen liege der Wert dafür bei mehr als 200. „Leider sehen wir nach wie vor viele Ausbrüche in Pflegeheimen“, sagte Wieler. Seine Behörde wisse von 900 Ausbrüchen, und es gebe gewiss eine Dunkelziffer. Die betroffenen Heime brauchten Unterstützung.

„Und wir sehen auch, dass Menschen ab 80 Jahren weiter sehr stark von Covid-19 betroffen sind“, sagte Wieler. Zuletzt wurde an vielen Tagen gemeldet, dass bis zu 1000 Menschen bundesweit binnen eines Tages im Zusammenhang mit dem Virus starben, darunter sind viele Ältere. Insgesamt sind seit Beginn der Pandemie 50.642 Menschen in Verbindung mit Covid-19 gestorben. „Das ist eine bedrückende, für mich schier unfassbare Zahl“, sagte Wieler. „Bitte lassen Sie sich impfen. Die Impfstoffe sind sicher und verträglich.“

Spahn will „diese Ambivalenz erklären“

Der zuständige Minister Jens Spahn warb für Verständnis für den kürzlich von Bund und Ländern noch einmal bis Mitte Februar verlängerten und in Teilen verschärften Lockdown. Man müsse „diese Ambivalenz erklären“, dass die Infektionszahlen sinken, aber die Maßnahmen verschärft werden. „Ich weiß, dass die Beschlüsse sehr belastend sind, für Kinder ganz besonders.“ Spahn erklärte die beschriebene Ambivalenz mit den weiterhin „zu hohen“ Infektionszahlen. „Das kann kein Dauerzustand sein.“ Es gelte, vor allem darauf zu achten, dass sich keine möglicherweise gefährlichere Mutante ausbreitet. „Dann kann diese Veränderung wirken wie eine neue Pandemie“, sagte Spahn.

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„Wir befinden uns auf dem Höhepunkt der Pandemie, haben den Weg aus der Pandemie heraus begonnen“, sagte er mit Blick auf die Impfkampagne. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts wurden bundesweit bereits 1,4 Millionen Impfdosen verabreicht. Bereits knapp 78.000 Personen erhielten die zweite und abschließende Impfung. Zuletzt wurden binnen eines Tages knapp 65.000 Menschen erstmals gegen Corona geimpft und gut 32.000 zum zweiten Mal. Die Zahl der täglichen Impfungen steigt seit Sonntag kontinuierlich. Insgesamt haben bislang 1,5 Prozent der Bevölkerung die erste von zwei Impfungen erhalten.

Bundesweit seien bislang etwa 60 Prozent der Pflegeheimbewohner geimpft worden, sagte Spahn. Auch „ein großer Teil“ des Personals in Pflegeheimen sei geimpft. In der Vergangenheit gab es Diskussionen um eine vielfach als zu gering empfundene Impfbereitschaft insbesondere unter Pflegern. „Wir haben allen Grund zur Annahme, dass die Impfteams bis Mitte Februar in allen Pflegeheimen ein Impfangebot werden gemacht haben können“, sagte Spahn.

Zum Abschluss seiner Stellungnahme gab sich der Gesundheitsminister noch einmal betont optimistisch. „Dieser Winter wird nicht leicht, aber wir haben Aussicht auf einen besseren Sommer“, sagte er.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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