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FAZ plus ArtikelIslam und Coronavirus

„Auf zum Gebet in euren Häusern“

Von Rainer Hermann
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 22:16
Eine Kette versperrt den Zugang zur Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld.
Der Islam wird in der Gemeinschaft gelebt. Doch nun werden Gebete abgesagt und Moscheen geschlossen. Wie gehen Gemeinden in Deutschland mit dem religiösen Leben in Zeiten der Corona-Pandemie um?

Am Dienstag will die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), mit den islamischen Verbänden darüber sprechen, was im Fastenmonat Ramadan, der am 24. April beginnt, zu beachten ist, sollten die Kontaktbeschränkungen andauern. Auch dann dürfe es keine gemeinsamen Gebete vor Ort geben. Muslime stehen in Zeiten der Corona-Krise vor einer großen Herausforderung. Denn der Islam wird in Gemeinschaft gelebt. Praktisch alle fünf „Säulen des Islams“, die das religiöse Leben eines Muslims bestimmen, erfolgen in Gemeinschaft – ob es das gemeinschaftliche Gebet ist, die Gemeinschaft während der Pilgerfahrt oder das Zusammensein beim Fastenbrechen im Ramadan.

„In Zeiten des Coronavirus aber gibt es kein Gemeindeleben mehr“, sagt Burhan Kesici, der Sprecher des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland, in dem die vier größten islamischen Verbände zusammengeschlossen sind. Denn die Moscheen sind geschlossen, das Freitagsgebet findet nicht mehr statt. Nach einer kurzen Phase anfänglicher Unsicherheit sei es nicht schwierig gewesen, das durchzusetzen. „Unsere Gemeindemitglieder sahen die Notwendigkeit ein, und sie wissen, um was es geht.“

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Schon am 14. März beschlossen die Verbände, das Freitagsgebet auszusetzen sowie in den Moscheen keine Gemeinschaftsgebete und Veranstaltungen mehr durchzuführen. Eine leichte Entscheidung sei das nicht gewesen, sagt Kesici. Denn für viele Muslime sei das rituelle Freitagsgebet der wichtigste soziale Bezugspunkt. Gültig ist das Freitagsgebet nur, wird es von einer Gruppe unter Leitung eines Vorbeters, des Imams, in Gemeinschaft verrichtet.

Kein Ersatz für das Freitagsgebet in der Moschee

Am vergangenen Freitag versammelten sich vor der Moschee Dar as-Salam im Berliner Stadtteil Neukölln laut Polizeiangaben rund 300 Muslime in der Erwartung, dass es wieder ein Freitagsgebet geben könnte. Die Moschee hatte mit der benachbarten Genezareth-Kirche vereinbart, Teile des Gebetsrufs vor der Zeit des Freitagsgebets ertönen zu lassen. Die Polizei war gleich vor Ort, auch der Imam. Er sagte, es gebe kein Freitagsgebet, und forderte alle auf, nach Hause zu gehen, was auch geschah.

Die islamische Theologie kennt keinen gleichwertigen Ersatz für das rituelle Freitagsgebet in der Moschee. Jedoch zwingt die Pandemie Muslime dazu, anstelle des gemeinschaftlichen Gebets in der Moschee nur noch im kleinen Rahmen zu beten. Familienmitglieder kommen zusammen, sie verrichten ein gewöhnliches Mittagsgebet, lesen aus dem Koran und hören über das Internet eine aufgezeichnete Predigt. „So wird heute die Religion stärker in den Familien praktiziert“, sagt Kesici.

Vor der Entscheidung, die Moscheen zu schließen, hatte der Rat der Imame und Religionsgelehrten in Deutschland an die Moscheegemeinden einen Appell verschickt, in dem es hieß, es sei aufgrund der raschen Ausbreitung des Virus eine islamische Pflicht und eine Bürgerverantwortung, den Behörden zu folgen. Theologisch habe der Rat diesen massiven Einschnitt damit begründet, dass der Islam „die Bewahrung des Lebens über die Sicherstellung der Religion“ stelle, sagt sein Vorsitzender Taha Amer, ein Gelehrter der ägyptischen Azhar-Universität. So lehre der Islam, dass man durch das Retten von Leben nahe an Gott sei. Schließlich könne das rituelle Gebet an jedem Ort verrichtet werden. Daher wurde der islamische Gebetsruf „Auf zum Gebet“ in weiten Teilen der islamischen Welt um die Worte „in euren Häusern“ oder „an eurem Aufenthaltsort“ erweitert.

Digitale Ersatzformate

Zusätzlich zur theologischen Begründung, die auf Deutsch und Englisch verschickt wurde, haben die Imame und Religionsgelehrten um Amer Handlungsanleitungen mit praktischen Vorschlägen erarbeitet, um so gut wie möglich die Lücke zu schließen, die mit der neuen Wirklichkeit entstanden ist. So solle sich der Einzelne um Nachbarn und Ältere kümmern, Familien sollen Zeit konstruktiv gemeinsam verbringen und sich um den digitalen Schulunterricht der Kinder kümmern, Imame sollen Kurse und Predigten im Internet anbieten, und die Moscheen sollen digitale Programme für Kinder und Jugendliche entwickeln.

Aus der Not heraus haben in kurzer Zeit Religionsgemeinschaften, Moscheegemeinden und einzelne Imame neue digitale Ersatzformate entwickelt. Religionsgemeinschaften wie die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş haben auf Youtube Kanäle mit täglichen Sendungen eingerichtet, Imame organisieren ihre wöchentlichen Gesprächskreise (sohbet) online, so dass sich Interessierte zuschalten können, und Religionspädagogen richten über Chat-Plattformen islamischen Religionsunterricht für Kinder ein. Es sei eine Dynamik entstanden, von der er hoffe, dass sie in Zukunft aufrechterhalten werden könne, sagt Kesici.

Gleichzeitig nehmen die psychologischen Probleme und Alltagsängste der Mitglieder zu. Darauf reagieren die Gemeinden und Verbände mit dem Ausbau der telefonischen Sozialberatung. Zunächst sei es um den Umgang mit der Pandemie gegangen, sagt Kesici. Heute stünden Probleme in den Familien im Vordergrund, etwa zum Zusammenleben auf engem Raum oder zur Schulbegleitung der Kinder.

Viele Moscheegemeinden sind auf Spenden angewiesen

Gravierende Folgen könnte die Corona-Krise für die Moscheegemeinden haben. Sie finanzieren sich überwiegend über die Beiträge und Spenden, die ihre Mitglieder nach den Freitagsgebeten und vor allem während des Fastenmonats Ramadan bar einzahlen. Nur wenige nutzen Daueraufträge. Der Ramadan ist der Höhepunkt des Gemeindelebens. In diesem Monat wird gewöhnlich mehr als ein Drittel des Budgets einer Gemeinde eingenommen. Die meisten Veranstaltungen im Ramadan sind jedoch bereits abgesagt.

Die Finanzierung der Moscheegemeinden werde „ein großes Problem“, fürchtet der Theologe Amer. Dennoch will er nicht übersehen, welche Chancen die Krise schaffe. Die Menschen würden bescheidener, es gebe einen neuen Geist der Solidarität, und die Familien rückten zusammen. Und er beobachte, dass sich die Konflikte und Streitigkeiten zwischen den Religionen und Religionsgemeinschaften aufzulösen begännen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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