Fehler im System

Von GABRIEL RINALDI, KIM BJÖRN BECKER und JENS GIESEL
8. August 2020
Satellitenbilder: Google Earth

Die Regierung verspricht sich viel von der Corona-App und wertet jeden Download als Erfolg. Doch niemand weiß, wie viele Ansteckungen das Programm verhindert hat. Erreicht es überhaupt die Richtigen? Eine Datenrecherche zeigt, wie die App soziale Ungleichheit sogar noch verstärkt – und junge Erwachsene in falscher Sicherheit wiegt.

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n der S-Bahn in Richtung Innenstadt deutet alles auf einen normalen Mittwochmorgen hin. So normal, wie er zu Corona-Zeiten eben sein kann. Die Passagiere haben Masken vor Mund und Nase. Wer kann, hält Abstand zu seinen Mitreisenden. Es ist acht Uhr früh, das Abteil ist voller Pendler. Der Zug hält am Bahnhof Taunusanlage, es ist das Tor zum Frankfurter Bankenviertel. Eine Rolltreppe befördert die Berufstätigen an die Oberfläche. Man erkennt sie an den dunklen Anzügen, den zurückhaltenden Kostümen. Es sind vor allem Jüngere und Menschen mittleren Alters, die an diesem Morgen die Bahn nehmen. Viele haben eine Aktentasche in der Hand oder einen Rucksack über der Schulter hängen. Doch in diesen Zeiten tragen die Pendler noch etwas anderes. Sie tragen Verantwortung. 

Corona ist der Grund dafür. Das Virus ist allgegenwärtig. Schilder mahnen zum Tragen der Maske, Klebestreifen auf dem Boden zeigen Grenzen auf. Doch das ist nicht alles. Wie gut die Gesellschaft das Virus im Griff behält, entscheidet sich auch auf den Telefonen der Bürger. Als die Bundesregierung Mitte Juni die Corona-Warn-App vorgestellt hat, warben gleich mehrere Minister für das Programm. Die Justizministerin von der SPD wandte sich direkt an die Bürger und bat sie, die App zu installieren. Christine Lambrecht sagte: „Ich kann Sie nur auffordern, tun Sie das.“ 

Smartphones mit aktiviertem Bluetooth
Smartphones mit Corona-Warn-App
Bankenviertel
Zwischen Hochhaustürmen
34% Corona-App-Nutzer
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Erfasst wurden Mobiltelefone mit aktivierter Bluetooth-Verbindung und der Anteil dieser Geräte mit installierter Corona-Warn-App.
Mehr Informationen zur Messmethodik

Die Banker in der Frankfurter Innenstadt haben es getan. Jedenfalls einige. Etwas mehr als jeder Dritte, der an diesem Mittwochmorgen zwischen den Hochhaustürmen unterwegs ist, nutzt die App. Das hat eine umfangreiche Datenrecherche der F.A.Z. ergeben, bei der die frei verfügbare App „Ramble“ genutzt wurde. Sie erfasst alle Bluetooth-Signale in einer Reichweite von bis zu 40 Metern und verknüpft sie mit dem Standort des eigenen Geräts. „Ramble“ ermöglicht keinerlei Rückschlüsse auf die Personen, denen die Telefone gehören. Doch zusammen mit den Eindrücken aus der Stadt werden Tendenzen erkennbar und Zusammenhänge klar.

Um herauszufinden, wer die App nutzt, wurde an verschiedenen öffentlichen Orten gemessen. Drei Tage lang, quer durch Frankfurt. Die Viertel unterscheiden sich, sie bilden jeweils andere Ausschnitte der Gesellschaft ab. Jüngere und Ältere. Arme und Reiche. Und manchmal alle auf einmal. Die Corona-Warn-App nutzt eine eigene Bluetooth-Schnittstelle. Deshalb ist es möglich, alle Geräte mit installierter App zu erkennen. Und später zu zählen. Vergleicht man die Werte mit der Summe aller Telefone, die Bluetooth aktiviert haben, lässt sich der Anteil der App-Nutzer gut bestimmen.

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08.08.2020
Quelle: F.A.Z.