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DDR-Heimerziehung

Lassen Sie uns darüber reden

Von Lydia Rosenfelder
 - 16:05
Die Endstation aller Heime, wo Folter und Drill junge Menschen sogar in den Selbstmord trieben: Ein Schlüsselbund aus dem Jugendwerkhof Torgauzur Bildergalerie

Sie saß in der Bahn und las. Das Buch roch schon so komisch. Auf dem Titel stand: „Grundkurs Soziale Arbeit“. Ihr erstes Fachbuch in dem berufsbegleitenden Studium, das sie gerade in Hamburg begonnen hatte, an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des „Rauhen Hauses“. Der Duktus der Texte kam ihr merkwürdig vor. Dann stieß sie auf ein Kapitel zur DDR-Jugendhilfe. Auf der zweiten Seite hieß es: „Wir waren in den Schlagzeilen; mit den ,Zwangsadoptionen’, dem geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau, mit den angeblich rigiden Erziehungsmethoden in den Heimen. Die Jugendhilfe war nach der Wende in den Medien unversehens der Dauerbrenner nach dem Thema ,Stasi’. Jetzt ist es ruhiger geworden, denn manche Vorwürfe lassen sich angesichts der Fakten nicht oder nicht in der vermuteten Zuspitzung aufrechterhalten.“

Zu Hause recherchierte Evelyn Zupke im Internet über den Autor, Eberhard Mannschatz. Er war im Volksbildungsministerium unter Margot Honecker Abteilungsleiter für Jugendhilfe, hatte den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingerichtet, wo bis zur Wende insgesamt viertausend Jugendliche inhaftiert waren. Torgau war die Endstation aller Heime, wo Folter und Drill junge Menschen sogar in den Selbstmord trieben. Mannschatz war nicht nur für die Einrichtung verantwortlich. Mit Anweisungen und Schriften legitimierte er Zwangsadoption und Umerziehung.

Von einer klaren Haltung keine Spur

Davon stand nichts im Lehrbuch. Dort trat Mannschatz als einziger Zeuge der DDR-Jugendhilfe auf. Wer nicht wie die 50 Jahre alte Evelyn Zupke zu DDR-Zeiten in Kirche und Opposition aktiv war und vor Demos von der Stasi Hausarrest bekam, wer sich nicht anderweitig mit DDR-Geschichte beschäftigt hat - der wundert sich womöglich nicht. Der Herausgeber des Bandes, Timm Kunstreich, ein linker Wissenschaftler, der in den achtziger Jahren Artikel schrieb über den „Versuch, mit Gramsci den Sozialismus in der DDR zu verstehen“, hatte Mannschatz 1995 ins „Rauhe Haus“ eingeladen, hatte auch später noch Kontakt zu ihm. So half er Mannschatz, in der westdeutschen Wissenschaft anschlussfähig zu werden.

Evelyn Zupke wandte sich an ihren Studiengangsleiter. Der sagte: „Evelyn, lass uns darüber reden.“ Man duzte sich hier gleich. Und schlug vor, sich mit Professor Kunstreich zusammenzusetzen. Davon hielt sie nichts. Sie fand Kunstreich unheimlich. Nach einigem Hin und Her teilte sie der Hochschule ihren Wunsch auf Exmatrikulation mit: Dass Mannschatz Eingang in die Lehre findet, sei „in höchstem Maße inakzeptabel und widerspricht sowohl meinem Menschenbild als auch meiner Vorstellung eines Studiums der Sozialpädagogik, insbesondere an einer Hochschule mit theologischem Hintergrund“. Der Rektor bestätigte den Eingang der Kündigung, „ohne auf Ihre Begründung näher eingehen zu können“. Sie schrieb dann viele Briefe. An die führenden Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bat sie, einzugreifen. Die Reaktionen an der Hochschule hätten ihr gezeigt: „Es gab kein Erschrecken darüber, kein Nachfragen nach Mannschatz’ Rolle und den Zuständen, die er mit zu verantworten hatte, kein spürbares Interesse an den Menschen, die Opfer seines Systems geworden sind.“ Die Sache sei offenbar einfach nur unangenehm. Von einer klaren Haltung keine Spur.

Zunächst antwortete niemand, nur Oberkirchenrat Ochel. Und Propst Claussen, der dem Kuratorium des „Rauhen Hauses“ vorsitzt, teilte ihr mit, das Thema sei auf der letzten Sitzung besprochen worden. Er sei aber wegen eines anderen Termins zu spät gekommen und habe Bericht und Diskussion verpasst. Er schlug vor, sie solle sich mit Professor Kunstreich und Rektor Theurich unterhalten. Zupke antwortete: „Soll ich aus dem Umstand, dass Sie mich an die Herren Theurich und Kunstreich verweisen, schließen, dass die gegenwärtige Praxis für Sie oder das Kuratorium unproblematisch ist?“ Keine Antwort.

„Ein Fehler“

Sie fühlte sich behandelt wie eine hysterische, betroffene Ostdeutsche. So klang für sie auch der Brief des Rektors, drei Monate später, als die Sache schon öffentlich war. Er habe bisher nur formal geantwortet, denn: „Mir war damals nicht bewusst, wie ernst Ihre Beweggründe und Ihre Kritik für Sie persönlich sind, und ich wollte auch keine inhaltliche Position zu einer Thematik einnehmen, mit der ich mich bisher viel zu wenig beschäftigt habe.“ Evelyn Zupke empfahl, er solle sich doch einmal eine halbe Stunde Zeit nehmen, um ein wenig über den Alltag im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zu lesen.

Spätestens als sich der Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, an Bischof Ulrich von der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche wandte, da war es nicht mehr Zupkes persönliches Problem. Kauder schrieb: „Ich wende mich an Sie, weil ich es für unangemessen halte, in welcher Weise die Evangelische Hochschule offenbar beabsichtigt, die Auseinandersetzung mit dem System der DDR-Heimerziehung zu führen“. Bischof Ulrich antwortete, der Abdruck des Vortrags ohne ausreichende Kommentierung sei ein Fehler. Eine Delegation des „Rauhen Hauses“ wird die Gedenkstätte in Torgau besuchen. Und das Bundeskabinett vereinbarte am vorigen Mittwoch mit den ostdeutschen Ländern einen Fonds von 40 Millionen Euro für DDR-Heimkinder.

Quelle: F.A.S.
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