Hannovers Oberbürgermeister

Worte, die ratlos machen

Von Reinhard Bingener, Hannover
Aktualisiert am 25.04.2019
 - 18:02
Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD)
In Hannovers Rathausaffäre wächst der Druck auf Oberbürgermeister Stefan Schostok, nach Erhebung der Anklage gegen ihn zurückzutreten. Auch Parteigenossen wenden sich von ihm ab.

Im Rathaus der Stadt Hannover war am Donnerstag die wohl gewundenste Erklärung zu erleben, die es seit langer Zeit gegeben hat. Die Einlassung des Oberbürgermeisters der niedersächsischen Landeshauptstadt, Stefan Schostok, stach unter anderem dadurch hervor, dass in ihnen Wörter wie „Rücktritt“ oder „Rückzug“ überhaupt nicht vorkamen. Der SPD-Politiker sprach nur von „ernsten Konsequenzen“ und dem „Thema Verantwortung“. Ein Stadtrat bemerkte in der anschließenden Aussprache, Schostoks Worte hätten ihn ratlos zurückgelassen. Selbst in der SPD-Stadtratsfraktion gab es Mitglieder, die eher an eine Finte Schostoks glaubten als an einen freiwilligen Rückzug.

Politisch scheint die Sache inzwischen allerdings klar: Schostok wird sein Amt nicht mehr lange behalten. Seine Einlassung wurde von maßgeblichen Kommunalpolitikern auch so verstanden, dass er sich lediglich Zeit bis zum kommenden Dienstag ausbedungen hat, um dann mit den Fraktionsvorsitzenden die Details seines Rückzugs zu besprechen. Denn die Hürden, welche die niedersächsische Kommunalverfassung für solche Fälle aufstellt, sind hoch. Doch noch höher ist der Druck, der auf Schostok inzwischen lastet.

Am Mittwoch hatte die Staatsanwaltschaft Hannover mitgeteilt, dass sie gegen ihn Anklage wegen Untreue in einem besonders schweren Fall erhebt. Schostok wird im Zusammenhang mit der sogenannten Rathaus-Affäre vorgeworfen, in die Zahlung illegaler Gehaltszulagen an seinen früheren Büroleiter verwickelt gewesen zu sein. Die Affäre beschäftigt die niedersächsische Landeshauptstadt schon seit eineinhalb Jahren. Doch der Oberbürgermeister zeigte sich davon unbeeindruckt – nach der Anklageerhebung gegen ihn kündigte er an, im Amt zu bleiben. Gesprächspartner Schostoks diagnostizierten völlige Uneinsichtigkeit. Dann wurde es jedoch Stunde um Stunde einsamer um ihn. Zuerst forderte ihn die oppositionelle CDU zum Rücktritt auf, dann forderte die FDP, die in Hannover gemeinsam mit SPD und den Grünen eine Koalition bildet, einen Rückzug. Die Grünen schlossen sich dieser Forderung an. Damit wackelte das Regierungsbündnis.

Ein Abwahlverfahren gegen Schostok kann allerdings nur mit einer Dreiviertelmehrheit in Gang gesetzt werden. Gegen seinen eigenen Willen kann der Sozialdemokrat also nur mithilfe seiner eigenen Partei aus dem Amt gedrängt werden. Allerdings schwand auch dort sein Rückhalt bis zum Donnerstagnachmittag. Innerhalb des Stadtverbands halten viele SPD-Leute den Rückzug Schostoks ohnehin für überfällig. Sie warnen, die Affäre um ihn könne das Ende der roten Hochburg Hannover einleiten. Stephan Weil, früher selbst Oberbürgermeister der Stadt und heute SPD-Landesvorsitzender und Ministerpräsident, sieht Schostok schon lange kritisch. Wie zu hören ist, hat Weil am Donnerstag zahlreiche Gespräche geführt, die eine Ablösung Schostoks zum Ziel hatten. „Schostok hat jetzt die gesamte SPD gegen sich, keiner steht mehr hinter ihm“, verlautete aus seinem Umfeld. Denn zu diesem Zeitpunkt hatten auch die bisherigen Getreuen Schostoks an der SPD-Spitze auf Stadtebene eingesehen: Schostok muss weg. Alptekin Kirci, der Vorsitzende des SPD-Stadtverbandes, stellte nach Schostoks Erklärung klar, dass der Oberbürgermeister mit seiner Rede seinen Rückzug angekündigt habe. Es bleiben allerdings Zweifel, ob Schostok das auch so sieht.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bingener, Reinhard
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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