Laschet bei JU-Treffen

„Die Verantwortung für dieses Ergebnis, die trage ich“

Von Tobias Schrörs, Münster
16.10.2021
, 13:53
Hält die Union nicht für einen Sanierungsfall: Laschet beim Deutschlandtag
In seiner Rede vor der Jungen Union übernimmt Laschet die Verantwortung für das Wahldebakel und stimmt die Parteijugend auf Opposition ein. Gesundheitsminister Spahn appelliert an die Partei, mit dem Schaulaufen aufzuhören.
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Armin Laschet stellt sich der Diskussion mit der Jungen Union (JU). Anders als Markus Söder ist er nach Münster zur gemeinsamen Nachwuchsorganisation von CDU und CSU gekommen. Bei der JU rechnen sie Laschet das hoch an, das wird schon deutlich, als er in die Halle in Münster einzieht. Der JU-Bundesvorsitzende Tilman Kuban sagt, Laschet zeige „wahre Größe“ und seinen „ganz starken Charakter“.

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„Es ist immer wieder gut, bei der Jungen Union zu sein“, eröffnet Laschet seine Rede; auch wenn es mühsam sei und er gerne unter anderen Vorzeichen gekommen wäre. In seiner Rede baut Laschet vor für die Diskussion, die folgen wird. „Die Verantwortung für dieses Ergebnis, die trage ich als Vorsitzender und als Kanzlerkandidat“, sagt er mit Blick auf die Bundestagswahl.

„Ja, ich kann jetzt Sneaker tragen“

Laschet erntet immer wieder Zwischenapplaus, sogar einen Lacher kriegt er hin. Als er von den guten Erfahrungen mit der JU im Wahlkampf spricht und ihr dankt, erwähnt er auch Sneaker, die er geschenkt bekommen habe. Die habe er zwar jetzt nicht an, sagt Laschet und schaut an sich herunter. „Ja, ich kann jetzt Sneaker tragen.“ Er lacht, sie lachen mit – und klatschen.

Gleich danach wird es wieder ernst. Der Parteivorsitzende bereitet die jungen Leute auf die Oppositionsrolle vor, nur die „allerallerwenigsten“ in der Union wüssten, was Opposition sei. Er spricht sich aus für eine „klare Fehleranalyse“. Dass die Union ein totaler Sanierungsfall sei, wie es Merz am Vorabend gesagt hat, teile er nicht, ergänzt Laschet.

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Den Landesvorsitzenden der JU in Nordrhein-Westfalen, Johannes Winkel, spricht Laschet direkt an. Denn der hatte am Vorabend heftige Kritik geübt – an Laschet und an Söder. „Wer im Wahlkampf auftritt wie Armin Laschet, der sollte nach der Wahl nicht direkt den Anspruch erheben, Kanzler zu werden, sondern vor allen Dingen Verantwortung für das Ergebnis übernehmen“, sagte der Landeschef am Freitagabend unter dem Beifall der Delegierten. „Und wer im Wahlkampf so nachtritt wie Markus Söder, der sollte nach der Wahl nicht über Stilfragen reden, sondern zur Beichte gehen.“

Ja, das könne man kritisieren, sagt Laschet am Samstag. Doch sei die Lage am Wahlsonntag nicht so klar gewesen. „Und ich glaube immer noch, unabhängig von meiner Person, dass Jamaika ein interessantes Angebot an die Öffentlichkeit gewesen wäre.“ Nun deute alles auf eine Ampel hin.

An diesem Wochenende berät die Junge Union über einen Antrag des Bundesvorstands, in dem gefordert wird, den nächsten Vorsitzenden der CDU in einer Mitgliederbefragung zu bestimmen, sofern es mehrere Kandidaten gibt. Am 30. Oktober werden die Kreisvorsitzenden auf einer Konferenz beschließen, ob es eine Urwahl geben wird. Laschet schließt das nicht aus, verteidigt aber den Bundesparteitag, dessen Aufgabe die Wahl eines Vorsitzenden sei. Manche sagten, man habe immer an der Basis vorbei entschieden, leitet Laschet seine Ausführungen zu dem Thema ein. Da klatschen manche – aus Widerspruch. „Vorsicht“, sagt Laschet. Bundesparteitage seien „immer noch ein sehr gutes Instrumentarium, die Breite der Partei abzubilden“.

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Kritik an Durchstechereien

Viel Zuspruch bekommt Laschet für seine Kritik an Durchstechereien aus Sitzungen der Parteispitze. „Dass man den CDU-Bundesvorstand im Liveticker mitlesen kann, war schon der Beginn einer Schwächung im Wahlkampf“, sagt er. Dafür gibt es Applaus. „Jetzt gibt’s hier Handyverbot“, habe er bei der jüngsten Präsidiumssitzung am Montag gesagt, erzählt Laschet. Manchmal kann er auch Ansagen machen: „Solange ich CDU-Vorsitzender bin, gilt dieses Handyverbot.“

Am Samstag spricht Laschet auch über den Bundestagspräsidenten. „Ich muss einen Satz zu Wolfgang Schäuble sagen“, sagt er. Darstellungen, dass Schäuble entschieden habe, wer Kanzlerkandidat werden solle, weist er zurück. „Lasst euch diese Legende nicht einreden.“

Den Landesvorsitzende der Jungen Union in Bayern, Christian Doleschal, geht Laschet indirekt scharf an – ohne ihn beim Namen zu nennen. Doleschal hatte der Zeitschrift Der Spiegel gesagt, Annegret Kramp-Karrenbauers und Peter Altmaiers Verzicht auf ihre Mandate verdiene großen Respekt. „Diesen mutigen Schritt im Dienst für eine Erneuerung der Union dürften ruhig auch andere gehen. Darüber sollten vor allem diejenigen nachdenken, die seit mehreren Jahrzehnten im Bundestag sind – beispielsweise Wolfgang Schäuble.“

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Laschet sagt über Schäuble, ein solcher Mann habe es nicht verdient, dass er von irgendjemandem aus dem Amt gedrängt werde. „Ich werde das nicht dulden.“ Wie so viele an diesem Wochenende mahnt er zu Geschlossenheit mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Söder meldet sich von der Seitenlinie

Nach Laschets Rede stehen die jungen Leute Schlange am Mikrofon, um mit ihm zu diskutieren. Einer wirft Laschet einen Kuschelkurs im Wahlkampf vor, der falsch gewesen sei. Ein anderer beklagt sich über das Konrad-Adenauer-Haus. Das sei ein „Job-Beschaffungsprogramm für ausgetauschte JUler und CDUler“, sagt er. „Mein Problem ist diese Berliner Blase.“ Die Kritik am Adenauer-Haus nehme er mit, sagt Laschet. Er würde sie so, wie sie geäußert wurde, „nicht ganz teilen“. Aber auch die Parteizentrale müsse neu aufgestellt werden.

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Söder zieht es indes am Wochenende vor, das Geschehen von der Seitenlinie aus zu kommentieren. „In Stil und Inhalt sollten wir wieder enger zusammenrücken, anstatt öffentlich übereinander zu reden“, sagt Söder der Zeitung Welt am Sonntag. „Die CSU wird daher keine öffentlichen Ratschläge erteilen, sondern – wenn es gewünscht ist – mithelfen, die Union zu stabilisieren.“ Man habe „eine gemeinsame bürgerliche Idee“, sagt der CSU-Chef. Auf die Frage nach jüngsten Schuldzuweisungen aus der CSU in Richtung der CDU und des Kanzlerkandidaten Armin Laschet geht Söder nicht direkt ein – er betont: „Wir brauchen einen neuen Weg des Miteinanders.“

Während Laschet bei der Jungen Union die Scherben aufkehren muss, schickt Gesundheitsminister Jens Spahn sich an, sich als Vertreter einer neuen Generation zu präsentieren. „Wir haben an vielen Stellen ein Klima des Misstrauens, das sich breit gemacht hat, und auch eine Zerrissenheit“, sagt Spahn. Die Entscheidung zur Kanzlerkandidatur, so wie sie getroffen worden sei, habe für viele den Bruch bedeutet. Er bleibt bei dem Motiv, spricht über die Zerrissenheit von Ost und West, zwischen den Flügeln der Partei und ruft dazu auf, eine Kultur des Vertrauens aufzubauen. Einen Abschiedsgruß an die Ära Merkel sendet er indirekt auch, als er Debatten einfordert. Er wolle nie wieder hören, etwas sei alternativlos, sagt Spahn.

Spahn: Wir müssen aufhören mit Schaulaufen

Er habe wieder gelesen, es gehe um Schaulaufen. „Es geht doch hier nicht um Armin, Friedrich, Jens, Ralph, wen auch immer“, sagt er auch mit Blick auf jene in der CDU, die als mögliche neue Vorsitzende gehandelt werden. Offiziell hat noch niemand seine Kandidatur erklärt. Es ist davon auszugehen, dass neben Spahn auch der Wirtschaftspolitiker Friedrich Merz, der Chef der Mittelstandsvereinigung Carsten Linnemann, der Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus und der Außenpolitiker Norbert Röttgen zumindest an eine Kandidatur denken. Spahn äußert einen frommen Wunsch: „Eine Zukunft kann es nur geben für die Union, wenn wir aufhören mit Schaulaufen.“ Auf Teamgeist komme es an.

Am Vorabend hat JU-Chef Kuban mehr programmatisches Profil für die CDU gefordert. Wenn man nachts geweckt werde, müsse man sagen können: „Eins, zwei, drei, dafür steht meine Partei.“ Spahn zählt am Samstag einige programmatische Sätze auf und brüstet sich damit, dass er noch mehr davon auf Lager habe. „Erwirtschaften kommt vor dem Verteilen“, ist einer dieser Sätze. Wer arbeite, solle mehr haben als jemand, der nicht arbeite, lautet ein anderer. Und: „Familie ist der Keim der Gesellschaft.“ Damit will er auch mitgemeint wissen, wenn zwei Menschen füreinander Verantwortung übernähmen, wie er und sein Mann. Dafür applaudieren ihm die JU-Mitglieder.

Spahn spricht auch noch über Bürger in Uniform, über weltoffenen Patriotismus. Für seine Rede bekommt der Gesundheitsminister viel Applaus von den Delegierten, die allermeisten erheben sich für ihn. Aber es soll ja kein Schaulaufen sein.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schrörs, Tobias
Tobias Schrörs
Politikredakteur.
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