Politischer Aschermittwoch

Bitte nicht zu jeck

Von Peter Carstens, Berlin
Aktualisiert am 24.02.2020
 - 18:22
Andrea Nahles, ehemalige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, beim politischen Aschermittwoch in Thüringen
Wegen schräger Büttenreden haben zuletzt zwei Parteivorsitzende ihre Ämter verloren. Um weitere Humorunfälle zu vermeiden, hat die SPD-Zentrale nun ein 22 Seiten langes Redemanuskript versandt.

Karneval und Fasching sind todernste Veranstaltungen, weswegen zuletzt zwei Parteivorsitzende ihre Ämter wegen schräger Büttenreden vor eventuell betrunkenem Publikum verloren haben: Bei einer Veranstaltung zum Aschermittwoch in Thüringen blamierte sich voriges Jahr Andrea Nahles mit gekrähtem „Es gibt kein Bier auf Hawaii!“ und einer schrägen Liebeserklärung an den Spitzenkandidaten Wolfgang „Wollibolli“ Tiefensee, dem sie ein gesungenes „Schnullibulli“ widmete.

Als Kanzlerin schwer vorstellbar war auch „Putzfrau Gretl“, die unter dem Namen Annegret Kramp-Karrenbauer außerhalb der Session die CDU führte. Letztes Jahr präsentierte sie bei der „Narrenschau“ doofe Herrenwitze und sagte über ihre Arbeit in Berlin: „Ich weeß gar net, wie ich do hingeroot bin, so ein Schlamassel!“ Wie sollen die Parteien nun mit der Karnevalszeit umgehen? Selbst die Kanzlerin muss ja mitmachen. Besonders an Aschermittwoch, einer Nahtstelle zwischen Politik und Fasching, lauern erhebliche Gefahren. In der SPD jedenfalls hat sich der neue Parteivorstand zumindest zum unfallfreien Aschermittwoch Gedanken gemacht und eine sozialistische Einheitslösung für das Risiko individueller Ausfälle gefunden: die Musterrede.

Wie zunächst der Berliner „Tagesspiegel“ berichtete, hat das Willy-Brandt-Haus an Amts- und Mandatsträger ein 22 Seiten starkes Manuskript versandt. Zum Inhalt wurde bekannt, dass der FDP-Politiker Christian Lindner dort elfmal attackiert, durch den Kakao gezogen und bloßgestellt werde, von Angela Merkel aber nur einmal die Rede sei. Zudem gebe es allerlei Stellen, an denen Applaus und Lacher fest in der Rede von Herrn oder Frau Mustermann eingeplant seien.

Nun haben in der SPD solche Musterreden schon Tradition. Bereits zur Mitgliederbefragung zum Koalitionsvertrag wurden aus dem Willy-Brandt-Haus Musteransprachen spontaner Begeisterung über das Erreichte verteilt. Und in der Bundestagsfraktion verschickt der Fraktionsvorsitzende jeweils die „Botschaften der Woche“ an die Abgeordneten, die weniger Überblick haben als Rolf Mützenich – ein Kölner Nichtkarnevalist. Mützenich biegt darin jeweils vier, fünf heiße Eisen zu klaren Ansagen.

Die Karnevalsabteilung im Willy-Brandt-Haus hat damit nichts zu tun. Dass dort, am Rande von Kreuzberg, ein Epizentrum des Humors liegen würde, hätte man freilich nicht vermutet, obgleich derzeit einer der Vorsitzenden aus Köln kommt, seine Sprecherin aus Düsseldorf. Fragen nach dem Mustergebrauch wurden auf karge Art von der Zentralverwaltung beantwortet: Es sei das übliche Verfahren, auch zum 1. Mai und Neujahr.

Vielleicht muss man sich selbst fragen, ob Aschermittwoch etwa die Schwäbin Saskia Esken in Vilshofen an der Donau die Musterrede verwendet oder der norddeutsche Arbeitsminister Hubertus Heil im berüchtigten Saarland Auszüge der 22 Seiten der Berliner Humorverwaltung vorträgt. Möglicherweise gilt da die alte Faschingsregel: Jeder blamiert sich, so gut er kann.

Quelle: F.A.Z.
Peter Carstens - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Carstens
Politischer Korrespondent in Berlin
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