Omikron-Welle

Drosten: Irgendwann muss man das Virus „laufen lassen“

Von Heike Schmoll, Berlin
14.01.2022
, 16:03
Warnen davor, die falschen Schlüsse aus Omikron zu ziehen: Drosten, Lauterbach und Wieler
Derzeit setzen Gesundheitsminister Lauterbach und Virologe Drosten noch auf Booster-Impfungen, um den Omikron-Anstieg zu verlangsamen – und geben einen Ausblick auf die Zeit nach der aktuellen Welle.
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Noch nie gab es so viele Covid-Fälle wie durch die Omikron-Variante. Trotzdem sorgen die Kontaktbeschränkungen in Deutschland dafür dass die Omikron-Wand sich nicht ganz so steil auftürmt wie in anderen Ländern. Aus dem steilen Gipfel einen Hügel zu machen und den Infektionsanstieg möglichst lang zu strecken, gehöre zu den vorrangigen Zielen der Bundesregierung, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). In dieser Zeit gelte es, möglichst viele Menschen mit einer Auffrischungsimpfung zu versorgen. Deutschland habe nicht die kurze Verdoppelungszeit der Ansteckungen wie andere Länder. Der Verdoppelungszeitraum lag vor einigen Wochen noch bei etwa 4,5 Tagen. Derzeit bewegt er sich auf 6,5 Tage zu. Durch die Anti-Corona-Maßnahmen sind die Kontakte in Deutschland auf etwa 50 Prozent des „vorpandemischen Zeitalters“ reduziert. „Trotzdem gibt es keinen Grund zur Entwarnung“, sagte Lauterbach.

Die derzeitigen Corona-Maßnahmen hält der Minister für ausreichend, allerdings bereitet ihm Sorge, dass die geltende 2-G-plus-Regel nicht überall umgesetzt und ausreichend kontrolliert wird. „Lockerungen kann man zum derzeitigen Zeitpunkt ausschließen“, sagte Lauterbach. Wenn die Fallzahlen deutlich steigen sollten und eine Überlastung der medizinischen Versorgung zu erwarten wäre, „dann muss natürlich mit anderen Maßnahmen gegengesteuert werden. Es gebe die Möglichkeit, die Pandemie in Deutschland in diesem Jahr zu beenden, sagt Lauterbach. Nun müsse diese Möglichkeit auch genutzt werden. Nicht jedes Land sei dazu in der Lage. „Wir sind privilegiert“, sagt er am Freitag in Berlin.

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Lauterbach sieht keinen Anlass für Schulschließungen

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler wies darauf hin, dass die Hygienemaßnahmen auch in den Schulen unbedingt eingehalten werden müssten. Besonders wichtig ist in seinen Augen das Maskentragen, weil Omikron sich besonders leicht überträgt. Für Schulschließungen sieht Lauterbach derzeit keinen Anlass.

Im Moment gebe es 800.000 aktive Fälle, erläuterte Wieler, damit sei knapp ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Fast jeder vierte PCR-Test sei positiv. Bei den Corona-Infektionsfällen wird die Omikron-Variante die Delta-Variante in wenigen Tagen vollständig verdrängt haben. Schon jetzt liegt ihr Anteil bei den Neuinfektionen bei 73,3 Prozent. Durch die Masse an Infektionen müsse man sich darauf einstellen, dass die Zahlen der Krankenhauseinweisungen und der Todesfälle wieder stiegen. Bisher hätten die Todesfälle noch nicht wieder zugenommen: „Das wird sich aber ändern.“

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Drosten: Irgendwann das Virus laufen lassen

Wieler kündigte an, dass sich die Teststrategie in den kommenden Monaten ändern wird. Wie Gesundheitsminister Lauterbach sieht er keine große Notwendigkeit mehr, die Verbreitung der nun dominanten Omikron-Variante nachzuweisen. Man könne bestimmte PCR-Tests also einsparen, und sie dort konzentrieren, wo sie besonders gebraucht würden, sagt Lauterbach. Wenn die Lage endemisch werde und das Virus weniger schwere Erkrankungen auslöse, müsse man dann ohnehin weniger testen. Der Bundesgesundheitsminister hatte zuvor eine Priorisierung bei den PCR-Tests für das Personal medizinischer Einrichtungen angeordnet.

Der Direktor des Instituts für Immunologie der Charité in Berlin Christian Drosten warnte davor, auf eine Durchseuchung der Bevölkerung zu setzen. Drei Millionen der Menschen über 60 Jahren seien noch nicht geimpft, fast neun Millionen nicht geboostert und damit nicht vollständig gegen die Omikron-Virus-Variante geschützt. Irgendwann müsse man das Virus „laufen lassen“, weil man die Bevölkerung nicht immer wieder nachimpfen könne, doch sei es jetzt möglicherweise noch zu früh dazu. „Da sind wir ein bisschen im Blindflug“, sagte der Virologe. Aber gegen Omikron könnte eine veränderte Impfung mit einem angepassten Wirkstoff nötig werden. Drosten warnte davor, sich durch eine Omikron-Infektion gegen noch mögliche andere Variantentypen, die Delta ähnlich sind, gewappnet zu fühlen. Das sei nicht der Fall.

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Die Bundesregierung hält nach Angaben einer Regierungssprecherin am Ziel fest, bis Ende Januar eine Quote an Erstimpfungen von 80 Prozent zu erreichen. Dies sei ein sehr ehrgeiziges Ziel, an dem man mit Hochdruck arbeite. Zuvor hatte der Gesundheitsminister Zweifel geäußert, ob das Ziel noch erreichbar sei. Am Donnerstag ließen sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 734.061 Menschen impfen. Darunter waren 50.604 Erstimpfungen. Insgesamt haben 74,9 Prozent mindestens eine Impfung erhalten. Fast zwei Drittel der neu aufgenommenen Corona-Patienten auf Intensivstationen sind Ungeimpfte. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Untersuchung des RKI und der Intensivmedizinervereinigung Divi. Zuletzt waren von 9000 Intensivpatienten 62 Prozent ungeimpft. Zehn Prozent hatten einen unvollständigen Immunschutz (genesen ohne Impfung beziehungsweise Teilimmunisierung), 28 Prozent hatten eine vollständige Grundimmunisierung oder eine Auffrischungsimpfung. Die Erhebung umfasst den Zeitraum vom 14. Dezember letzten Jahres bis 12. Januar.

Endemischer Zustand bis Ende des Jahres?

Drosten warnte davor, die „schwierigen Doppelbotschaften“ der Omikron-Welle misszuverstehen. Zwar verlaufe eine Infektion mit der Escape-Variante in der Regel milder, doch dieser Vorteil werde von der enormen Anzahl an Infektionen aufgewogen. Er verwies auch darauf, dass ein erheblicher Unterschied darin liege, ob man sich mit oder ohne Maske infiziere. Von der jeweiligen Viruslast hänge die Schwere der Erkrankung ab.

Auch wenn wärmeres Wetter um Ostern herum und die Boosterkampagne dazu beitragen könnten, dass die Verbreitung geringer werde, gelte es den Herbst vorzubereiten. Den endemischen Zustand wird Deutschland nach Einschätzung Drostens Ende des Jahres entweder erreicht haben „oder wir sind praktisch da“. Impfungen verhinderten nicht unbedingt eine Ansteckung, das sei wahr, aber sie verhinderten einen schweren oder gar tödlichen Verlauf, deshalb gelte es unbedingt die große Impflücke bei den über 60 Jahre alten Menschen zu schließen.

„Wir tun sehr viel für die Ungeimpften und wir könnten im Gegenzug auch eine nahezu nebenwirkungsfreie Impfung verlangen“, sagte Lauterbach, der aber bei seiner Linie bleibt, keinen eigenen Vorschlag für eine generelle Impfpflicht ab 18 Jahren vorzulegen, sondern die Rolle des Gesundheitsministeriums als Zulieferer für künftige Anträge von Bundestagsabgeordneten bekräftigte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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