FAZ plus ArtikelDruck auf Österreich

Verbietet Europa das Skifahren?

Von Stephan Löwenstein, Matthias Rüb und Michaela Wiegel
25.11.2020
, 17:00
Die Regierungen der europäischen Wintersport-Länder streiten darüber, ob und wann trotz Corona in Skigebieten die Saison eröffnet werden soll. Nicht nur Markus Söder hat eine klare Meinung dazu.

Soll in ganz Europa der Skitourismus in einen verordneten Winterschlaf geschickt werden? Was der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte zu Wochenbeginn vorgeschlagen hat, war offensichtlich kein Alleingang aus Rom. Man sei in der Sache mit Präsident Emmanuel Macron und Kanzlerin Angela Merkel im Gespräch, sagte Conte.

Macron hat für sein Land bereits die Skisaison bis Mitte Januar abgesagt, und weder Frankreich noch Italien können ein Interesse daran haben, dass ihre Bürger in den Weihnachtsferien stattdessen in ihre alpinen Nachbarländer reisen. Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat sich in diesem Sinn geäußert. Auf Bild.de machte er sich dafür stark, dass „wir nicht nur in Deutschland sagen: keine Ski-Gebiete, kein Tourismus – sondern auch Österreich dazu bringen würden“. Das wäre „ein Akt europäischer Solidarität“.

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Die Virenlast von Ischgl

Die unglückliche Rolle, die Skiparties und Sportclubs bei der weltweiten Ausbreitung der Pandemie zum Ende der vergangenen Wintersaison spielten, ist von österreichischen Wissenschaftlern genetisch rekonstruiert worden. Dabei kam heraus: Beim Après-Ski in Ischgl haben sich die Infizierten, die den Erreger anschließend nach Island und New York trugen, ausgesprochen viele Viruspartikel eingefangen.

Die meisten infizierten Skigäste haben in den feuchtfreulichen Nächten in kurzer Zeit mehr als tausend Viruspartikel eingeatmet – gemessen an Norovirus-Ansteckungen ist das eine Menge. Das lässt Rückschlüsse auf die damaligen Umstände in den Skihütten zu, die von den Beteiligten auch kaum bestritten werden: Atemluft und Aerosole konzentrierten sich rasch, die viruslastige Luft zirkulierte unverdünnt. Wie viel und was man da einatmete, ahnten damals die wenigsten Besucher. Einige von Ihnen wurden nun nachträglich befragt; mit Kontakttracing wurden die Übertragungsketten verfolgt.

Im Zentrum der neuen Analyse, die Andreas Bergthaler und sein Team vom CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der österreichischen Wissenschaftsakademie in der international bekannten Fachzeitschrift „Science Translational Medicine“ vorgenommen haben, stehen aber die Viren der Ischgl-Infizierten. 750 Proben aus der Zeit zwischen 24. Februar und 7. Mai wurden neu untersucht. In einigen hundert Abstrichen von damals war genügend unterschiedliches Virusmaterial gefunden worden, um damit Sars-CoV-2-Stammbäume rekonstruieren zu können.

Entscheidend sind für solche Analysen die Erbgutveränderungen des Virus, Mutationen, die mehr oder weniger zufällig aber ständig während der Vermehrung geschehen. So erhält jedes Virus ein eigenes Genprofil. Anhand solcher Genprofile konnten die Forscher in vielen Fällen Überträger und Empfänger identifizieren. Auch die mutmaßliche Zahl der übertragenen Viren konnte so ermittelt werden. Vergleiche mit internationalen Sars-CoV-2-Gendaten ermöglichten zudem Rückschlüsse über die weitere Ausbreitung in andere Länder. Auch zwei österreichische Hotspots – in Ischgl und in Wien – konnten so anhand von 76 Infektionen erstmals miteinander verknüpft werden. (jom)

Quelle: F.A.Z.
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