Ehefrauen bekannter Politiker

Auf der Überholspur

Von Uta Rasche
21.03.2012
, 15:14
Großes Vorbild Hillary Clinton: Doris Schröder-Köpf und Michelle Müntefering wollen eigene politische Karrieren starten. Doch der Nachname garantiert noch keinen Erfolg.

Es ist ein ungleiches Kandidatenpaar, das da im Herner Volkshaus Röhlinghausen an langen, weißen Resopaltischen sitzt. Michelle Müntefering, 31 Jahre alt und seit zwei Jahren verheiratet mit dem SPD-Urgestein Franz Müntefering, und Anke Hildenbrand, 49 Jahre alt. Beide sind Kommunalpolitikerinnen in Herne. Michelle Münterfering ist zierlich, rhetorisch geschult, pendelt zwischen Berlin und Herne - ihr Leben ist die Politik. Anke Hildenbrand ist eine gestandene Frau. Die Juristin arbeitet als Gutachterin, engagiert sich in der evangelischen Kirche, hat eine 15 Jahre alte Tochter und pflegte ihre Mutter bis zu deren Tod im vergangenen Jahr - kurz: Sie hat ein Leben jenseits der Politik.

Die örtliche SPD eröffnet an diesem Abend den Reigen von 30 Vorstellungsrunden, auf denen Anke Hildenbrand und Michelle Müntefering um die Gunst der Parteibasis werben. Beide Frauen wollen im September 2012 für den Wahlkreis 142 Herne/Bochum in den Bundestag einziehen. Er gilt als sicheres Terrain für die SPD; Vorgänger Gerd Bollmann holte ihn zuletzt mit 51,3 Prozent der Stimmen. Als der frühere Berufsschullehrer im vergangenen Sommer erklärte, dass er aus Altersgründen nicht noch einmal antreten werde, hoben beide Frauen den Finger - Michelle Müntefering etwas schneller als ihre Konkurrentin.

Immer etwas schneller, aber nur in der Partei

Etwas schneller als andere war Michelle Müntefering in ihrer Parteikarriere bisher immer: Als Schülerin belebte sie eine Juso-Gruppe in Herne, die zuvor nur noch aus Karteileichen bestand. Mit 22 Jahren wurde sie stellvertretende Vorsitzende im SPD-Unterbezirk, gefördert wurde sie von Bollmann. Seit 2004 sitzt Frau Müntefering als schulpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Herner Stadtrat; im gleichen Jahr wurde sie in den Landesvorstand der SPD gewählt. Fragt man in der Partei, seit wann klar sei, dass sie sich um ein Bundestagsmandat bemühen werde, heißt es: „Von dem Augenblick an, in dem sie in die Partei eingetreten ist.“

Ihr Ehrgeiz ist im Ortsverein akzeptiert. Doch nicht alle halten es für eine gute Idee, dass neben dem 33 Jahre jungen Landtagsabgeordneten Alexander Vogt, der einen ähnlichen Werdegang hat wie Michelle Müntefering, künftig eine Frau Herne vertreten könnte, die niemals einen Beruf außerhalb der Politik ausgeübt hat. Ende September wird eine Wahlkreisdelegiertenkonferenz darüber entscheiden, wer von beiden Frauen für die Herner SPD in den Wahlkampf ziehen soll.

Politiker-Paare sind in Deutschland selten

Ihre berufliche Karriere trieb Michelle Müntefering mit weniger Ehrgeiz voran als die politische, und sie bewegte sich dabei kaum aus dem Dunstkreis ihrer Partei heraus. Nach einem Journalismusstudium absolvierte sie von 2008 bis 2010 ein Volontariat bei der Parteizeitung „Vorwärts“ in Berlin, zugleich arbeitete sie im Abgeordnetenbüro von Franz Müntefering, der zu der Zeit Parteivorsitzender war. Dort lernten sich die beiden kennen. Knapp eineinhalb Jahre nach dem Tod von Münteferings zweiter Ehefrau Ankepetra heirateten sie im Dezember 2009.

„Franz“, wie sie ihn, ganz Sozialdemokratin, auch öffentlich nennt, könnte mit seinen 72 Jahren ihr Großvater sein. Die Heirat erregte Aufsehen. Politiker-Paare sind in Deutschland die Ausnahme: Erfolgsgeschichten wie die von Cristina Kirchner oder Hillary Clinton gibt es hierzulande nicht. Sahra Wagenknecht stieg bereits vor ihrer Verbindung mit Oskar Lafontaine in der Linkspartei auf.

Nach oben auf dem Promi-Ticket?

Doris Schröder-Köpf war Journalistin, bevor sie den damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Gerhard Schröder, heiratete. Auch Frau Schröder-Kopf will eine eigene politische Karriere starten und Anfang 2013 in den niedersächsischen Landtag einziehen. Doch dafür muss sie zuerst die langjährige SPD-Landtagsabgeordnete im Wahlkreis 24, die 60 Jahre alte Sigrid Leuschner, von ihrem Platz verdrängen. Zwei Abstimmungen in Ortsvereinen gewann Frau Leuschner, zwei die 48 Jahre alte Frau Schröder-Köpf, die fünfte endete im Patt.

Entscheiden wird eine Wahlkreiskonferenz an diesem Mittwoch Abend; die Delegierten müssen sich nicht an die Voten ihrer Ortsvereine halten. Gegen Frau Schröder-Köpfs schnellen Weg nach oben mit Hilfe des Promi-Tickets gibt es Vorbehalte, vielleicht auch, weil die „Agenda 2010“ ihres Ehemannes tiefe Narben in der Parteiseele hinterlassen hat.

Wo die große Politik ganz fern ist

Bei Michelle Müntefering liegt der Fall anders. Sie muss keinen Lokalmatador verdrängen, denn Bollmann hört aus freien Stücken auf. Und sie war in ihrer Partei bereits vor ihrer Ehe mit Franz Müntefering verankert. Wenn beide zusammen zu örtlichen Parteiveranstaltungen kommen, macht das Eindruck in Herne, wo die Bundespolitik fern ist. Auch ihr dunkler Audi A3 mit Lederausstattung unterstreicht, dass die junge Frau höhere Ziele hat, als freie Mitarbeiterin einer Parteizeitschrift zu bleiben.

Ihre Gegenkandidatin fährt einen Opel Astra, mit Stoffsitzen. Ein unprätentiöses Auto, das zum Wahlkreis passt: Der Astra wird in Bochum gebaut. Diese Entscheidung des Mutterkonzerns GM rettete Arbeitsplätze im dortigen Opelwerk. Aber: „Früher hatten dort 100.00 Menschen Arbeit, heute nur noch 3000“, sagt Frau Hildenbrand.

Eine Rolle ohne Glamourfaktor

Sie kennt die sozialen Schieflagen ihres Wahlkreises. Ihr Großvater arbeitete noch unter Tage, ihr Vater wurde Dreher, sie war die erste in der Familie, die studieren konnte. Die Stadt, die einst elf Zechen auf ihrem Gebiet zählte und heute keine mehr, schrumpft. Seit 1970 verlor sie ein Fünftel ihrer vormals 200.000 Einwohner. Herne unterliegt dem Haushaltssicherungskonzept, der größte Teil der städtischen Ausgaben ist durch Sozialleistungen gebunden.

Wer unter diesen Bedingungen Kommunalpolitik betreibt, benötigt keinen Glamour. Frau Hildenbrand ist seit 30 Jahren in der Partei, seit zehn Jahren Ortsvereinsvorsitzende, seit acht Jahren Fraktionsvorsitzende in der Bezirksversammlung und seit drei Jahren im Stadtrat, wo sie planungspolitische Sprecherin ist. Diese Rolle ist ihr auf den Leib geschneidert: Sie kennt die Zahl der Beschäftigten jedes Gewerbebetriebs, der sich in den letzten Jahren hier angesiedelt hat, erläutert die Entwicklungsmöglichkeiten der brachliegenden Flächen, weiß aber auch, dass man für Erfolge auf diesem Gebiet einen langen Atem braucht. Anke Hildenbrand würde in der Kommunalpolitik weiter rackern, wenn sie das Ticket nach Berlin nicht lösen könnte. Für Michelle Müntefering hingegen wäre der Traum von der politischen Karriere auf der Überholspur geplatzt.

Quelle: F.A.Z.
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