Ein Ghostwriter im Interview

„Manche sagen: Was Ihr mir schreibt, ist mir egal“

Von Oliver Georgi
28.02.2011
, 12:04
Erkaufte Weihen: Das Geschäft mit wissenschaftlichen Ghostwritern boomt
Thomas Nemet ist Geschäftsführer einer Agentur, die „akademisches Ghostwriting“ anbietet. Im FAZ.NET-Interview spricht er über fremde Gedankenblitze, zusammengepuzzelte Dissertationen - und Söhne mit viel Geld, aber wenig wissenschaftlichem Elan.
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Herr Nemet, seit der Causa Guttenberg ist das Thema Ghostwriting in aller Munde. Können Sie sich vor Anfragen überhaupt noch retten?
Es gibt ein verstärktes Interesse, allerdings vor allem von Seiten der Medien. Anfragen von Kunden haben wir nicht mehr als vorher.

Sie bieten mit Ihrem Unternehmen Acad-Write „Unterstützung bei der wissenschaftlichen Karriere“ und „passgenaue Dienstleistungen“ für Semester-, Bachelor-, Diplom- oder Dissertationen an. Gibt es viele Kunden, die sich von Ihnen ihre Doktorarbeit schreiben lassen?
Wir schreiben generell keine wissenschaftlichen Abschlussarbeiten und auch keine kompletten Dissertationen - wer mit diesem Wunsch zu uns kommt, wird abgewiesen. Das hat natürlich vor allem juristische Gründe. Wenn aber jemand sagt, ich brauche 100 oder 200 Seiten zu diesem oder jenem Thema, machen wir das gerne - von der Recherche bis hin zur fertigen schriftlichen Ausarbeitung.

Und das kann der Kunde dann zu einer Doktorarbeit zusammenbauen?
Was der Kunde letztendlich mit unserer Arbeit macht, ist allein sein Problem, darauf haben wir keinen Einfluss. Wir sichern uns aber dadurch ab, dass der Kunde im Vertrag einen Passus unterschreiben muss, dass er das Werk nicht unter dem eigenen Namen veröffentlicht und bei Zuwiderhandeln juristische Konsequenzen folgen können.

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Wie läuft eine typische Zusammenarbeit ab?
Die meisten Kunden kommen zu uns, weil sie eine mehr oder minder große Abhandlung zu einem beliebigen Thema brauchen. Das kann ein kleiner Aufsatz oder ein Strategiepapier sein, aber auch eine lange Ausarbeitung über 100 oder 200 Seiten. Nach diesen Wünschen erstellen wir eine Gliederung, die der Kunde noch einmal absegnen muss, danach beginnen wir mit der Arbeit. Manche Kunden wollen danach sehr genau über den Fortschritt des Projekts informiert werden, andere gar nicht. Die nehmen am Ende nur das fertige Produkt entgegen.

Wer schreibt die Texte bei Ihnen?

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Wir sind ein kleines Team, verfügen aber über einen Pool von freien Mitarbeitern, mit denen wir viele Themenbereiche abdecken können. Die meisten Kundenwünsche kommen sowieso aus der Betriebswirtschaft oder dem juristischen Bereich, das können wir gut bedienen. Wenn jemand einen Aufsatz zum Thema Atomphysik haben will, wird es allerdings schwierig.

Wie lange brauchen Sie für, sagen wir, 200 Seiten?
Das hängt ganz von den Kundenwünschen ab. Für 200 Seiten aber mindestens ein halbes Jahr, eher länger.

Welche Kunden kommen zu Ihnen? Reiche Söhne aus besseren Häusern oder gestresste Familienväter, denen die Doppelbelastung einfach zu viel wird?
Wir bedienen vor allem sicherlich eine gut betuchte Klientel, die es sich leisten kann, 10.000 Euro oder mehr für 200 Seiten Text auszugeben. Je nach Umfang kann ein Auftrag auch durchaus noch teurer werden und bis zu 100.000 Euro kosten. Es kommen aber auch gestresste Akademiker zu uns, die vielleicht den Überblick über ihre Arbeit verloren oder familiäre Probleme haben. Manchmal beschränkt sich unsere Rolle dann darauf, Anstöße für die Arbeitsorganisation zu geben. Auch das gehört zu unserem Aufgabengebiet, nicht nur das Schreiben von Texten.

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Wie konkret sind die Vorstellungen, mit denen die Kunden zu Ihnen kommen?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Kunden, die bis in kleine Details hinein ziemlich genaue Vorstellungen haben, von der Gliederung bis zu den verwendeten Quellen. Andere verlangen einfach 100 Seiten zum Personalmanagement und sagen dazu: Was Ihr mir schreibt, ist mir egal. Hauptsache, Ihr bezieht Euch auf die aktuellste Forschungsliteratur.

Das Gespräch führte Oliver Georgi.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Georgi, Oliver
Oliver Georgi
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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