F.A.Z.-Empfang in Berlin

Eine absolute Mehrheit für das Wiedersehen

Von Julia Schaaf, Berlin
23.06.2022
, 21:55
Das Gedränge ist groß im „Borchardt“ in Berlin-Mitte: Bundesminister treffen Verleger, Wirtschaftsgrößen plaudern mit Schauspielern. Endlich konnte die F.A.Z. wieder zum Empfang laden.
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Ist das Gedränge größer? Das Gelächter lauter? Sind die Kleider schicker, die Begrüßungen herzlicher, die Gespräche aufgekratzter? Oder kommt einem das nur so vor, weil das alles viel zu lange nicht möglich war? „Es ist echt schön, hier zu sein“, sagt die Schauspielerin Pheline Roggan, einen Aperol Spritz in der Hand. Die Enge vor der Garderobe habe sie zwar einen Moment zusammenzucken lassen. Aber: „Das ist eine gute Vorbereitung auf den Filmpreis morgen, was die Dichte und die Menschenmenge angeht.“ Blaues Jeanskleid, sonnengelbe Midi-Tasche: Endlich mal wieder rauskommen und Leute sehen, „das hat total gefehlt“.

Nachdem zwei Jahre pandemiebedingt die Sommerfestsaison der Hauptstadt weitgehend ausgefallen ist, wird an diesem Abend mehr als deutlich: Die persönliche Begegnung und Kommunikation face to face, über Parteigrenzen und Professionen hinweg, gehört doch ganz wesentlich zum Kern von Politik, Wirtschaft, Kultur und Journalismus – und des Menschseins schlechthin.

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Donnerstag, Berlin-Mitte: Die F.A.Z. hat eingeladen zu ihrem traditionellen Empfang im Restaurant „Borchardt“. Zwischen den Straßen der Stadt steht die Hitze, drinnen gibt es zum Glück kein Thermometer. An die 500 Gäste schieben sich durch die beiden Räume dieser ersten Berliner Adresse für Schnitzel, Glanz und Klatsch. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) steht erst mit F.A.Z.-Herausgeber Berthold Kohler, dann mit Reinhard Müller zusammen, dem verantwortlichen Redakteur für Zeitgeschehen dieser Zeitung. Bauministerin Klara Geywitz (SPD) eilt mit ausgestrecktem Zeigefinger an Jens Spahn vorbei, dem stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der japanische Botschafter steckt Anton Hofreiter von den Grünen eine Visitenkarte zu.

Buschmann zeigt die Maske vor und grinst

Bundesfamilienministerin Lisa Paus musste zwischen drei Einladungen wählen und hat sich für die F.A.Z. entschieden. Auch Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) sagt: „Ich mache ganz wenig Sommerfeste. Aber die F.A.Z. gehört natürlich zum Must-Have.“ Dann zieht er eine schwarze FFP2-Maske aus der Jackett-Tasche und grinst, um ironisch der Berichterstattung zu begegnen, er habe etwas gegen Masken. Im Supermarkt, sagt er, trage er immer eine.

„Ich glaube, eine absolute Mehrheit des Kabinetts ist schon da“, sagt Kohler, der als gegenwärtiger Vorsitzender der Herausgeberkonferenz der F.A.Z. die Gäste begrüßt. Eine namentliche Würdigung der illustren Gesellschaft könnte bis Mitternacht dauern, sagt er mit Blick in den vollen Saal. Allein den langjährigen Kollegen und Auslandschef der F.A.Z., Klaus-Dieter Frankenberger, erwähnt er persönlich. Frankenberger ist nach 35 Zeitungsjahren Anfang des Jahres in den Ruhestand gegangen. „Ein bisschen ist das heute auch Ihr Abend“, ruft der Herausgeber ihm zu.

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Kohler nutzt seine kurze Ansprache allerdings auch für durchaus ernste Worte und einen Einblick in das Innenleben der Zeitung. Die F.A.Z. hat die Pandemie nach Worten des Herausgebers gut überstanden, weil erfreulicherweise gerade in Krisenzeiten Qualitätsjournalismus gefragt sei: „Die Vernunft hat immer noch mehr Anhänger, als es manchmal scheint“, sagt Kohler. Er spricht von den Veränderungen durch die Digitalisierung, erwähnt den neuen Tiktok-Kanal der F.A.Z., den für Ende des Jahres geplanten Umzug der Frankfurter Redaktion in ein „nagelneues Hochhaus“ und die Tatsache, dass die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung inzwischen schon am Samstag erscheint. Für Redaktion und Verlag, die all diese Entwicklungen möglich machten, bittet er um Applaus. „Als ich vor mehr als dreißig Jahren bei der F.A.Z. anfing, bestand unser Produktportfolio im Wesentlichen aus einer Zeitung. Heute werfen wir rund 40 Angebote auf den Markt, die meisten davon in digitaler Form. Wir tun das ungefähr mit der Mannschaftsstärke wie vor drei Jahrzehnten.“

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Ein Schlachtruf, dann Party

Allerdings sagt Kohler auch: „Wir alle wissen, dass wir seit dem ruchlosen Angriff Russlands auf die Ukraine und auf die Prinzipien des friedlichen Zusammenlebens in Europa mit einem ganzen Bündel von riesigen Herausforderungen zu kämpfen haben.“ Die Folgen seien auch für die privaten Medienhäuser beträchtlich, gerade auf die Zeitungsbranche – „die ja keine unwichtige Rolle in der pluralistischen Demokratie hat“ – kämen wohl wieder schwere Zeiten zu. Aber das ist nur ein kurzer Appell auch an die Politiker im Saal, die Belange der vierten Gewalt bei künftigen Entscheidungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Abschließend ermuntert Kohler sein Publikum: „Bangemachen gilt nicht, schon gar nicht heute Abend.“

Dann ist Party. Kurz nachdem der Bundeskanzler in Brüssel zusammen mit den anderen Staats- und Regierungschef darüber entschieden hat, dass die Ukraine und Moldau den Status von EU-Beitrittskandidaten erhalten, tragen die Kellner Tabletts zwischen den goldenen Säulen des „Borchardt“ umher. Steak Tartar und Thunfischcarpaccio, zum ersten Mal in der Geschichte des Restaurants gibt es Minischnitzel vegan. Wiedersehen und Reden, Schauen, Staunen, Weiterschieben.

Inzwischen sind auch Finanzminister Christian Lindner (FDP) da und Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf. Gespräche über Gaspreise und Corona. Hermann Gröhe trinkt Cola Zero mit viel Eis und erzählt, dass er seinen Sommerurlaub auf der niederländischen Halbinsel Zeeland verbringt. Ufa-Chef Nico Hofmann ist mit der Produzentin Regina Ziegler gekommen und ärgert sich, dass er nochmal kurz weg muss, um im Westen der Stadt eine Laudatio zu halten. Der Verleger Joachim Unseld erzählt dem BASF-Vorstandsvorsitzenden Martin Brudermüller davon, wie Robert Habeck vor vielen Jahren für ihn und die Frankfurter Verlagsanstalt den Dichter Ted Hughes übersetzt habe. „Das hat er herausragend gemacht.“

Brudermüller ist indessen um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie in Sorge. Als der Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie, Florian Drücke, hinzutritt, scherzt Unseld, Drücke werde gleich noch etwas singen. „Ein trauriges Lied von schlechten Zeiten?“, scherzt Alfons Kaiser, bei der F.A.Z. verantwortlich für das Ressort Deutschland und die Welt. Von wegen, Drücke lacht und sagt: „Das Hohelied des Streaming.“ Dann trifft auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ein – mit Maske.

Wie hatte Herausgeber Kohler es in seiner Rede ausgedrückt? „Die F.A.Z. wird auch in die kommenden Schlachten mit ihrem alten Kriegsschrei ziehen: Qualität!“ Wie gut, dass sich dieses Versprechen auch auf einen ausgelassenen, geselligen Abend beziehen lässt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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