Protest am Flughafen Stuttgart

Mit Flugscham in die Ferien

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
26.07.2019
, 17:04
Aktivisten von „Fridays for Future“ wollen Urlaubern am Stuttgarter Flughafen zum Ferienbeginn ein schlechtes Gewissen machen. Viele verstehen die Demonstranten – fliegen aber trotzdem.

Auf einem Plakat der „Fridays for Future“-Aktivisten ist die Erde eine Eiskugel. Sie schmilzt in einem Mülleimer. Etwa 200 Demonstranten stehen auf der Restaurantempore des Stuttgarter Flughafens. Im Hintergrund leuchtet die Werbung eines großen Kolbenherstellers und Zulieferers für Verbrennungsmotoren – ein Gruß aus der alten Welt. Zum Ferienbeginn in Baden-Württemberg demonstrieren die Klimaschützer gegen die Ferienfliegerei und für einen besseren Klimaschutz im „Manfred-Rommel-Flughafen“: Mit 50.000 Fluggästen rechnet der Flughafen am ersten Ferientag. In der Ferienzeit werden es insgesamt zwei Millionen Fluggäste sein. 1,5 Millionen Schüler und 137.000 Lehrer dürfen Ferien machen. Unter den Demonstranten sind auch viele Mütter. Einige tragen fair produzierte T-Shirts und Baumwollhosen. Ziel der Aktion sei es, den Fluggästen ein schlechtes Gewissen zu machen, sagen die Organisatoren. „Attacke, Attacke – Fliegen ist Kacke“, skandieren sie. Und: „30 Euro Stuttgart – Berlin, wo bleibt die Steuer auf Kerosin?“

Zwei ältere Frauen sitzen auf dem Boden und basteln Papierflieger mit der Aufschrift „Keine Kurzflüge“. Die lassen sie dann in die große Abfertigungshalle ein Stockwerk tiefer segeln. Dort grassiert Flugscham: Vielen Fluggästen ist die Frage nach dem eigenen Flugverhalten unangenehm. Eine vierköpfige Familie checkt für einen Urlaubsflug nach Skandinavien ein. „Wir haben auch zwei Kinder, den Klimaschutz nehmen wir ernst“, sagt die Mutter. „Wenn die Züge nach Stockholm zuverlässiger werden, überlegen wir uns das.“ Eine Frau am benachbarten Schalter, die mit ihrem Mann nach Hamburg fliegen will, sagt: „Die Demonstration ist völlig in Ordnung. Meinen Kindern würde ich es erlauben, dort mit zu demonstrieren.“ Auf den ICE will die Frau aber nicht umsteigen, sechs Stunden Zugfahrt sei ein zu großer Freizeitverlust. Der 35 Jahre alte Unternehmensberater Marc kommt mit seinem kleinen Rollkoffer gerade aus einer Maschine, die in London gestartet ist. Er arbeitet bei einer auf Ökobilanzen spezialisierten Firma. „Privat würde ich den Zug nehmen. Meine Firma kompensiert den CO2-Verbrauch jedenfalls über die bekannte Energieagentur Atmosfair“, sagt er.

„Zwischen Mobilität und Klimaschutz gehört kein oder“

Der Leiter des Stuttgarter Lufthansa-Standorts beobachtet die Demonstranten, sein Unternehmen will aber nicht, dass er die Aktion kommentiert. Der Sprecher des Flughafens hingegen äußert Verständnis für die Schülerdemonstration: „Es ist wichtig, für Klimaschutz zu sensibilisieren, dazu gehört auch verantwortungsvolles Reisen.“ Auf der Suche nach Klimaneutralität sei die ganze Branche gefragt. „Zwischen Mobilität und Klimaschutz gehört kein oder. Mittelfristig müssen synthetische Treibstoffe eine Rolle spielen, langfristig sind wahrscheinlich auch Flugzeuge, die elektrisch oder mit Brennstoff-Zellen ausgerüstet sind, eine Möglichkeit.“

Einen ersten Schritt hat die Flughafengesellschaft, eine Tochter des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart, schon gemacht: Mit einem 3,5 Millionen Euro teuren Projekt suchen sie derzeit mit einer Spezialfirma für chemische Reaktortechnik aus Karlsruhe nach einer Treibstoff-Alternative für das klimaschädliche Kerosin. Die demonstrierenden Schüler jedenfalls haben ihr Reiseverhalten an die Klimakatastrophe schon angepasst: Leyla ist 16 Jahre alt, gerade fertig mit der Schule: „Ich bin das letzte Mal geflogen, als ich drei Jahre alt war. Urlaub mache ich an der Ostsee.“ Neben ihr steht der Student Kolja mit Megafon. „Ich bin im vergangenen Jahr noch einmal geflogen, das war ein Notfall.“ Er fahre lieber an die Nordsee.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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