Flutkatastrophe

Sündenbock Landrat

EIN KOMMENTAR Von Jasper von Altenbockum
15.09.2021
, 08:37
In Altenburg nach der Flutkatastrophe
Die Verantwortung für die Katastrophe im Ahrtal sollte nicht beim Landrat abgeladen werden. Der hat jedenfalls so viel Schutz und Verständnis verdient wie der Innenminister durch die Ministerpräsidentin.

Die Ermittlungen gegen den Landrat im Kreis Ahrweiler nach der Flutkatastrophe sollten nicht dazu verleiten, die Verantwortung für Opfer und Zerstörung bei ihm abzuladen. Am Vorabend und in der tragischen Nacht im Juli hätten auch andere Beteiligte eine glücklichere Hand beweisen können. Dasselbe gilt für den Beauftragten des Landrats für die Einsatzleitung, der nun ebenfalls schon auf der Anklagebank sitzt, obwohl noch nichts auch nur entfernt erwiesen ist.

Von der Aufsichtsbehörde, die in Rheinland-Pfalz jederzeit das Kommando der Einsatzleitung an der Ahr hätte übernehmen können, bis hin zum Innenminister, der am Abend die Einsatzleitung besuchte und ebenfalls jederzeit hätte eingreifen können, gab und gibt es noch mehr Verantwortlichkeit als nur im Landratsamt. Das hätte jedenfalls so viel Schutz und Verständnis verdient wie der Innenminister durch die Ministerpräsidentin.

Wenn, wie heute allenthalben betont wird, die Katastrophe absehbar war, wo waren dann all die Entscheidungsträger, die es hinterher genau wussten, in dieser Nacht? Der Ministerpräsidentin des Landes hätte es gut angestanden, ihre gern in Anspruch genommene Rolle als Landesmutter zu nutzen, um über diesen Fall einer nie dagewesenen Naturkatastrophe so etwas wie eine moralische Amnestie auszusprechen.

Denn weder den Opfern der Katastrophe noch den Verantwortlichen ist geholfen, wenn Sündenböcke ausbaden müssen, was kollektive Überforderung oder Nachlässigkeit verschuldet hat. Politische Schuld lässt sich nicht abwälzen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Altenbockum, Jasper von (kum.)
Jasper von Altenbockum
Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.
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