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Kreis Ahrweiler wurde präzise vor Flut gewarnt

Von Julian Staib, Wiesbaden
30.07.2021
, 17:05
Überflutet: Der Ort Altenahr im Kreis Ahrweiler am Abend des 15. Juli
Das Landesamt für Umwelt in Rheinland-Pfalz sendete präzise Warnungen nach Ahrweiler. Für die Nacht auf den 15. Juli wurden fast sieben Meter Pegelstand prognostiziert. Trotzdem wurde erst um 23 Uhr der Katastrophenfall ausgerufen und evakuiert.
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Der Krisenstab des von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Landkreises Ahrweiler wurde präzise vor dem enormen Hochwasser gewarnt, das in der Nacht auf den 15. Juli das Ahrtal verwüstete. Die Kreisverwaltung erhielt neben online veröffentlichten Informationen im Laufe des Abends mehrere automatisierte E-Mails des zuständigen Landesamts für Umwelt, in denen auch der prognostizierte enorme Pegelstand von fast sieben Metern mitgeteilt wurden. Das sagte ein Sprecher des Landesamts der F.A.Z. Trotzdem rief der Kreis bis in den späten Abend nicht den Katastrophenfall aus und leitete zunächst keine Evakuierung ein.

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In der Nacht auf den 15. Juli hatten Wassermassen das Ahrtal verwüstet. 135 Menschen starben, 766 wurden verletzt, 59 werden noch immer vermisst. Die Fluten trafen die meisten Menschen unvorbereitet. Dabei hatte das Landesamt für Umwelt schon am Nachmittag des 14. Juli Prognosen veröffentlicht, die den Pegel des sogenannten Jahrhunderthochwasser von 2016 (3,7 Meter) bei weitem überstiegen.

Die Kreisverwaltung wurde direkt informiert

Am frühen Abend prognostizierte das Landesamt zwischenzeitlich einen etwas reduzierten Pegelstand. Auf diese kurzzeitige Korrektur hatte sich zuletzt der für den Katastrophenschutz verantwortliche Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), berufen als Erklärung dafür, warum es zunächst keine Evakuierung gab. Allerdings hob das Landesamt kurz danach die Prognose wieder an. Auch informierte es, wie die F.A.Z. nun erfuhr, um 21:26 Uhr die Kreisverwaltung direkt darüber, dass in Altenahr ein Pegel von 6,9 Metern zu erwarten sei – was später in etwa zutraf. Trotzdem wurde erst nach 23 Uhr der Katastrophenfall ausgerufen und eine Teil-Evakuierung angeordnet. Doch da waren die Wassermassen schon zu hoch.

Die Menschen könnten sich darauf verlassen, dass der Abend „exakt aufgearbeitet“ werde, sagte Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) am Freitag. Er war an dem Abend selbst im Krisenstab. Ein Sprecher des Innenministeriums verwies darauf, dass die verantwortliche Einsatzleitung bei der Kreisverwaltung gelegen habe und daher nur diese die Frage beantworten könne, warum nicht früher evakuiert wurde. Landrat Pföhler ließ mehrere Anfragen unbeantwortet.

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Was ist in den eineinhalb Stunden zwischen Warnung und dem Ausrufen des Katastrophenfalls passiert? Eine ausführliche Rekonstruktion.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Staib, Julian
Julian Staib
Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
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