Forschung und Lehre

Erneuerung jenseits disziplinärer Grenzen

Von Richard Münch
25.07.2008
, 17:30
Auf dem historischen Campus der Stanford Universität
Deutsche Universitäten und ihre Lehrer neigen dazu, sich und ihre Fächer abzuschotten, und gefährden damit ihre internationale Konkurrenzfähigkeit. Amerika macht uns vor, wie es besser geht - ein Gastbeitrag.
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Die moderne deutsche Universität neigt seit ihren Gründerjahren Anfang des 19. Jahrhunderts dazu, sich in hohem Maße sozial und kognitiv abzuschotten. Maßgeblich gestützt wurde diese Tendenz zur Schließung durch Autonomie und korporative Selbstverwaltung. Dass die Universität sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts und endgültig in den siebziger Jahren sozial für immer größere Massen an Studierenden öffnen musste, hat in ihrem Inneren eine enorme Spannung zwischen der Bewahrung ihres sakrosankten disziplinären Kerns und ihrer Öffnung für neue Ausbildungsbedürfnisse weit über den lange Zeit dominanten Staatsdienst hinaus erzeugt, die bis heute noch nicht aufgelöst werden konnte. Dieses tiefverwurzelte Spannungsverhältnis zeigt sich aktuell im Kampf um die Verwirklichung der Bologna-Richtlinien.

Die Oligarchie der Lehrstühle und Institute und die korporative Selbstverwaltung haben es ermöglicht, die Kerngebiete der Disziplinen länger als im angelsächsischen Kontext vor interdisziplinärer Befleckung zu schützen und rein zu halten. Gleichzeitig bildeten sie die soziale Grundlage für vergleichsweise geringe Möglichkeiten der Expansion, der daraus folgenden Erneuerung und der Schaffung neuer Forschungsfelder, neuer Disziplinen und auch neuer Studiengänge im Schnittfeld mehrerer Disziplinen. Neue Forschungsgebiete an den Rändern und an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen wurden untergeordnetem oder akademischem Personal (Mitarbeiter, Privatdozenten, Nichtordinarien) überlassen und konnten deshalb überhaupt nicht oder nur verzögert Fuß fassen. Dazu gehört auch, dass die Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses sich in Gestalt der Promotion auf einer Mitarbeiterstelle in direkter Abhängigkeit von dem Lehrstuhlinhaber vollzog. Dadurch wird das in der Rekrutierung von Nachwuchs steckende Erneuerungspotential eingeschränkt. Außerdem wurde die Einrichtung eines Graduiertenstudiums verhindert, in dem Forschung und Lehre weit mehr als in den grundständigen Diplom- und Magisterstudiengängen im Humboldtschen Sinne integriert werden könnten.

Kaum neue Disziplinen

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Was insbesondere in den Vereinigten Staaten breit ausgebaut wurde, existiert hierzulande bis heute nur an den Rändern der Disziplinen - mit unzureichenden Entwicklungsmöglichkeiten. Beispiele für die auf diese Weise neu entstandenen Disziplinen sind Psycholinguistik, Neurolinguistik, Neuroeconomics (Neuroökonomie), Historical Sociology (Historische Soziologie), Administrative Science (Verwaltungswissenschaften). Beispiele für breite und fest etablierte Forschungsfelder sind Gender Studies, Studies in Law (Rechtswissenschaften), Studies in Religion (Religionswissenschaften), Studies on Ethnicity (Ethnische Wissenschaften), Educational Research (Bildungswissenschaften), Migration Studies (Migrationsforschung), Cultural Studies (Kulturwissenschaften) und European Studies (Europäische Studien). Nichts davon findet sich in Deutschland auf breiter Front institutionalisiert. Die wesentliche strukturelle Ursache dafür besteht darin, dass die deutsche Universität wie ein Bollwerk den Kern ihrer Disziplinen bewahrt hat, spiegelbildlich dazu aber die soziale und kognitive Öffnung bis heute nur als einen Widerspruch zu ihrer Tradition erlebt, den sie nicht aufzuheben vermag.

Fünf wesentliche Unterschiede zu Amerika

Betrachten wir zum Vergleich die amerikanische Universität, dann sind es fünf wesentliche strukturelle Unterschiede, die ihr die weit größere Kraft zur Expansion in Forschung und Lehre und zur ständigen Erneuerung verliehen haben. Es waren...

  • der völlige Verzicht auf hierarchische Strukturen
  • die Organisation der Lehre in großen Departments von selbständig lehrenden jüngeren und älteren Professoren ohne feste Mitarbeiter
  • die Integration von Forschung und Lehre im Graduiertenstudium
  • die Organisation der Forschung in flexibel zusammengesetzten Forschungsteams und in interdisziplinären Forschungszentren und schließlich
  • die Garantie der Freiheit von Forschung und Lehre als Recht der einzelnen Professoren, aber nicht als Recht ihrer korporativen Selbstverwaltung bis in die Spitze der Universitätsleitung hinein.

Gemeint ist damit, dass sich die Professoren nicht in fortwährenden Territorialkämpfen verschleißen, sondern sich auf ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit konzentrieren können, während die Leitungsaufgaben dem professionellen Universitätsmanagement überlassen bleiben. Diese strukturellen Bedingungen haben ein größeres Erneuerungspotential geschaffen. Sie haben ermöglicht, dass neue Disziplinen und neue Forschungsfelder nicht in den Kinderschuhen steckengeblieben sind, sondern sich gleichrangig zu den Kerngebieten zu voller Blüte entfalten konnten. Ebenso war es möglich, auf der Grundlage dieser disziplinären Ausdifferenzierung und interdisziplinären Forschung eine Vielzahl von Bachelor-Studiengängen im Schnittfeld verschiedener Disziplinen zu entwickeln und zu einem attraktiven Angebot zu machen.

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Die deutschen Universitäten werden jetzt auf einen neuen Pfad der kognitiven Öffnung (interdisziplinäre Forschung), der sozialen Öffnung (Bologna) und der horizontalen sowie vertikalen Differenzierung (Exzellenzinitiative) gesetzt. Gleichzeitig wird das Bollwerk der korporativen Selbstverwaltung der Professoren zunehmend geschleift und durch ein Hochschulmanagement mit einem Hochschulrat als Aufsichtsorgan ersetzt. Die Einrichtung dieses Aufsichtsorgans ist sicherlich ein Eingriff in die Herrschaftsstrukturen der Universität, der ihnen weit mehr Fähigkeit zum Wandel und zur Anpassung an neue Herausforderungen verleihen wird, als dies bisher möglich war. Allerdings wird die flächendeckende Kontrolle der Professoren durch Zielvereinbarungen und Kennziffern nach den Prinzipien von "New Public Management" stupide Punktejäger an die Stelle kreativer, ihrer inneren Berufung und Begeisterung für die Sache folgender Forscher und Lehrer setzen und damit den Erkenntnisfortschritt erheblich bremsen.

Der Lehre fehlt ein Unterbau

Weitgehend unangetastet geblieben ist jedoch die oligarchische Struktur der Organisation von Lehre und Forschung. Das bedeutet, dass in den interdisziplinären Projekten nur Mitarbeiter ohne akademische Karriereaussichten verheizt werden, ohne dass daraus neue Forschungsfelder und Disziplinen in fest institutionalisierter Form und auf breiter Front entstehen. Damit fehlt auch der Lehre ein Unterbau der disziplinären Ausdifferenzierung und multidisziplinären Zusammensetzung neuer Studiengänge. Dieser Mangel wird noch dadurch verstärkt, dass die Ordinarien einen wachsenden Teil der Lehre in den Randgebieten auf Mitarbeiter, Lehrkräfte und Lehrprofessoren abwälzen. Diese Strategie verhindert die feste wissenschaftliche Fundierung der neuen, im Schnittpunkt mehrerer Disziplinen angesiedelten Studiengänge.

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Man wird auf eine weitere Reforminitiative warten müssen, bis das Erneuerungspotential der deutschen Universität erkennbar gesteigert sein wird. Möglicherweise wird die soziale und kognitive Öffnung dann nicht nur im Widerstreit mit dem sakrosankten Kern stehen, sondern sich produktiv in neuen Forschungsfeldern und Disziplinen verwirklichen. Dann wird das Alte nicht zu Grabe getragen werden müssen, sondern in einer anderen Umgebung in erneuerter Form fortbestehen. Das ist auch die allein erfolgversprechende Überlebensstrategie der Geisteswissenschaften alter Tradition. Bologna könnte ihnen sogar eine neue Chance eröffnen. Sobald man begriffen haben wird, dass die zwölfjährige Schulzeit - ob im Gymnasium oder in der nach Bedarf differenzierten Gemeinschaftsschule verbracht - keine direkte Befähigung zum wissenschaftlichen Studium vermittelt, können sie in der Kernkompetenz eines Liberal Arts College zu neuer Blüte gelangen. Ein solches College wäre auf einen Bachelorstudiengang nach dem humanistischen Bildungsideal spezialisiert und würde junge Menschen sowohl direkt für den wachsenden Arbeitsmarkt der Kulturwirtschaft als auch für ein anschließendes Graduiertenstudium (M.A., Ph.D.) in den Geisteswissenschaften qualifizieren.

Der Autor lehrt Soziologie an der Universität Bamberg

Quelle: F.A.Z.
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