„Fridays for Future“

Der lange Zug von Aachen

Von Sarah Obertreis, Aachen
21.06.2019
, 17:45
Die Klimabewegung versammelt in Aachen Zehntausende Menschen. Zum ersten Mal hat sie bewusst alle Altersgruppen angesprochen. Doch die Solidarisierung von „Fridays for Future“ mit radikalen Braunkohlegegnern macht der Polizei Sorgen.
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Es deutet sich schon an, dass „Fridays for Future“ diesmal groß werden wird – „historisch“ wird es die Band Culcha Candela später vor dem Tivoli-Stadion nennen –, als ein junger Demonstrant in der Regionalbahn nach Aachen umkippt, weil es schlicht zu voll ist. Er bricht lautlos zusammen und würde es Platz geben, würden ihm sicherlich alle Platz machen, aber es gibt keinen, stattdessen steigen bei jedem Halt immer mehr Demonstranten ein.

Die internationale Protestaktion von „Fridays for Future“ an diesem Freitag in Aachen, am Rande des rheinischen Braunkohlereviers also, beginnt nicht nur am Hauptbahnhof, auch am Westpark, an der Technischen Hochschule und im niederländischen Vaals machen sich Demonstranten auf den Weg. Es gibt vier Sonderzüge und noch viel mehr Busse.

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Ein „Parkhotel“ für die Besucher

10.000 Menschen erwarteten die Veranstalter, aber Polizei, Medien und Stadt sprechen von bis zu 20.000 Teilnehmern. Das rund 30 Köpfe starke Planungsteam von „Fridays for Future“ hat Schlafplätze und Verpflegung für alle organisiert, die von weiter her anreisen. In einem „sehr sauberen“ Parkhaus, das die Aktivisten „Parkhotel“ getauft haben, schlafen einige hundert Demonstranten. Die Stadt hat es nach einigen Diskussionen mit „Fridays for Future“ erst vor drei Wochen zur Verfügung gestellt.

Überhaupt wird aus den Gesprächen mit den Aktivisten, mit der Polizei und mit der Stadt schnell klar, dass die Planung der Demonstration gar nicht so einfach war, auch wenn jetzt alle beteuern, dass sie vorbereitet sind und die Aktivisten in den Tagen vor der Demo betonen: „Die Stadt unterstützt uns voll und ganz.“

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Die Stadt hatte ihren „Stab für außergewöhnliche Ereignisse“ aktiviert. Verkehrsbehörde, Feuerwehr und Jugendamt etwa würden zusammenarbeiten, um die Massen an jungen Menschen, die in die eher kleine Großstadt einfallen, zu stemmen, heißt es. Die Polizei ächzt besonders unter der Großdemonstration, weil zu „Fridays for Future“ auch noch ein Protestcamp von „Ende Gelände“ dazukommt.

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Fridays for Future
Internationale Großdemo in Aachen
Video: AFP, Bild: AFP

Das Bündnis, das anders als „Fridays for Future“ vor allem über zivilen Ungehorsam gegen die Kohlebagger von RWE protestiert, plant Aktionen am Wochenende in den Bergbauten nicht weit von Aachen. Die Polizei ist sichtlich angespannt. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass sich die beiden Demonstrationen nicht vermischen“, sagt der Polizeipräsident. Bei „Fridays for Future“ engagieren sich zahlreiche Aktivisten, die gleichzeitig auch bei „Ende Gelände“ mitmachen.

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Solidarisierung mit „Ende Gelände“

„Fridays for Future“ hat sich am Mittwoch in einer Pressemitteilung ausdrücklich mit „Ende Gelände“ solidarisiert: „Wir erachten zivilen Ungehorsam als legitime Protestform. Er ist zwingend notwendig zum Schutz unserer Zukunft.“ In den internen Telefonkonferenzen von „Fridays for Future“ hat es viele Diskussionen um das Solidarisierungsschreiben gegeben, aber schließlich haben es alle Ortsgruppen unterzeichnet. Die Pressesprecherin der Klimabewegung an diesem Wochenende, Rosalie Münz, versichert trotzdem: „Fridays for Future wird auf der legalen Seite bleiben.“ Münz engagiert sich auch für „Ende Gelände“.

„Bei uns ist Land unter gerade“, sagt der Sprecher der Polizei Aachen angesichts des großen „Klimaaktionswochenendes“, zu dem Demonstranten aus 16 Ländern angereist sein sollen. Die Polizei Aachen wird von Einsatzkräften aus ganz Nordrhein-Westfalen, von der Bundespolizei und aus anderen Bundesländern unterstützt. Mehrere tausend Polizisten sind bei „Fridays for Future“ und bei „Ende Gelände“ im Einsatz.

Zwei Sechsjährige seilen sich ab

Eigentlich haben die Beamten bei der „Fridays for Future“-Demo am Freitag mit einem absolut friedlichen Verlauf gerechnet, aber sie werden nervös, als der mittlerweile vereinigte Demozug kurz vor dem Ziel am Tivoli Stadion Unterstützung von zwei Kindern, acht und zehn Jahre alt, bekommt, die sich von der Brücke über der gesperrten Schnellstraße abseilen, zwischen ihnen ein Transparent „Eure Gier kostet unsere Zukunft“. Die Polizei sperrt die Straße „aufgrund der allgemeinen Sicherungspflicht“, ein paar Demonstranten werden wütend, ein Mann mit Fahrrad versucht den Polizisten vor ihm wegzuschubsen.

Erst nach zwanzig Minuten seilen sich die Kinder ab. Münz sagt: „Wir wussten nichts von der Aktion, aber sie zeigen sich mit uns solidarisch und das finden wir super.“ Mittlerweile spricht auch Münz nicht mehr von 10.000 Demonstranten, es könnten mehrere Zehntausend sein, sagt sie. Die Demo ist so lang, dass man als Autofahrer 40 Minuten warten muss, um passieren zu können. Auch direkt vor dem Stadion haben sich Aktivisten an einem Brückenpfeiler angeseilt, sie sind aber immerhin erwachsen.

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„Fridays for Future“ hat an diesem Freitag zum ersten Mal explizit alle Altersgruppen eingeladen, nicht nur Schüler, Auszubildende und Studenten. So tanzen denn auch „Grannies for Future“ und „Teachers for Future“ zusammen mit ihren Schülern durch die Innenstadt. Obwohl „Fridays for Future“ immer wieder betont, dass es parteiunabhängig ist, wehen überall Fahnen von Gruppierungen und Parteien aus dem linken bis linksradikalen Spektrum. Die Grünen, die junge Europapartei Volt, die Antifa und die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend sind gekommen.

Die „Fridays for Future“ Ortsgruppe aus Köln trägt ein Transparent mit „Burn Capitalism Not Coal“. Auch ein Vertreter der Gelbwesten ist mit einem Riesenlautsprecher gekommen, den er unter skeptischen Blicken ständig ein- und ausschaltet. Die internen Diskussionen um die zu präsenten Köpfe der Bewegung, vor allem Luisa Neubauer und Jakob Blasel, scheinen überwunden. Es stehen immer andere Aktivisten auf den Bühnenwagen und schreien die Sprechchöre ins Mikro. Blasel sagt, es sei „richtig fett“. Er hätte nie gedacht, dass die Bewegung innerhalb eines Monats so viele Menschen mobilisieren könne. „Wir sind jetzt an einem entscheidenden Punkt.“

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Am Abend kurz nach der Fridays for Future-Demo, die laut Luisa Neubauer „mehr Menschen denn je“ zusammengebracht hat, sitzt ein Teil des lokalen Orgateams sichtlich erschöpft vor dem „Parkhotel“. Die Kochcrew des Bündnisses verteilt Äpfel, ein paar Alt-Linke diskutieren über die Unterschiede zwischen den Jungen und alten Protestlern. Keiner aus dem Orgateam hat mit 40.000 Teilnehmern gerechnet, nicht mal annähernd. „Wir sind stolz die größte Klimademo seit langem auf die Beine gestellt zu haben“, teilen sie mit. Ein großer Teil der Demonstranten sei aus der Umgebung angereist, das habe es schwer gemacht, die Menge der Aktivisten vor dem Streik abzuschätzen. Auch den Reden, die hundert Meter entfernt vom Sitzplatz des Orgateams auf der Bühne gerufen werden, hören noch Tausende Demonstranten zu. Aktivisten aus Frankreich und Venedig sprechen über Angst und sinkende Städte. Uwe von Scientists for Future – hier werden alle nur mit Vornamen angesprochen – bittet die Politiker im fernen Berlin und Brüssel mitzuhelfen, den Planeten zu retten. Das mit dem CO2-Ausstoß sei nämlich wirklich eine vertrackte Sache.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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