Friedrich Merz bei der JU

Mehr Sauerland wagen

Von Tobias Schrörs
12.10.2019
, 19:16
Umjubelter Gast aus dem Sauerland: Der frühere Unions-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz neben JU-Chef Tilman Kuban (rechts) am Freitag
Und bitte weniger Saarland. Warum die Junge Union die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer herausfordert und Friedrich Merz wie einen Popstar feiert.

Der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, hatte einen frommen Wunsch: „dass wir nicht nur auf die Frage von Personaldebatten reduziert werden“. Der ging nicht in Erfüllung. 60 Prozent der Delegierten stimmten am Freitagabend beim Deutschlandtag für eine Urwahl zum Kanzlerkandidaten. Auf dem CDU-Bundesparteitag im November will die Nachwuchsorganisation den Antrag nun einbringen. Ausgerechnet im Saarland fasste sie damit einen Beschluss, der die Parteivorsitzende Kramp-Karrenbauer in die Bredouille bringt. Eine Abstimmung der Parteimitglieder würde ihren Führungsanspruch in Frage stellen.

Als die Saarländerin im Dezember 2018 in Hamburg zur Bundesvorsitzenden gewählt wurde, verdankte sie das wesentlich der Jungen Union. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, in der JU bestens vernetzt, schied im ersten Wahlgang aus. Die Hälfte seiner Wähler unterstützte Kramp-Karrenbauer in der Stichwahl, besonders junge Frauen. Warum nicht Merz, der Spahn inhaltlich näher steht?

Es ging das Gerücht um, einige seien per SMS vom damaligen JU-Vorsitzenden Paul Ziemiak zur Wahl Kramp-Karrenbauers aufgerufen worden. Die hatte Ziemiak, der für die JU keine Wahlempfehlung ausgegeben hatte, früh den Posten des Generalsekretärs angeboten. Ziemiak soll zunächst abgelehnt und nach der Wahl zugestimmt haben. Im Merz-Lager wurde behauptet: Ziemiak hat sich kaufen lassen.

Alles erlogen, sagen führende Köpfe der JU, die Ziemiak nahe stehen. Einer, der Merz unterstützt, sagt, es sei bequem, den Misserfolg von Merz auf eine Verschwörungstheorie zu schieben. Zur Wahrheit gehöre, dass der in Hamburg eine schlechte Rede gehalten habe. Wie auch immer es war, das Gerücht entfaltete seine Wirkung. In Hamburg wurde Ziemiak von bloß 63 Prozent der Delegierten zum Generalsekretär gewählt, ein historisch schlechtes Ergebnis. „Das Gefühl, Paul habe sich kaufen lassen, schwingt unterschwellig mit“, sagt ein JU-Mitglied heute, zehn Monate später.

In Saarbrücken wettert eine junge Frau bei der Antragsberatung gegen „Kartelle von Parteifunktionären“. Auch ein Delegierter aus Bayern befürwortet die Urwahl. Der Nachwuchs der CSU soll den Vorschlag mit großer Mehrheit unterstützt haben. Aus basisdemokratischer Überzeugung, sagt ein Delegierter. Man sei nicht gegen AKK, sondern zufrieden mit der Zusammenarbeit von CDU und CSU unter der jetzigen Vorsitzenden. Gegenredner warnen davor, in einem „Zerfallszirkus“ zu enden wie die SPD. Andere wollen ein klares Zeichen gegen die CDU-Chefin setzen. Sie hat sich – das sagen auch Gegner des Antrags – in den vergangenen Monaten nicht sonderlich beliebt gemacht beim CDU-Parteinachwuchs. „Was will man von einer Landrätin aus dem Saarland schon erwarten?“, lästert ein Delegierter. Größer als ein Landkreis sei das Bundesland ja nicht.

Anfangs konnte Kramp-Karrenbauer noch punkten. Ihr Karnevals-Witz über Männer, die nicht wüssten, ob sie beim „Pinkeln“ noch stehen dürften oder schon sitzen müssten, kam gut an. Auch das parteiinterne „Werkstattgespräch“ über Migrations- und Flüchtlingspolitik im Februar fanden viele gut. Dann kam, kurz vor der Europawahl im Mai, das Video des Youtubers Rezo, mit dem die Partei nicht umzugehen wusste. Die Bundesgeschäftsstelle warf der JU vor, mitverantwortlich für das schlechte Wahlergebnis zu sein. Tilman Kuban lässt dieses Kapitel im Rückblick auf seine bisherige Amtszeit am Freitag nicht aus und kritisiert Leute, die „uns dann noch den schwarzen Peter zuschieben“ wollten, wenn die CDU mal eine Wahl nicht gewinne.

Kuban wird in seiner Rede ziemlich deutlich, obwohl er doch Personalfragen nicht in den Mittelpunkt rücken wollte. Eines müsse man Greta Thunberg lassen, sie habe sich nie von Widerständen beeinflussen lassen. „Das kann man nicht von jeder politischen Führungskraft in diesem Land behaupten.“ Wen meint er? Kramp-Karrenbauer, Angela Merkel? Vielleicht eher letztere, denn zuvor hatte er kritisiert, dass die Union seit einigen Jahren den „Trends unserer Zeit“ hinterherlaufe. Ein bisschen Unschärfe, so scheint es, ist ihm aber ganz recht.

Der Saal tobt, als Kuban ein paar Sprüche loslässt. Es solle noch Leute geben, die im Sommer nach Malle fliegen, sagt er – trotz Klimawandels. Seine Zuhörer grölen ein Lied, schwenken Fähnchen ihrer Länder. Die Junge Union ist trotz ihrer Einstecktücher und Tweedjacken eben auch eine Nachwuchsorganisation mit Lust am Protest.

Friedrich Merz, der in Saarbrücken gefeiert wird wie ein Held, nennt Kuban eine „Rampensau“. Der Schulterschluss zwischen dem JU-Vorsitzenden in weißen Turnschuhen und weißem Hemd und dem Mann aus der Wirtschaft mit Anzug und Krawatte erscheint perfekt. Kurzfristig hatte sich Merz zum Deutschlandtag angekündigt. Daraufhin lud Kuban ihn ein, ein Grußwort zu sprechen – vor der Abstimmung über den Urwahl-Antrag. Noch während ein Vorredner spricht, verteilt ein junger Mann schwarze Pappen mit der weißen Aufschrift: „Mehr Sauerland für Deutschland.“ Die unausgesprochene Botschaft: und bitte weniger Saarland.

Merz: „Wenn Sie wollen, dass ich dabei bin, dann bin ich dabei.“

Zur Urwahl positioniert sich Merz in seiner Rede nicht. Aber er sagt, er habe Verständnis für die Debatte. Dass der Alltag die CDU nach dem guten Parteitag in Hamburg einhole, sei klar gewesen. Und es sei auch klar gewesen, „dass Annegret Kramp-Karrenbauer als neue Parteivorsitzende auch Fehler macht“. Er hätte im Fall einer Wahl ebenfalls Fehler gemacht. Aus dem Saal rufen einige: „Nein“. Merz erwidert: „Doch.“ Er stehe zu seinem Versprechen, Kramp-Karrenbauer zu unterstützen. Zum Ende seiner Rede ruft er den Delegierten zu: „Wie freiheitlich und wie menschlich wir die Zukunft unseres Landes und der EU gestalten, diese Verantwortung liegt auf Deutschland und in Deutschland auf CDU und CSU. Wir werden die politische Auseinandersetzung darum führen müssen. Und wenn Sie wollen, dass ich dabei bin, dann bin ich dabei.“

Die JU beklatscht den wirtschaftsliberalen Hoffnungsträger lange. „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen“, singen sie. Doch einer, Merz wohlgesonnen, ist unglücklich über den Urwahlbeschluss. Beim Parteitag im November werde das nicht durchgehen. Es wäre die nächste Niederlage für Merz.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schrörs, Tobias
Tobias Schrörs
Politikredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot