Gastbeitrag

Das Betreuungsgeld gibt den Eltern Freiheit

Aktualisiert am 15.06.2012
 - 11:38
Dorothee Bär, Familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und stellvertretende Generalsekretärin der CSU
Die Debatte um das Betreuungsgeld ist auch deshalb so abstrus, weil wir ein Volk von Individualisten geworden sind. Eigentlich ist es ein schwarz-gelb-grüner Idealfall, schreibt die Familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Dorothee Bär.

Seit langem hat kein Thema mehr das Land in einer Art und Weise gespalten wie das Betreuungsgeld. Manche Argumentation - vor allem die der Gegner - erinnert sehr an den bereits viel zu oft zitierten Elefanten im Porzellanladen - wobei das „Porzellan“, das dabei zu Bruche zu gehen droht, kostbarer ist als alle Schätze der Welt: das Wohl unserer Familien und unserer Kinder.

Vielleicht werden in einigen Jahren Bachelor- und Masterarbeiten, wahrscheinlich sogar ganze Habilitationen geschrieben werden. Nein, nicht über die Inhalte des Betreuungsgeldes. Sondern über die Art und Weise, wie (oftmals links-)ideologische Propaganda im Gegensatz zur Mehrheit unserer Bevölkerung steht.

Wie sehr die einseitige und oft auch falsche Berichterstattung über das Betreuungsgeld die Zustimmung der Bevölkerung verändert hat, zeigt ein Blick auf Umfragen: So haben nach einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2007 zum Beispiel 81 Prozent der Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährigen für die Einführung eines Betreuungsgeldes gestimmt. Noch im Mai dieses Jahres lag die Zustimmung unter den Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährigen bei 51 Prozent. Nach aktuellen Umfragen ist die Zustimmung noch weiter gesunken. Dass falsche Berichterstattung auf dem Rücken unserer Kinder und der Familien in unserem Land ausgetragen wird, ist besonders ärgerlich und erschreckend.

Väter werden komplett ausgeklammert

Die Debatte um das Betreuungsgeld ist auch deshalb in Teilen so abstrus, da wir ein Volk von Individualisten geworden sind, die in jedem - aber auch wirklich jedem - Lebensbereich ausschließlich maßgeschneiderte Lösungen akzeptieren: Niemand kauft sich ein Auto, das nicht exakt nach seinen Bedürfnissen zusammengestellt wird. Wir legen Wert auf Maßanzüge, Hemden mit Monogramm und mit dem Kindernamen gravierte Geschenke zur Geburt. Bei aller Individualisierung wundere ich mich, dass so viele zu wissen scheinen, dass alle Kinder nur in einer Kita richtig gebildet werden. Abgesehen von der Unterstellung Eltern gegenüber, sie könnten ihre Kinder nicht erziehen, ist es völlig unverständlich, warum wir uns nicht die Individualität der Betreuungsmodelle leisten.

Das Betreuungsgeld bleibt richtig, weil sich viele Behauptungen dagegen unschwer widerlegen lassen: So ist es beispielsweise grober Unfug zu behaupten, es stelle Mütter vor die Entscheidung, zu Hause zu bleiben oder arbeiten gehen zu können. Es geht eben nicht um ein Müttergeld, sonst hätten wir es ja so genannt. Es geht darum, Eltern finanziell zu unterstützen, wenn sie ihr Kind nicht von einer staatlichen Einrichtung betreuen lassen, sondern eine familiennahe der institutionellen Betreuung vorziehen, zum Beispiel von den Großeltern, einer Tagesmutter oder - und jetzt wird’s für manche wohl wirklich revolutionär: vom Vater! Die Väter werden in dieser Diskussion nämlich meist komplett ausgeklammert, was auf ein veraltetes Familienverständnis der ach so modernen Betreuungsgeldgegner schließen lässt.

Das Betreuungsgeld bleibt richtig, weil die vermeintlich stärksten Gegenargumente die Schwächsten unserer Gesellschaft am meisten treffen. Prüfen wir doch einmal die Argumentation, Kinder erführen nicht ausreichend an Bildungsangeboten, wenn sie die ersten drei Jahre zu Hause blieben. Doch von welcher Bildung sprechen wir hier eigentlich? Startet der lebenslange Wettbewerb um beste Ergebnisse, steilste Karrieren und effizienteste Leistung denn wirklich schon im Stubenwagen? Oder ist es nicht eher so, dass die wirklich entscheidenden Lebensqualifikationen, die die Basis für die Wahrnehmung der vielen Bildungsangebote in späteren Jahren darstellen, von der am meisten prädestinierten, weil natürlichen Institution vermittelt werden: den Eltern? Für mich ist klar: Es gibt etwas, das keine staatliche Institution und kein Bildungsangebot der Welt je schaffen kann - auch wenn man noch so viel an Haushaltsmitteln dafür bereitstellt und investiert. Etwas, das die ultimative Grundvoraussetzung für körperliches wie seelisches Wohlbefinden jedes einzelnen Menschen ist: elterliche Liebe, aus der eine unersetzbare Bindung hervorgeht. Und die ist in keiner anderen Lebensphase wichtiger als in den ersten drei Jahren eines Kindes.

Seelische Untrennbarkeit

Das Betreuungsgeld bleibt richtig, weil es etwas aussagt über das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihren Kindern, die neben einer guten Ausbildung, neben sozialen Kontakten und einer ausreichenden Förderung ihrer Fertigkeiten und Talente vor allem eines brauchen: Bindung und Liebe. Wer je ein Neugeborenes in den ersten Wochen nach der Entbindung beobachtet hat, der wird die Untrennbarkeit des Kindes zu seiner Mutter wahrgenommen haben. Wer Väter befragt, die die entscheidenden Stunden im Kreißsaal bei ihrer Frau waren und die ersten Stunden, Tage und Wochen mit dem Kind verbracht haben, wird erfahren, dass es nichts Schwierigeres gibt, als die Haustür wieder von außen zu schließen.

Aus dieser körperlichen Untrennbarkeit der ersten Tage entwickelt sich die seelische Untrennbarkeit, die uns den Rest unseres Lebens mit unseren Kindern verbindet - die jedoch nie so stark ist wie in den ersten drei Jahren. Die Zeit, in der unsere Kinder das erste Mal bewusst lächeln, die ersten Laute von sich geben, sich das erste Mal selbständig umdrehen, Sitzen, Krabbeln und Laufen lernen. Wenn Eltern all das direkt mitbekommen wollen, dann haben sie nichts mehr verdient als genau dies. Eigentlich ist das Betreuungsgeld parteipolitisch ein absolut schwarz-gelb-grüner Idealfall. Die Familie steht bei CSU und CDU im Zentrum allen politischen Handelns, die Freien Demokraten schreiben sich das Liberale auf ihre gelbe Fahne, und etwas Liberaleres als Wahlfreiheit gibt es nicht in der Familienpolitik. Von weiblichen Grünen-Mitgliedern bekomme ich Zuschriften mit dem Tenor: Emanzipierte Frauen brauchen keinen Staat, der ihnen vorschreibt, welches Familienmodell gerade en vogue ist.

Das Betreuungsgeld bleibt richtig, weil nicht die Politiker, nicht die Wissenschaftler und nicht die Arbeitgebervertreter darüber entscheiden dürfen, was gut ist für die Kinder, sondern ganz allein die Eltern. Der Staat kann noch so viel Geld in Betreuungsplätze stecken; am Klima gegenüber Kindern wird sich erst etwas ändern, wenn keine Mutter und kein Vater sich für ihr ureigenes Lebensmodell mehr rechtfertigen müssen!

Die Verfasserin ist Familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und stellvertretende Generalsekretärin der CSU.

Quelle: F.A.Z.
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