Gauck-Nachfolge

Wer könnte der nächste Bundespräsident werden?

Von Thomas Holl
06.06.2016
, 15:00
Blick auf das Schloss Bellevue in Berlin
Nach dem Verzicht von Bundespräsident Joachim Gauck auf eine zweite Amtszeit suchen die Parteien nach einem mehrheitsfähigen Kandidaten für die Nachfolge. FAZ.NET gibt einen Überblick über Namen und Chancen.
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Die Wahl des neuen Bundespräsidenten findet am 12. Februar 2017 statt, wenige Monate vor der Bundestagswahl im Herbst. Wer auch immer als Nachfolger des parteilosen ostdeutschen Pastors und DDR-Bürgerrechtlers Joachim Gauck ins Schloss Bellevue einzieht - die für ihn oder sie in den nächsten Monaten organisierte Mehrheit in der Bundesversammlung könnte wie bei früheren Wahlen des Bundespräsidenten eine Weichenstellung für die politische Entwicklung und mögliche Koalitionen im Bund sein.

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So wie die von den damaligen Oppositionsführern Guido Westerwelle (FDP) und Angela Merkel (CDU) 2004 eingefädelte Wahl des dem bürgerlichen Lager zugeordneten Ökonomen Horst Köhler als Signal für eine schwarz-gelbe Koalition und die angestrebte Ablösung von Rot-Grün verstanden wurde. Auch wenn dieses Bündnis wegen der Schwäche der von Merkel geführten CDU in der Bundestagswahl 2005 erst vier Jahre später Wirklichkeit wurde.

Auf einen gemeinsamen Kandidaten wollen sich die in Berlin regierenden Parteien CDU, CSU und SPD auch mit Blick auf die Bundestagswahl nicht verständigen. Nicht zuletzt wegen des immer größer werdenden Unmuts im Wahlvolk über die große Koalition. Ein Konsenskandidat könnte, so die Befürchtung, die schmaler gewordene Wählerbasis der Volksparteien wie in Österreich noch stärker schrumpfen lassen. An Angela Merkel richtet sich in der CDU die Erwartung, trotz fehlender absoluter Mehrheit in der Bundesversammlung mit Stimmen aus anderen Parteien einen eigenen Kandidaten der Union durchzubringen und damit den Führungsanspruch für vier weitere Jahre Kanzlerschaft zu festigen.

Der nächste Bundespräsident wird am 12.2.2017 gewählt.
Der nächste Bundespräsident wird am 12.2.2017 gewählt. Bild: F.A.Z.

Mit früheren, von ihr ausgesuchten Bewerbern hatte die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin wenig Glück. Köhler trat nach öffentlicher Kritik an seinen Äußerungen zu Deutschlands Rolle in der Welt 2010 tief gekränkt zurück. Der frühere niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff konnte sich gegen Gauck erst im dritten Wahlgang durchsetzen und musste sein Amt 2012 nach Bestechlichkeitsvorwürfen vorzeitig aufgeben. Gauck selbst war als Wulffs Nachfolger nicht Merkels Wunschkandidat, sondern wurde ihr vom Koalitionspartner FDP aufgezwungen.

Bundespräsident
Gauck verzichtet auf zweite Amtszeit
© Jens Gyarmaty, reuters

Auch für SPD-Chef Sigmar Gabriel steht viel auf dem Spiel. Der Vizekanzler muss den angesichts magerer 19 bis 21 Prozent für die SPD in den Umfragen an seiner Führungsstärke zweifelnden Genossen beweisen, dass die SPD nicht nur einen Zählkandidaten aufbietet. Gabriel könnte einen überzeugenden Vorschlag für eine „plausible und honorige Persönlichkeit“ machen, wie es hoffnungsvoll aus Parteikreisen heißt.

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In der Union werden besonders vier Namen als mögliche Präsidentenkandidaten genannt:

Wolfgang Schäuble
Wolfgang Schäuble Bild: dpa

Wolfgang Schäuble: Der 73 Jahre alte und politisch erfahrenste Minister im Kabinett Merkels war schon 2004 für viele in der CDU der beste Mann für das höchste politische Amt in Deutschland. Doch die spätere Kanzlerin und damalige Oppositionsführerin gab dem einstigen Kronprinzen Helmut Kohls mit Rücksicht auf ihren damaligen Wunschpartner FDP einen Korb. Der bei Merkel nicht zu den beliebtesten Parteifreunden zählende CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sprach sich unlängst wieder für Schäuble als Gauck-Nachfolger aus. Mit Stimmen aus der SPD dürfte der wegen seines ätzenden Spottes gefürchtete Finanzminister kaum rechnen dürfen. Wahrscheinlichkeit: Gering

Norbert Lammert
Norbert Lammert Bild: dpa

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Norbert Lammert: Der 67 Jahre alte Bundestagspräsident könnte mühelos in die Rolle des Staatsoberhauptes wechseln. Der nicht uneitle Rheinländer hat wie Gauck großes rhetorisches Talent, Witz und verfügt über die notwendige intellektuelle Kraft und Tiefe für große Präsidentenreden. Nicht nur in den Führungen von CDU und CSU genießt Lammert große Unterstützung, auch bei Grünen könnte der oft als unabhängiger Kopf agierende Lammert punkten. Wahrscheinlichkeit: hoch

Ursula von der Leyen
Ursula von der Leyen Bild: dpa

Ursula von der Leyen: Die 57 Jahre alte Verteidigungsministerin brachte sich schon einmal nach Köhlers Rücktritt 2010 als Kandidatin selbst ins Gespräch. Mit öffentlichen Andeutungen über eine Nominierung durch Merkel schien sie schon auf dem Weg zur ersten Bundespräsidentin Deutschlands. Doch dann machte ihr Merkels Votum für Christian Wulff einen Strich durch die Karriererechnung. Gegen die ehrgeizige und durchsetzungsstarke CDU-Frau spricht diesmal ihre mögliche Verwendung in der CDU als Merkels Nachfolgerin im Kanzleramt. Für ihre Wahl das Argument: Nach einer Kanzlerin ist Deutschland auch reif für eine Präsidentin. Wahrscheinlichkeit: nicht ohne Chancen

Gerda Hasselfeldt
Gerda Hasselfeldt Bild: dpa

Gerda Hasselfeldt: Die 65 Jahre alte CSU-Landesgruppenchefin wäre ein Versöhnungsangebot Merkels an die bayerische (Noch)-Schwesterpartei. Deren unberechenbarer Vorsitzender Horst Seehofer hat allerdings ein gespaltenes Verhältnis zu der stets freundlich und wenig aggressiv auftretenden Parteifreundin, die von Merkel sehr geschätzt wird. Wahrscheinlichkeit: aussichtslos

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In der SPD ist die Liste möglicher Bewerber etwas kleiner:

Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier Bild: dpa

Frank-Walter Steinmeier: Der in Umfragen beliebteste Sozialdemokrat (60) und dennoch erfolglose Kanzlerkandidat 2009 wird immer wieder als möglicher Bundespräsident genannt. Die Nominierung des bedächtigen und staatstragenden Außenministers wäre auch ein Signal für die Fortsetzung der großen Koalition, aber kein personelles Angebot für die Linkspartei, die von der SPD ein Signal für eine rot-rot-grüne Koalition nach der Bundestagswahl 2017 fordert. Auch für die CDU ist ein Bundespräsident Steinmeier samt der damit verbundenen Außenwirkung von vier weiteren Jahren Schwarz-rot wenig attraktiv. Wahrscheinlichkeit: Gering

Navid Kermani
Navid Kermani Bild: dpa

Navid Kermani: Der parteilose und aus dem Iran stammende deutsche Schriftsteller und Orientalist wäre ein überraschendes Angebot, das neben Grünen und Linkspartei auch die Feuilletons der Republik wie einst die SPD-Intellektuelle Gesine Schwan in Schwingung versetzen würde. Der 48 Jahre alte gläubige Muslim und entschiedene Gegner fundamentalistischer Religionsauslegung wäre allerdings für Konservative in der Union in der von AfD-Parolen aufgeheizten Islam-Debatte ein kaum wählbarer Kandidat. Wahrscheinlichkeit: Gering

Auch die Grünen könnten einen Kandidaten mit Strahlkraft und Signalwirkung aufbieten:

Winfried Kretschmann
Winfried Kretschmann Bild: dpa

Winfried Kretschmann: Der baden-württembergische Ministerpräsident gehört in allen Umfragen zu den beliebtesten Politikern. Die Nominierung des 68 Jahre alten Katholiken mit konservativ-ökologischem Wertefundament wäre ein starkes Signal für eine schwarz-grüne Koalition im Bund. Sowohl Angela Merkel als auch Horst Seehofer schätzen Kretschmann. Für die Union hätte ein Wechsel Kretschmanns nach Berlin zudem einen besonderen Charme: In Stuttgart könnte sich die geschwächte CDU nach einem Weggang des populären Landesvaters schneller erholen als gedacht. Größtes Problem: Kretschmann will lieber im Ländle weiter regieren als in Berlin zu residieren und von dort aus die Welt zu bereisen. Wahrscheinlichkeit: Sehr gering

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Holl, Thomas
Thomas Holl
Redakteur in der Politik.
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