Gerüchte über Bettina Wulff

Der vertagte Gegenschlag

Von Majid Sattar, Berlin
09.09.2012
, 16:21
Der frühere Bundespräsident Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina am vergangenen Dienstag in Duderstadt
Bettina Wulff wehrt sich gegen die Verbreitung von Denunziationen über ihre Vergangenheit. Die Gerüchte über ihr früheres Leben erhielten politische Brisanz in der Affäre, über die ihr Mann stürzte.

Anfang des Jahres holte Christian Wulff zu einem Befreiungsschlag aus. Ein erster Versuch, das Feuer, das sich wegen der Affäre um seine Haus-Finanzierung ausgebreitet hatte, vor Weihnachten mit einer Erklärung im Schloss Bellevue und mit der Trennung von seinem Sprecher und Vertrauten Olaf Glaeseker zu löschen, war gescheitert. Nun, nachdem bekannt geworden war, dass der Präsident in dieser Sache eine gar nicht präsidiale Nachricht auf der Mailbox des Chefredakteurs der „Bild“-Zeitung hinterlassen hatte, wurde ihm auch aus dem Kanzleramt bedeutet, er möge sich erklären.

Am 4. Januar stellte er sich den Fragen von ARD und ZDF und sinnierte an einer Stelle des Gesprächs über den Preis der Popularität, der darin bestehe, dass man Dinge offenbaren müsse, bei denen viele andere sagten, das würden sie nie machen - „auch im Internet, wenn Sie da sehen, was da über meine Frau alles verbreitet wird an Phantasien“.

Warum hatte Wulff das Thema von sich aus angesprochen? Warum sprach er von „Phantasien“? Und nicht von Lügen und Unwahrheiten, Verleumdung und Rufmord? Vor 11,5 Millionen Zuschauern? Der Auftritt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war lange vorbereitet. Zu seinen Ratgebern zählten seinerzeit unter anderem der CDU-Politiker Peter Hintze, der gewissermaßen als Schnittstelle zwischen Kanzleramt und Schloss Bellevue fungierte, Präsidialamtsleiter Lothar Hagebölling und sein Medienanwalt Gernot Lehr.

Sorge vor kontraproduktiver Klagewelle

Schon damals wurde erwogen, wie Vertraute Wulffs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinerzeit bestätigten, zu einem Gegenschlag auszuholen, um die seit Jahren wabernden Gerüchte über eine angebliche Rotlicht-Vergangenheit der Präsidentengattin Bettina, die nun in der Hauskredit-Affäre wieder die Runde machten, ein für alle mal zu ersticken und gegen jene Medien - seinerzeit waren es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, tatsächlich nur Betreiber esoterischer Internetportale - rechtlich vorzugehen, die zu deren Verbreitung beitrugen.

Damals sei man aber zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Klagewelle im Affärenmanagement kontraproduktiv sein könnte, erläuterte seinerzeit ein Wulff-Vertrauter. Dem muss nicht widersprechen, dass Frau Wulff heute ihr Zögern, gegen die Verbreitung der Gerüchte vorzugehen, damit erklärt, dass sie diesen durch eine eigene Stellungsnahme nicht zu viel Gewicht geben wollte. Es blieb also bei jenem Satz des Präsidenten und dem Wort „Phantasien“, das im Umfeld Wulffs hernach als unglückliche Formulierung bezeichnet wurde.

Der Fernsehmoderator Günther Jauch hat am Wochenende einer Unterlassungserklärung eingewilligt, „ohne ein Fehlverhalten“ einzugestehen
Der Fernsehmoderator Günther Jauch hat am Wochenende einer Unterlassungserklärung eingewilligt, „ohne ein Fehlverhalten“ einzugestehen Bild: dapd

Ein gutes halbes Jahr nach dem Rücktritt des Staatsoberhauptes kommt es nun zu dem seinerzeit vertagten Gegenschlag. Am Freitag hat Bettina Wulff Klagen beim Hamburger Landgericht gegen den Fernsehmoderator Günther Jauch und den Google-Konzern eingereicht. Zuvor hatte zahlreiche Betreiber von Internetportalen, Blogger und Redaktionen Unterlassungserklärungen abgegeben, einige Verlage haben Schmerzensgeld bezahlt. Frau Wulff selbst hat zur Vorlage bei Gericht eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, nach der die Behauptungen falsch seien.

An dem Freitag, an dem die Klagen in Hamburg eingingen, druckte die „Süddeutsche Zeitung“ eine große Geschichte für den nächsten Tag, in deren nachrichtlicher Zusammenfassung auf der Seite 1 es hieß, „nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung haben CDU-Kreise in Hannover seit 2006 das Gerücht gestreut, Bettina Wulff habe früher angeblich im Rotlichtmilieu gearbeitet. Die Denunziation sollte offenbar vor allem Christian Wulff treffen.“ Zitiert wird auch eine Bloggerin, „die in regionalen FDP-Gremien sitzt“, welche das Gerücht zehn Tage vor der Präsidentenwahl im Juni 2010 mit auf den Weg gebracht habe.

Einige christlich-demokratische Abgeordnete des niedersächsischen Landtages haben ihre Wahlkreise in Gegenden Niedersachsens, die so ziemlich das Gegenteil derjenigen CDU sind, die eine moderne Großstadtpartei sein will. Dort war die Trennung und spätere Scheidung Wulffs von seiner ersten Frau Christiane und die Inszenierung des neuen, jungen Glücks in der Boulevardpresse nicht gut angekommen. Das offenbarte die Landtagswahl 2008, in der die CDU Verluste verzeichnete und Demoskopen feststellten, dass ältere Frauen vom Lande sich von Wulff abgewendet hatten. Welcher Parteifreund, der eine offene Rechnung mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten gehabt haben könnte, auch immer der Urheber von Gerüchten dieser Art gewesen sein mag, der fruchtbare Nährboden war jedenfalls das platte Land zwischen Weser und Ems.

Die Gerüchte von der Leine erreichten hier und da auch die Spree. Journalisten raunten sich mitunter zu, eine Boulevardzeitung verfüge über eine „Betty“-Geschichte, welche sie zu gegebener Zeit „bringen“ werden. Auch seriöse Blätter hätten schon recherchiert, die Geschichte aber nicht „hart“ bekommen. Bis Mitte 2010 hieß eines der Gegenargumente von Leuten, die das alles für Quatsch hielten: Jemand, der mal nach Berlin wolle, mache sich nicht erpressbar. Im Sommer des Jahres änderte sich der Tonfall, denn Wulff war nun nach Berlin gekommen - nicht, wie vordem gemutmaßt, als Kanzler, sondern als Präsident.

Von Gerüchten Notiz genommen

Ende Juni 2010, Sommerfest in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin. Zwei Tage bevor die Bundesversammlung im Reichstag zusammenkommt, um einen Nachfolger für den überraschend zurückgetretenen Bundespräsidenten Köhler zu wählen, erscheint das Ehepaar Wulff mit der Bundeskanzlerin in den Ministergärten. Der Auftritt ist das Gegenteil einer lockeren Gartenparty: Zig Journalisten bedrängen das künftige Präsidentenpaar auf Schritt und Tritt, die Kameraobjektive verfolgen die künftige „First Lady“.

Später am Abend machen sich Journalisten, Politiker und ihre Berater wieder Gedanken über jene Gerüchte. Es kursieren Namen einschlägiger Etablissements. Könnte da etwas dran sein? Was wäre los, wenn Wulff deshalb irgendwann zurücktreten müsste? Zwei Präsidenten nach einander! Ob Angela Merkel Wulff darauf angesprochen habe? In Wulffs Umfeld heißt es an jenem Abend: Von den Gerüchten habe man Notiz genommen. Man sei aber sicher, dass keine Zeitung das Zeug jemals drucken werde.

Keine Gewissheit mehr

Anderthalb Jahre später gab es diese Gewissheit nicht mehr. Schon zu Beginn der Kredit-Affäre, über welche zunächst die „Bild“-Zeitung berichtete, wurde in Berlin vermutet, dies sei nur der Auftakt, irgendwann werde auch das ominöse „Betty-Dossier“ gebracht. Die „Berliner Zeitung“ verwies nun auf die Gerüchte über „das frühere Leben Bettina Wulffs“ und Jauch zitierte diese in seiner ARD-Talkshow. Inzwischen machte der Text von Wulffs Mailbox-Nachrichten die Runde, in dem es unter anderem hieß, dann sei der „Rubikon für mich und meine Frau überschritten“. Warum auch für seine Frau?

Es folgte der Fernsehauftritt Wulffs und der Hinweis auf die besagten „Phantasien“. Warum verwies Wulff das Millionen-Publikum auf sie? Im Management einer Affäre geht es nicht nur um die Aufklärung ihres Kerns, sondern auch um ihre mediale Steuerung. Wulff konnte Ende 2011 noch glauben, die Kredit-Affäre überstanden zu haben. Dann kam die Mailbox-Affäre hinzu. Der Wind blies ihm noch kräftiger ins Gesicht. Wollte Wulff Anfang 2012 aus der Defensive in die Offensive wechseln? Wollte er die öffentliche Meinung drehen - mit Verweis auf eine Schmutzkampagne gegen seine Frau, welche bis dahin allenfalls unterschwellig mit der Präsidentenaffäre zusammenhing?

Frau Wulff will ihren Ruf wiederherstellen. Zum Kontext zählt, dass in wenigen Tagen ihr Buch „Meine Sicht der Dinge“ erscheinen soll, und im Herbst zudem damit gerechnet wird, dass die Staatsanwaltschaft Hannover über eine mögliche Klage gegen Christian Wulff entscheidet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sattar, Majid (sat.)
Majid Sattar
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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