Judenpogrome im Mittelalter

Undzer shtetl brent

Von Markus Günther
05.05.2018
, 14:46
Eine jüdische Kaufmannsfamilie wird verbrannt, weil sie Hostienfrevel begangen haben soll: Detail einer 1465 für eine Kirche in Urbino geschaffenen Altarpredella von Paolo Uccello.
Der Antisemitismus, der auch in Deutschland wieder für besorgniserregende Vorfälle sorgt, hat tiefe Wurzeln. Schon im Mittelalter kam es zu grausamen Judenverfolgungen.

Als die Daumenschrauben nicht zu den gewünschten Geständnissen führten, zog man daraus nicht etwa den Schluss, dass die Vorwürfe abwegig, sondern dass die Daumenschrauben unzulänglich waren. Man versuchte es also mit anderen, altbewährten Methoden. So schnitt man den verdächtigen Juden die Waden auf und goss heißes Pech hinein, man verbrannte ihnen die Fußsohlen, „bis das bloße Bein zu sehen war“, wie der Chronist vermerkt, und trieb die Malträtierten unter Hieben durch die Stadt. Kein Wunder, dass die Verhörten dann doch alles gestanden, was man ihnen vorgeworfen hatte: dass sie heimlich die Brunnen vergiftet hatten mit rotem, grünem und schwarzem Pulver, dass sie dazu von einem Rabbiner angestiftet worden waren und dass überhaupt alle Juden im Alter von sieben Jahren in das Geheimwesen der Brunnenvergiftung eingeführt werden.

Die Judenverfolgungen, die im September 1348 in den Städten am Oberrhein begannen, waren nicht die ersten, unterscheiden sich aber in mancherlei Hinsicht von den früheren, stärker religiös motivierten Pogromen, etwa den Gewaltexzessen am Ende des elften Jahrhunderts, als die ersten Kreuzfahrer in religiösem Fanatismus die Juden, die sie auf dem Weg gen Süden in allen deutschen Städten antrafen, als „Gottesmörder“ umbrachten. 250 Jahre später war die Ausgangslage anders. Juden genossen in den meisten Fürstentümern und in allen Reichsstädten einen gewissen Schutz, der zwar nicht verhinderte, dass eine soziale und gewerbliche Ausgrenzung fortbestand, der ihnen aber doch Rechtssicherheit und begrenzte Freiheiten garantierte, seit Friedrich II. 1236 die Juden zu „Kammerknechten“ erklärt und sie damit unter seinen persönlichen Schutz gestellt hatte.

Erkauft war dieser Schutz freilich mit einer zynischen Judensteuer, die in manchen Fällen einer Schutzgelderpressung gleichkam, vor allem dann, wenn der König, in chronischer Geldnot, das Recht zur Erhebung der Steuer an lokale Herrscher verpfändet hatte. In Rothenburg ob der Tauber etwa galten im 14. Jahrhundert für Juden achtmal höhere Steuersätze als für Christen. Lokale Abgaben für Wehranlagen und Stadtverwaltung konnte man den Juden zusätzlich abpressen, obwohl sie selbst weder Waffen tragen noch höhere Ämter bekleiden durften. Ihnen blieb nichts anderes übrig als zu zahlen, was immer verlangt wurde.

Juden wurden für die Pest verantwortlich gemacht

Doch die teuer erkaufte Sicherheit erwies sich als leeres Versprechen, als die Pest ab der Jahreswende 1347/48 von Südeuropa nach Norden zog und sich immer rascher ausbreitete. Erst in Marseille und dann in der Provence und Katalonien raffte die Krankheit in kürzester Zeit Tausende hin. Ein Drittel der etwa 15 Millionen Deutschen fielen in jenen Jahren dem „Schwarzen Tod“ zum Opfer. Noch schneller als die Krankheitserreger aber verbreiteten sich die Gerüchte, nach denen die Juden an der Seuche schuld sein sollten, vermutlich durch die Vergiftung der Brunnen. Dafür gab es zwar keinerlei konkrete Anzeichen, aber die rätselhafte, hochansteckende und tödliche Krankheit forderte eine Erklärung und schrie förmlich nach einem Sündenbock. Während die Geißler, die damals durch die Städte zogen, in der Krankheit eine Strafe Gottes sahen und zur Buße aufriefen, war die bequeme Erklärung, die Juden steckten hinter der Pest, ungleich populärer.

Am 15. September 1348 fand auf Befehl des Herzogs von Savoyen in Chillion das erste Verhör statt. Ein französischer Arzt, Bavigny, gestand unter Folter die Brunnenvergiftung. Die Nachricht von seinem Geständnis und der angeblichen Verschwörung der „Judenheit“, die hinter der Pest steckte, erreichte binnen Tagen Städte wie Bern, Basel, Straßburg, Freiburg, Speyer, Mainz, Köln. Vielerorts kam es gegen den Willen der lokalen Obrigkeit zu mörderischen Ausschreitungen. In Straßburg wurde der Bürgermeister von der wütenden Menge abgesetzt; 1800 Juden wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. In Augsburg, Würzburg, Bamberg, Passau und München wurden die Juden zusammengetrieben und ermordet. In Einzelfällen wurden auch Christen als Mitverschwörer der jüdischen angeblichen Brunnenvergifter verfolgt. In Augst bei Basel wurde ihnen die Haut abgezogen, in Evian wurden christliche Helfer gevierteilt. Doch meistens ging es allein gegen die Juden.

Es wäre allerdings ganz falsch, die Pogrome der Jahre 1348 bis 1350 als hysterische Überreaktion auf die Gefahr der Pest, quasi als Affekthandlung zu deuten. Vielmehr vermischte sich die Panik über die herannahende Seuche mit tiefwurzelndem Judenhass und handfesten wirtschaftlichen Interessen. Adolf Lewin nannte die Verfolgten der Pogrome treffend die „Schlachtopfer der Volkswut und des Neides“, denn den ermordeten Juden wurde zugleich ihr Eigentum geraubt. Viele Schuldner ermordeten mit den örtlichen Juden zugleich ihre Gläubiger und entledigten sich so ihrer Schulden. Oft wurden die Schuldscheine unter Gejohle in dasselbe Feuer geworfen, in dem die Juden verbrannten.

Die Kirche gehörte in den meisten Fällen zu den moderaten Kräften und nicht etwa zu den treibenden Kräften der Pogrome. Papst Clemens VI. mahnte aus Avignon zur Vernunft und verurteilte die Morde an den Juden. Auch erklärte er das Gerücht von der Brunnenvergiftung als unwahr und wies auf die unübersehbare Tatsache hin, dass die Pest die Juden selbst genauso traf wie alle anderen auch. Seine Worte blieben wirkungslos.

Eine Kirche für das abgerissene Judenviertel

In Nürnberg verbanden sich Antisemitismus, Raffgier und städtebauliche Überlegungen, als man einen ruchlosen Geheimplan schmiedete. An der Stelle des heutigen Marktplatzes und der Frauenkirche standen die Häuser des jüdischen Viertels. Als der Magistrat 1349 den Marktplatz erweitern wollte, kam ihm die antisemitische Stimmung gerade recht. Der städtische Gesandte Ulrich Stromer reiste im Auftrag des Magistrats nach Prag, um bei Karl IV. die Pläne für einen neuen Markt vorzustellen. Der Vertrag, der damals geschlossen wurde, liegt noch heute im Nürnberger Stadtarchiv und dokumentiert die unselige Vermischung wirtschaftlicher, politischer und religiöser Interessen: Karl erlaubte den Abriss des Judenviertels, verlangte aber im Gegenzug, dass eine Kirche zu Ehren Mariens an die Stelle der Synagoge gebaut werde. Die Bewohner des Viertels und was mit ihnen geschehen sollte, blieb einfach unerwähnt. Am 16. November 1349 wurde der Vertrag unterschrieben, zwei Wochen später wurden die Nürnberger Juden zusammengetrieben und verbrannt, ihr Friedhof wurde dem Erdboden gleichgemacht. Im Gedenkbuch der Gemeinde sind 560 Namen verzeichnet. Ulrich Stromer wurde, „um seiner Treue und Dienste willen“, mit einem der enteigneten jüdischen Häuser belohnt.

Auch in Frankfurt verpfändete Karl IV. den jüdischen Besitz für den Fall, dass die Juden zu Tode kommen sollten - was einem Mordauftrag nahekommt. Ein Vertrag vom Juni 1349 hält fest, dass die Stadt nicht zur Rechenschaft gezogen wird, sondern, im Gegenteil, das jüdische Eigentum beanspruchen kann, falls die Juden "von Todes wegen abgingen oder verdürben oder erschlagen würden". 20.000 Mark in Silber ließ sich der König dafür von den Frankfurtern auszahlen. Einen Monat später wurden sämtliche Juden der Stadt ermordet. Mit der Pest und der angeblichen Brunnenvergiftung hatte das längst nichts mehr zu tun.

In manchen Fällen wurde den Juden angeboten, sich dadurch zu retten, dass sie sich taufen ließen, andere kamen der Ermordung durch ihren Suizid zuvor. Die zahllosen Selbstmorde, von denen die Chronisten berichten, charakterisiert der jüdische Philosoph und Historiker Yaakov Ben-Chanan sowohl als Verzweiflungstaten als auch als religiöses Märtyrertum: „Die jüdische Religion verbietet den Selbstmord, doch gestattet sie ihn, wenn man anders Gott verleugnen müsste. Und die erzwungene Taufe war für jene Juden eine Verleugnung Gottes, wie der Selbstmord in einer solchen Situation eine Heiligung Gottes bedeutete.“

Das Wort Pogrom, das sich in der Geschichtsschreibung auch für die gewaltsamen Übergriffe auf Juden im Spätmittelalter eingebürgert hat, ist irreführend, denn damit sind eigentlich spontane Gewaltausbrüche gemeint. Von unorganisierter, spontaner Gewalt kann jedenfalls dann keine Rede sein, wenn lokale Autoritäten die Gewalt organisieren. Aus demselben Grund geht der Begriff der Pogromnacht für die Gewaltexzesse gegen Juden in Deutschland im November 1938 – sie jähren sich in diesem Jahr zum 80. Mal – am Charakter der politisch motivierten und staatlich organisierten Gewalt vorbei.

Schutz der Juden nur in 48 Orten

Am Ende der Pestpogrome waren 300 jüdische Gemeinden vernichtet, etwa zwei Drittel aller Juden im Reich waren ermordet worden. Nur in 48 Orten waren die Juden verschont worden, oft weil der Stadtherr, der Bischof oder eine Gruppe einflussreicher Bürger dem wütenden Mob entgegentrat und harte Strafen für gewalttätige Übergriffe androhte. In Regensburg etwa gelang es, die Juden vor Übergriffen zu schützen.

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Gedenken an die mittelalterlichen Judenverfolgungen in den Gemeinden wachgehalten, wenn etwa am Vorabend des Festes Jom Kippur das eindringliche Klagelied des jüdischen Dichters David bar Meschullam vorgetragen wurde: „Wurde solches je gesehen oder gehört? Glaubt man einem solch betäubenden Anblick? Sie führten die Kinder zur Schlachtbank wie zum Hochzeitsfest. Darauf, Erhabener, willst du still sein?“

Erst die ungeheure Erfahrung der systematischen Verfolgung und Vernichtung im Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre hat die Erinnerung an das Schicksal der Juden im Mittelalter verdrängt. Das Monströse des Holocausts und die zeitliche Nähe lassen keinen Platz für das Gedenken an die mittelalterlichen Judenverfolgungen. Dass aber beides zusammen gedacht werden muss, der neuzeitliche und der historische Antisemitismus, hat der tschechische Historiker Frantisek Graus herausgearbeitet: „Eine zeitlich enge Begrenzung erweckt die gefährliche Illusion, dass man es mit einem vorübergehenden, relativ leicht zu beseitigenden Syndrom zu tun habe.“ Tatsächlich habe der Antisemitismus tiefe, jahrhundertealte Wurzeln: „Die Grundlage bildet die Dämonisierung der Juden, ihre Verbindung mit feindlichen Kräften und ihre vermeintliche Verschwörung. Die wohl einzige Möglichkeit, die Gefahr des Antisemitismus zu entschärfen, bildet die Aufdeckung der Vorbedingungen und des Nährbodens.“

Quelle: F.A.S.
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