Giffey ohne Doktor

Berlin pfeift auf Titel

EIN KOMMENTAR Von Markus Wehner
10.06.2021
, 18:11
Der Verlust des akademischen Grades muss Franziska Giffey nicht schaden. Denn in Berlin halten sich selbst CDU und FDP mit Kritik zurück.

Franziska Giffey ist seit Donnerstag auch offiziell ihren Doktortitel los. Die SPD-Politikerin war im Mai als Bundesfamilienministerin zurückgetreten, als sie das Ergebnis der Prüfung der Freien Universität Berlin schon kannte. Schon im November hatte sie, als die Wolken über dem zweiten Prüfverfahren immer dunkler wurden, den „Verzicht“ auf das Tragen des Doktortitels verkündet. Zugleich hat sie immer klar gemacht, dass sie ihre Pläne, Regierende Bürgermeisterin von Berlin zu werden, wegen der Affäre um ihre Dissertation nicht aufgibt.

Die ganze Sache ist für Giffeys Berliner Wahlkampf allerdings alles andere als schön. Akademische Tricksereien nehmen manche bürgerlichen Wähler nämlich übel. Gerade sie will Giffey eigentlich gewinnen, zielt sie doch auf die politische Mitte. Der eigentlich linken Berliner SPD hat sie einen Kurswechsel verpasst.

Die Grünen braucht Giffey nicht zu fürchten

CDU und FDP in der Hauptstadt halten sich mit Kritik an Giffeys Doktortitelei zurück. Denn sie wollen regieren, und ihre Positionen sind eher kompatibel mit dem Kurs der früheren Neuköllner Bezirksbürgermeisterin als jene von Grünen und Linken.

Giffey hat ein paar Gründe, optimistisch zu bleiben. Eine Alternative zu ihr hat die Berliner SPD nicht. Die Kandidaten der anderen Parteien, vorneweg Bettina Jarasch von den Grünen, sind nicht so stark, als dass Giffey sie fürchten müsste. Und Berlin ist insgesamt eine so uneitle Stadt, dass die meisten Bewohner dann doch auf einen Doktortitel pfeifen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wehner, Markus
Markus Wehner
Politischer Korrespondent in Berlin.
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