Giffeys Dissertation

Ein Doktorgrad ist kein Schmuckstück

Von Heike Schmoll, Berlin
15.11.2020
, 17:59
Familienministerin Giffey versucht mit der Ankündigung, ihren Titel nicht mehr zu führen, die Affäre zu beenden. Doch einen Doktortitel kann man nicht ablegen wie ein ungeliebtes Schmuckstück. Was die FU jetzt tun muss.

Für Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) war am Freitag der Moment gekommen, um sich den Weg zur Spitzenkandidatur der Berliner SPD am 27. November und zur Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin zu ebnen. Denn die Freie Universität Berlin (FU) hat es ihr mit der misslungenen Überprüfung und dem bisher nur angekündigten zweiten Verfahren leichtgemacht, sich als Opfer universitären Versagens darzustellen. Viele fragen, was denn mit all den anderen ohne Rechtsgrundlage an der Charité erteilten Rügen geschieht, die nur deshalb nicht überprüft werden, weil die glimpflich Davongekommenen nicht im öffentlichen Rampenlicht stehen.


Giffey gibt sich nach ihrer Ankündigung, den Doktorgrad nicht mehr führen zu wollen, bodenständig und volksnah: „Wer ich bin und was ich kann, ist nicht abhängig von einem Titel. Was mich als Menschen ausmacht, liegt nicht in diesem akademischen Grad begründet“, teilte sie mit. Die Frage, warum sie jedoch als aktive Regionalpolitikerin so viel Wert auf das soziale Distinktionsmerkmal des akademischen Grades gelegt hat, dass sie sich im laufenden Betrieb und während einer Schwangerschaft eine Dissertation zugemutet hat, beantwortet das jedoch nicht, zumal die Arbeit schon damals daran krankte, dass das Thema keinerlei Distanz zu ihrer eigenen Tätigkeit erkennen ließ, sondern genau diese thematisierte.

Giffeys Rücktrittsankündigung gilt nicht mehr


Ihre Doktormutter Tanja Börzel ließ die Dissertation trotzdem zu und lobte sie in ihrem Gutachten gar als „äußerst kenntnisreich“ und „originell“, während der Zweitgutachter die Ergebnisse „nicht überraschend“ fand; die zweitbeste Note „magna cum laude“ trug er dennoch mit.


Giffeys trotzige Reaktion, auf den Doktorgrad zu verzichten, enthält eine klare Botschaft an die FU: Was auch immer dort entschieden wird, selbst wenn es ein Entzug des Doktorgrades sein sollte, soll sie nicht mehr aufhalten. Sie wird ihre Entscheidung mit der Bundeskanzlerin abgesprochen haben, jedenfalls hieß es aus dem Kanzleramt, Merkel nehme Giffeys Entscheidung „mit Respekt“ zur Kenntnis. Ihre Ankündigung zurückzutreten, wenn der Doktorgrad entzogen wird, gilt für die Familienministerin längst nicht mehr. Sie wäre gern die erste Bundespolitikerin und spätere Landespolitikerin, die es politisch überlebt, mit allen Konsequenzen des Plagiats überführt worden zu sein.

„Zu spät, um mit Anstand aus der Nummer herauszukommen“


Aus der Politik kommt Gegenwind, selbst ihr Amtsvorgänger als Bezirksbürgermeister in Neukölln Heinz Buschkowsky (SPD) findet, Giffeys Verzicht komme „viel zu spät, um mit Anstand aus der Nummer herauszukommen“. Auch in der SPD wird ihre Entscheidung mit Skepsis gesehen. Schließlich liegen die Plagiatsaffären im Falle zu Guttenbergs und Schavans noch nicht so lange zurück, dass die Genossen vergessen haben könnten, wie scharf sie damals geschossen und im Falle eines Entzugs den Rücktritt gefordert hatten. Daran hat am Wochenende auch die CDU-Spitze erinnert. Es gehe jetzt darum, ob eine Exzellenzuniversität richtig gearbeitet habe oder ein Auge zudrücken wolle. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, erwarte man, dass die SPD ihre moralischen Maßstäbe für wissenschaftliche Plagiate wie in der Vergangenheit auslege.

F+ FAZ.NET komplett

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN


Möglicherweise hofft Giffey darauf, dass der Präsident der FU, der Mathematiker Günter Ziegler, auf eine abermalige Prüfung verzichtet. In seinem Ermessen läge das durchaus. Damit würde allerdings der immense Imageschaden für die Exzellenzuniversität nur noch vergrößert. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte übrigens mit einem ähnlichen Schritt versucht, die untadelige Überprüfung seiner Dissertation durch die Universität Bayreuth abzuwenden – doch die ließ ihn nicht gewähren.


Ein Doktorgrad kann nicht einfach wie ein ungeliebtes Schmuckstück zurückgegeben oder durch einen einsamen Entschluss abgelegt werden. „Ein Doktorgrad wird durch einen hoheitlichen Verwaltungsakt verliehen, der so lange Bestand hat, bis er durch einen anderen Hoheitsakt aufgehoben wird“, sagte der Bonner Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz der F.A.Z. Ob die Betroffene den Grad sichtbar führe oder nicht, sei für Bestand und Wirkung des Grades irrelevant. „Es handelt sich eben nicht um einen ,Doktortitel‘ zum persönlichen Schmuck, sondern um den Nachweis erfolgreicher Graduierung“, erläuterte Gärditz und verwies darauf, dass eine neuerliche Überprüfung schließlich nicht dazu diene, irgendeine Anrede unsichtbar zu machen, sondern einen Fehler in der Vergangenheit im Interesse redlicher Graduierung zu bereinigen.


Für denkbar hält es Gärditz, dass die Universität die Arbeit in einem zweiten Verfahren überprüft und der Präsident sich am Ende gegen eine Entziehung entscheidet. Das wäre allerdings „unzulässiger Ermessensfehlgebrauch“. Denn das Ermessen sei am „Zweck der Norm auszurichten, die hier in dem Schutz lauterer Graduierungspraktiken sowie der Qualität erteilter Grade besteht“. Inwieweit Giffey den Grad sichtbar mache, könne für eine pflichtgemäße Ermessensausübung nicht maßgeblich sein.


Wenn die FU also nicht alle Wissenschaftsorganisationen gegen sich aufbringen will, bleibt ihr nichts anderes, als ein über jeden Zweifel erhabenes Verfahren zu organisieren. Und das bedeutet auch, nicht die gleiche Kommission, die erwartungsgemäß aus Tanja Börzel verbundenen Wissenschaftlern besteht, noch einmal zu beauftragen. Überraschend kommt die enge Verbindung zur Doktormutter Giffeys schon deshalb nicht, weil sie trotz ihrer Befangenheit selbst an der Einsetzung der Prüfungskommission beteiligt war und außerdem gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Risse mit enormen Drittmittelmengen dafür gesorgt hat, das Otto-Suhr-Institut vollkommen umzustrukturieren und viele neue Wissenschaftler zu etablieren.


Ein zweites glaubhaftes Verfahren kann die FU nur ohne Börzel mit externer Kompetenz abwickeln – und zwar mit politikwissenschaftlicher, juristischer und wissenschaftssystematischer Expertise. Dazu gehört auch, die künftigen Schritte transparent zu kommunizieren. Doch die FU setzt die gleiche Informationspolitik fort, mit der sie Journalistenfragen schon im vergangenen Jahr begegnet ist. Nachdem die Wochenzeitung „Zeit“ und der „Tagesspiegel“ die Namen der Mitglieder des Prüfungsgremiums veröffentlicht hatten und die FU um eine Bestätigung gebeten wurde, hieß es nur schmallippig: „Zum Schutz der Beteiligten können wir Ihnen die Namen der Mitglieder des Gremiums nicht mitteilen. Zudem sollen die Namen nicht publiziert werden, um die Unabhängigkeit und Vertraulichkeit des Verfahrens zu sichern: Dies gilt auch für den Fall einer Wiedereröffnung des Verfahrens.“ Mit anderen Worten: Man wird genauso undurchsichtig weiterwursteln wie schon bei der ersten Überprüfung. Man werde es nicht einfach hinnehmen, wenn die FU die wissenschaftliche Redlichkeit derart mit Füßen trete und womöglich auf ein neues Prüfverfahren verzichte, kündigte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, der Kölner Völkerrechtler Bernhard Kempen, gegenüber der F.A.Z. an.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot