Grüne und Pädophilie

Im Schatten des Liberalismus

Von Franz Walter
17.11.2014
, 16:56
Mehr Schatten als Leitbild: Die Grünen müssen sich mit dem erschreckend unrühmlichen ersten Kapitel ihrer Geschichte befassen.
Als sich die Grünen Ende der siebziger Jahre als Partei konstituierten, war der Boden für eine Affirmation der Pädophilie längst bereitet. Am Wochenende wollen sie sich auf einem Parteitag mit den zynischen und kruden Thesen beschäftigen, die in ihren Reihen vertreten wurden.

Das Jahr 2013 markiert gewiss eine Zäsur in der Geschichte der Grünen: Als jäh eine Debatte über Pädophilie ausbrach und über Monate anhielt, war die Sprachlosigkeit der früheren Rhetoren der Gesellschaftskritik aus der erörterungsfreudigen Diskursgeneration groß. Das zuvor so übergewichtige Selbstbewusstsein, das sich gerade im moralischen Anspruchspathos offenbarte, Partei der kritischen Aufklärung zu sein, war mit einem Mal verschwunden. Der Versuch, zu erklären, zu erläutern, auch zu historisieren, was wieso in den frühen 1980er Jahren an pädophilen Forderungen in Programme und Manifeste eindrang, wurde gar nicht erst unternommen. Stattdessen legte sich bei den Grünen im Jahr der Bundestagswahl stumme Furcht über die verdrängten Seiten der eigenen Geschichte.

Dergleichen Quietismus in Bezug auf die Geschichte der zurückliegenden Dekaden in (West-)Deutschland war neu und ungewohnt. Denn bis dahin hatte die Partei die Jahrzehnte seit 1968 gerne als eine Ära vermehrter Liberalität, kosmopolitischer Weltoffenheit, ökologischer Sensibilität und gelassener Toleranz gegenüber Minderheiten beschrieben, um die damit positiv konnotierten Züge dem eigenen Konto beziehungsweise den von befreundeten oder vorangegangenen sozialen Bewegungen gutzuschreiben. Die Grünen hatten sich selbst stets als entscheidendes Agens der Modernisierung in Szene gesetzt, sich zum kämpferischen Avantgardisten der Befreiung gegen ein durchaus ruppig reagierendes altes Herrschaftskartell stilisiert. Marieluise Beck etwa, eine prominente Grünen-Politikerin der ersten Stunde, bezeichnete es „als historisches Verdienst der Grünen, den Blick für sexuelle Freiheit geöffnet zu haben“.

Absorbiert, nicht initiiert

Was immer man den Grünen an Tüchtigkeiten attestieren mag – die Rolle der Vordenker und Initiatoren der sexuellen Revolution können sie sicher nicht für sich reklamieren; es ist auch nicht besonders ratsam. Die oft gefeierte sexuelle Revolution vollzog sich lange vor Gründung der Partei. Die Grünen absorbierten, was an sozialen Bewegtheiten und Ideen längst aufgekommen war. Die Neugründung der Partei bildete gewissermaßen das Finale einer vorangegangenen autonomen gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Anfänge all dessen lagen in den sechziger Jahren – eben auch die Diskussion über sexuelle Gewalt gegen Kinder. 1964 berichtete die Wochenzeitung „Die Zeit“ über eine Tagung der „Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung“ zum Thema „Das sexuell gefährdete und geschädigte Kind“. Die Bilanz nach zweieinhalb Tagen lautete zwar: „Über die seelischen Folgen bei Kindern, die sexuell missbraucht wurden, ist noch sehr wenig bekannt.“ Doch was an Kenntnissen vorlag, schien eindeutig darauf hinzuweisen, so die Psychologieprofessorin Elisabeth Muller-Luckmann aus Braunschweig, die über „Glaubwürdigkeit kindlicher und jugendlicher Zeugenaussagen bei Sexualdelikten“ habilitiert hatte, „dass alles, was der eigentlichen Tat folgt – Vernehmung, Gerichtsverhandlungen, unüberlegte oder übertriebene Fürsorgemaßnahmen –, das Kind oft stärker belastet als die Tat selbst“.

„Ein Hauch Mittelalter“

Ihre Kollegin, die Psychiaterin Thea Schönfelder aus Hamburg, ging davon aus, dass fast ein Drittel der Mädchen nicht einfach hilflose Opfer waren, sondern „sich eindeutig aktiv verhalten“ hätten. Zwölfjährige Lolitas, so der Berichterstatter der „Zeit“, pflegten die Liebhaber ihrer Mütter zu charmieren und sich alten Männern sexuell provokativ zu nähern. Die Ansicht, dass es sich bei Pädophilie um einen besonders infamen Missbrauch handele, der ein hohes Strafmaß erfordere, wies der Wissenschaftsautor Erwin Lausch in der „Zeit“ als einen „Hauch Mittelalter“ zurück.

In eine ähnliche Richtung, allerdings erheblich selbstbewusster und offensiver, ging Ende der sechziger Jahre der Feuilleton-Chef der „Zeit“, Rudolf Walter Leonhardt, damals eine prägende Deutungsinstanz im deutschen Bildungsbürgertum. 1969 erschien sein Buch „Wer wirft den ersten Stein. Minoritäten in einer züchtigen Gesellschaft“; Vorabartikel daraus druckte die „Zeit“ ab. Mit einem zumindest aus der Retrospektive irritierenden intellektuellem Hochmut mokiert sich Leonhardt über Ängste der „Spießer“. Als Kenner der Weltliteratur bemüht er Edgar Allan Poe, Georg Christoph Lichtenberg, Novalis, natürlich auch „Lolita“ von Vladimir Nabokov, um die Besorgnisse vor pädophilen Übergriffen als Paranoia nahezu der Lächerlichkeit preiszugeben.

Leonhardt hielt ein pathetisches Plädoyer für den kreativitätsfördernden Verkehr großer männlicher Geister mit liebreizenden weiblichen Wesen im Kindesalter. „Es ist auch nicht so entscheidend, wie Moralprediger denken wollen und manche Juristen denken müssen, ob die geschlechtliche Vereinigung wirklich vollzogen wurde oder nicht. Wichtig ist, dass jahrhundertelang ein zwölf- bis fünfzehnjähriges Mädchen als Gegenstand einer erotischen Leidenschaft vorgestellt und nachempfunden werden konnte. Die bezaubernden Geschöpfe in Mythos und Literatur, die viel bewunderten und hochverehrten Exempla großer Liebe, sie waren manchmal jünger als zwölf und selten älter als fünfzehn.“

„Aus Daffke geschrieben“?

Dass Kinder psychische Verletzungen aus sexuellen Beziehungen mit Erwachsenen davontragen könnten, mochte der spätere stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“ partout nicht in Betracht ziehen. Dergleichen Befürchtungen hielt er für „verquere, verquollene Vorstellungen“. 44 Jahre später versuchte sich der damalige stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“, Theo Sommer, an einer Erklärung: Leonhardt, ein „Whiskykenner“ und „Porsche-Fahrer“, der die Anschnallpflicht als Freiheitsbeschränkung ablehnte, habe einfach „aus Daffke“ geschrieben.

1969 und ebenfalls in der „Zeit“ versuchte ein weiterer Kolumnist mittels mehrerer Essays eine Art Renaissance des freudo-marxistischen Sexualtheoretikers und Psychiaters Wilhelm Reich einzuleiten. „Der Mann, der an unsere tiefsten Ängste rührte“, so lautete der Titel eines großen Stücks, das am 10. Oktober 1969 erschien. Mit Reich versuchte der Autor den Lesern klarzumachen, dass die tiefen Defizite an wirklicher Demokratie, die Neigung zu Mystizismen, ja die „Anfälligkeit für faschistische Ideologie“ sich aus einer Quelle speisen: „aus gestauter, unbefriedigender Sexualenergie“. Und der zentrale Ort, in dem dieser Stau determiniert werde, sei „die autoritäre Familie“, in der „die Unterdrückung der Geschlechtlichkeit des Kleinkindes“ die Grundlagen aller persönlicher und gesellschaftlicher Deformationen lege.

Beischlaf, der Gesellschaften sprengt

Das Versprechen Wilhelm Reichs besaß unzweifelhaft eine katalytische Wirkung und „identitätsstiftende Kraft“ für die Erfolge des Achtundsechzigertums. Für junge Leute aus dem alten Bürgertum konnte zu dem Zeitpunkt kaum etwas attraktiver sein als die Verheißung der gesellschaftssprengenden Kraft eines munter praktizierten Beischlafs. Durch die Rezeption von Wilhelm Reich konnte, wer mochte, sich als Pionier einer befreiten Gesellschaft und zugleich als standfester Antifaschist begreifen, wenn man nur alle herkömmlichen Moralvorstellungen beiseitelegte und dem Sexualtrieb freien Lauf ließ. So propagierte es Wilhelm Reich, der in der nichtlimitierten Sexualität der Kinder gar den entscheidenden Ausgangspunkt für eine herrschaftsfreie Gesellschaft und den Gegenpol zu autoritären Regimen sah.

Neben Reich hatte sich in den 1920er Jahren eine Garde linksliberaler Publizisten und Aktivisten verblüffend affirmativ hinter Idee und Praxis des „pädagogischen Eros“ gestellt, die in den reformerischen Landerziehungsheimen verbreitet waren. Als Gustav Wyneken, der charismatisch wirkende Leiter der Freien Schulgemeinde im thüringischen Wickersdorf, 1921 wegen sexuellen Missbrauchs von Schülern zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, gab es einen empörten Aufschrei in der radikaldemokratischen Szenerie der Weimarer Republik. Wyneken reklamierte für sich und seine Handlungen, vom edlen, selbstlosen und gestaltenden Eros beflügelt, nicht von einem egoistischen und rohen Sexualtrieb geleitet worden zu sein. Seine Anhänger im libertären Bürgertum, die sich zu „Wyneken-Kampfausschüssen“ und „-Kampfgruppen“ zusammentaten, hielten den verehrten Erziehungsrevolutionär für ein Opfer der perfiden Kriminalsierung durch die Schulreaktion und eines autoritären Staates.

Festsetzung des sexuellen Übergriffs

Eine Fülle von Presseberichten aus diesem Milieu dokumentiert, wie schon damals die Vorwürfe des Missbrauchs – schließlich an einem als progressiv geltenden Ort der Erziehung „neuer Menschen“ – nicht ernstgenommen, die Übergriffe des bewunderten Pädagogen reflexhaft bagatellisiert oder gar zu einer neuen Kultur der Zärtlichkeit und Offenheit stilisiert wurden. Unter diesem Schutz eines gänzlich unkritischen „kritisch-fortschrittlichen Bürgertums“ konnte sich der sexuelle Übergriff in den Reformschulen, von Wickersdorf bis zum Odenwald, über nahezu ein Jahrhundert fest- und fortsetzen.

In den siebziger Jahren erlebte das Paradigma des „pädagogischen Eros“ eine neuerliche Renaissance. Helmut Kentler, Abteilungsleiter im Pädagogischen Zentrum Berlin, später dann Professor in Hannover, wurde in diesem Jahrzehnt mit seinem Ansatz einer „nichtrepressiven“ Sexualerziehung ein Star der Jugendpädagogik und Sexualwissenschaft. Kentlers bei Rowohlt veröffentlichte Bücher, in denen er Pädophilie mit denkbar großer Sympathie vorstellte, wurden Bestseller. Der Professor kommentierte in Zeitungen, war gefeierter Redner in evangelischen Akademien. Selbst der Deutsche Bundestag lud ihn zu einer Anhörung über den im Sommer 1970 von Justizminister Gerhard Jahn (SPD) vorgelegten Entwurf für ein Viertes Strafrechtsänderungsgesetz als Sachverständigen ein.

Strafen für Missbrauch „nicht notwendig“

Sich seiner vollkommen gewiss, zog er im November 1970 gegen die strafgesetzlichen Regelungen im Sexuellen zu Felde. Kentler sah nicht den geringsten Grund für die Besorgnis, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kindern Letztere traumatisieren könnte. Sein Generalrezept hierfür und allgemein: Man musste mit der Aufklärung und Sexualerziehung einfach früh anfangen und sollte schon in Kindergruppen zu erotisch-libidinösen Beziehungen ermuntern, dann brauchten psychische Traumata nicht mehr befürchtet zu werden. Auch auf die vom Ausschuss vorgegebene Frage, in welchem Umfang es notwendig sei, die sexuelle Ausnutzung von Jugendlichen in einem Erziehungs- und Betreuungsverhältnis strafrechtlich zu unterbinden, hatte Kentler eine unmissverständliche Antwort. Für ihn existierte eine solche Notwendigkeit überhaupt nicht. Denn ihm dünkte es als „absolut unmöglich“, dass in Krankenhäusern, Gefängnissen, Heimen sexuelle Delikte passieren könnten, ohne publik zu werden. Mehr noch: Was sei überhaupt gegen sexuelle Beziehungen zwischen Betreuern und Betreuten zu sagen? Denn schließlich: „Erotische Elemente in Erziehungsprozessen sind sicher höchst wertvoll.“

„Freiwilliger Entschluss von Jugendlichen“

Insgesamt vermutete Kentler, „dass sexuelle Beziehungen im Berufsbereich oder in Bereichen der Erziehung heute weniger durch Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen als durch freiwilligen Entschluss der Jugendlichen zustande kommen“. Überdies diene es der Ich-Stärkung, wenn man Kinder und Jugendliche „der Erfahrung recht gefährlicher Momente“ aussetze, statt sie mit Schonräumen zu entmündigen. Dem Gesetzgeber könne er nur empfehlen, die Finger aus all diesen sexuellen Beziehungen und Vorgängen herauszuhalten. Er plädierte für „völlige Straffreiheit“.

Indes zeigte sich eine Dekade später, dass die Gesellschaft nach der sexuellen Revolution in Medien und Werbung sicher sexualisierter war, aber im Alltag der Bürger nicht wirklich erotischer als zuvor. Der Zwang zur Lust, die Nötigung zum orgiastischen Höhepunkt schien die von der traditionellen Sexualmoral befreiten Menschen erheblich unter Druck gesetzt und gewissermaßen freudloser gemacht zu haben. Die Machtverhältnisse im Kapitalismus hingegen hatten sich im Laufe der Sexualemanzipation nicht verändert, geschweige zu Lasten des Kapitalbesitzes umgekehrt.

Folgen bis in die Gegenwart: Mahntafeln im Jahr 2011 vor der Odenwaldschule, wo es zu systematischem, massenhaften Kindesmissbrauch durch Pädagogen gekommen war
Folgen bis in die Gegenwart: Mahntafeln im Jahr 2011 vor der Odenwaldschule, wo es zu systematischem, massenhaften Kindesmissbrauch durch Pädagogen gekommen war Bild: dpa

Der provokative Gestus von 1968, die Fortschrittsrhetorik der Rebellen, die libertären Sirenengesänge auf ein ungebändigtes, von Regeln gelöstes Leben hatten stattdessen in Managementideologien und Marketingstrategien Eingang gefunden. Die Bohème, die Kulturrevolutionäre, die Nichtkonformisten – anders, als sie selbst von sich dachten – waren keineswegs giftige Stachel im Fleisch einer bürgerlichen Gesellschaft. Sie lieferten vielmehr die Medizin für deren stagnierende Momente. Und sie pflegten alsbald in ein neues Bürgertum aufzusteigen.

FDP lud „Prominente und Päderasten“

Dabei konnten die Grünen in den späten sechziger und siebziger Jahren mangels Existenz noch nicht der erste politische Adressat links-libertärer und spielerisch frondierender Bürgerlichkeit sein. Im Dreiparteiensystem war es die FDP, welche daher auch noch 1980 von der CSU, der Partei des Kanzlerkandidaten der Union, Franz Josef Strauß, als Partei „für Kommunisten, Homosexuelle und Gewaltverbrecher“ geschmäht wurde. Ein Jahr später bot die Bundestagsfraktion der FDP Helmut Kentler (und anderen ihm verbundenen Professoren) eine politische Bühne zur Lancierung seiner sexualpolitischen Maximen. Zu einer Party anlässlich des FDP-Bundesparteitags im Herbst 1982 in Berlin wurden zu Bier und Bouletten „Lesben und Liberale, Schwestern und Schwätzer, Prominente und Päderasten“ eingeladen.

Noch unmissverständlicher artikulierten sich die Jungdemokraten, auch dort mit einer Mischung aus radikalliberalen Bestrebungen und libertären Sexualvorstellungen. Die „Judos“, denen nachmals prominente „Grüne“ wie Claudia Roth, Jürgen Reents und (als stellvertretender Bundesvorsitzender und Bundesschatzmeister) Roland Appel angehörten, firmierten bis 1982 als offizieller Nachwuchsverband der FDP. Und sie waren große Bewunderer von Helmut Kentler. Anfang der achtziger Jahre kam dieser ausführlich in einer weitverbreiteten Broschüre zu Wort, die den Titel „Solidarität und Erotik“ trug. Kentler gab dort zum Besten, dass er, unterstützt von einer sozialdemokratischen Senatorin in Berlin, „jahrelang mit ausgesprochenen Unterschichtjugendlichen gearbeitet“ habe. „Wir haben sie teilweise unterbringen können, bei teilweise sehr einfach gelagerten Männern, zum Beispiel Hausmeistern, die pädophil eingestellt waren. Sie haben dort ein Zuhause gefunden, sie haben Liebe gefunden.“

Jungen an straffällige Pädophile vermittelt

Einige Jahre später beschrieb Kentler in einem Gutachten für das Land Berlin ein weiteres Mal, wie er im Gefängnis Tegel drei wegen sexueller Kontakte zu minderjährigen Jungs straffällig gewordene Hausmeister aufgestöbert habe, die er gleichsam zu Herbergsvätern für „jugendliche Herumtreiber“ machte. Der Auftrag für das Gutachten durch die Senatsbehörde erging am 29. März 1988. Berlin wurde inzwischen schwarz-gelb regiert. Die zuständige Jugendsenatorin Cornelia Schmalz-Jacobsen gehörte der FDP an.

Auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz im März 1980 hatten die Jungdemokraten eine Resolution verabschiedet, die in Pädophiliezirkeln triumphierend vervielfältigt wurde: „Keine Bestrafung der freiwilligen und einvernehmlichen Sexualität. Die Paragraphen 173 (Inzest), 174 (Sexualität mit Schutzbefohlenen), 175 (besonderes ,Schutzalter‘ für männliche Homosexuelle), 176 (Sexualität mit Kindern) sind zu streichen.“ Zwei Jahre später, auf der letzten Bundesdelegiertenkonferenz der Judos als an der FDP orientierter Verband, wurden „Thesen zum Sexualstrafrecht“ beschlossen: „Da sich die Jungdemokraten für die Emanzipation unterdrückter gesellschaftlicher Gruppen einsetzen – im Sexualbereich sind dies vor allem Frauen, Homosexuelle und Kinder –, fordern sie die Abschaffung des Sexualstrafrechts. Dies ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für eine Humanisierung des menschlichen Sexualverhaltens.“

Organisiert in der Humanistischen Union

Zahlreiche Jungdemokraten und Linksliberale in der FDP gehörten der Humanistischen Union (HU) an, die sich 1961 als bürgerrechtliche und kirchenkritische Organisation überwiegend radikaldemokratischer Akademiker gegründet hatte. Was in linkslibertären Kreisen fortan im Schwange war, fand in aller Regel auch seinen Weg in die Ortsverbände oder Sektionen der Humanistischen Union. Natürlich spielte hier auch Helmut Kentler als Autor, Referent und später Kuratoriumsmitglied eine wichtige Rolle. Erste große Debatten über Pädophilie beziehungsweise eine Revision oder gar Streichung der Strafrechtsparagraphen 174 und 176 fanden zwischen 1973 und 1975 statt. Der HU-Arbeitskreis „Erziehung zur Erziehung“ gab 1973 die Erklärung ab: „Uns erscheinen die §§ 174 und 176 (und wohl auch die anderen Unzuchtgesetze) als überflüssig, ja schädlich.“ Denn so werde „Sexualität und Verbrechen geradezu gleichgesetzt“.

Auf einer Tagung der HU über „Kinderfeindlichkeit in der Bundesrepublik – Situation einer wehrlosen Minderheit“, die am 3. und 4. November 1973 in Köln stattfand, fordert der dort eingerichtete Arbeitskreis zur „Lustfeindlichkeit pädagogischer Institutionen“ abschließend: „Die §§ 174 I 1 StGB und 176 Ziff 3 StGB (unzüchtige Handlungen mit Abhängigen) sind ersatzlos zu streichen.“ Zärtlichkeit „auf freiwilliger Basis“ sei „zu fördern, nicht zu bestrafen. Erpressungsmöglichkeiten und Verketzerungen der sogenannten Täter entfallen“.

Neue Durchschlagkraft in einer Partei

Als die Grünen sich konstituierten, nahmen sie gleichwohl nicht nur auf, was sich zuvor an unterschiedlichen Stellen zu den heterogensten Themen als soziale Bewegungen formiert hatte. Personen, die im Übergang der siebziger zu den achtziger Jahren in vielerlei Hinsicht die Grenzen des separaten Engagements erfahren hatten, konnten nun hoffen, durch die parteipolitische Neubündelung zusätzlich Durchschlagskraft zu gewinnen. Die Grünen schöpften aus dem Lebensgefühl und dem Wertewandel der vorangegangenen fünfzehn Jahre. Was immer sich im libertären Teil des nachgewachsenen bundesdeutschen Bürgertums seit Mitte der sechziger Jahre an Vorstellungen und Projekten verbreitet hatte, es floss überwiegend in die Programmatik der Grünen ein. Die neue Partei gewährte allen möglichen Minderheiten nicht nur aus taktischen Gründen eine Nische, sondern sah in einem solchen eigenen Raum den neuen Ort elementarer repressionsfreier Basisbeteiligung. Ebendas bot Minoritäten in dieser Sattelzeit der grünen Partei die probate Gelegenheit, mittels des kategorischen Imperativs der absoluten Toleranz sich auf Foren und Konferenzen der Partei überproportional viel Gehör und Geltung zu verschaffen.

Einigen Grünen gingen die oft herrischen, zuweilen wirr auftretenden Redner verstiegener Konventikel mit der Zeit auf die Nerven. Aber sie trauten sich nicht, disziplinierend einzuschreiten, schon gar nicht die Ordnungskräfte des seinerzeit noch misstrauisch betrachteten Repressionsstaates um Hilfe zu ersuchen.

Minderheiten aller Art vor Kriminalisierung geschützt

Ein Teil der Grünen hatte also jene Positionen aufgesogen, die von einer Fundamentalliberalisierung kündeten, weshalb in den frühen 1980er Jahren der Kampf gegen „Repression, Kriminalisierung, Ausgrenzung“ gleichermaßen als Kernelement der eigenen Parteibildung firmierte. Die Grüne Partei war damals so etwas wie ein Amalgam aus, erstens, eher wertkonservativen, an Nachhaltigkeit, gar Askese orientierten Ökologen und, zweitens, Vertretern libertärer, radikaldemokratischer, auch stark hedonistisch-individualistischer Positionen und schließlich, drittens, ernüchterten Exkadern aus dem bunten Spektrum maoistischer-kommunistischer Sekten der Siebziger.

Das pädophile Element war gewiss nicht Konstitutionsfaktor oder Wesenszug einer ökologischen Ideologie, auch nicht Bestandteil einer marxistischen Linken. Es stand vielmehr zeitweilig in erster Linie unter dem Schutzschild radikaler Demokraten aus der linksliberalen Tradition der Reformkräfte im bundesrepublikanischen Bürgertum, das Minderheiten aller Art in ihrer Façon lassen, jedenfalls vor „Kriminalisierung“ schützen wollte.

Die Schattenseiten einer Deregulierung des Sexualstrafrechts blieben zunächst ausgeblendet. Bei den Grünen wie zuvor bei den Bürgerrechtsliberalen sah man anfangs über die strukturellen Macht- und Durchsetzungsdifferenzen zwischen Erwachsenen und Kindern hinweg. Man setzte sich nicht damit auseinander, wie subtil der Wille von Kindern jenseits der Anwendung von Gewalt gebrochen werden kann und welche belastenden Auswirkungen das auf die weitere Biographie haben musste.

Ideologisch unterfütterte Minoritätssympathie

Je stärker die Parteibildung voranschritt, die sozialen Bewegtheiten erschlafften und die Akteure des Alternativen an Alter und wohl auch an Reife zulegten, desto mehr schwanden Langmut und Nachsicht mit skurrilen Politforderungen. Die zunächst noch als unantastbar deklarierten Wesensmerkmale der Anti-Parteien-Partei – Öffentlichkeit aller Beratungen, Rotation der Mandatsträger, imperatives Mandat, strikte Basisdemokratie – büßten bald an Bedeutung und Verbindlichkeit ein. In diesem Transformationsprozess verarbeiteten die Grünen auch den Einbruch pädophiler Programmatik. Deren Ideologen hatten bei den Grünen in der ersten Hälfte der achtziger Jahre Freiräume vorgefunden und eine kurze Zeit lang nicht ungeschickt nutzen können.

Mehr Schatten als Leitbild: Die Grünen müssen sich mit dem erschreckend unrühmlichen ersten Kapitel ihrer Geschichte befassen.
Mehr Schatten als Leitbild: Die Grünen müssen sich mit dem erschreckend unrühmlichen ersten Kapitel ihrer Geschichte befassen. Bild: Picture-Alliance

Das war, nochmals, Folge und Konsequenz der ideologisch unterfütterten Minoritätssympathie im grün-alternativen Milieu. Doch stießen die Befürworter pädophiler Sexualität von Beginn an auch auf vehemente Einsprüche und Gegenreden. In dem Maße, in dem die Parteiöffentlichkeit, sicher nicht zuletzt nach medialer Kritik an pädophilen Parteitagsanträgen, das Thema ernst nahm, in dem Maße geriet die pädophile Apologie ins Hintertreffen. Bald war es auch in der Gesellschaft insgesamt, selbst in den Teilen des zunächst noch kokett tolerierenden Libertärbürgertums, politisch bedeutungslos.

Licht und Schatten von Deregulierungen

Natürlich: Die sexuelle Liberalisierung steht in der Wahrnehmung der Mehrheit der Deutschen und trotz aller Ernüchterungen auf der Habenseite der Geschichte. Das Renommee der Achtundsechziger-Generation wie der linkslibertären Kultur und die bemerkenswerten Erfolge der Grünen bei Wahlen seit 1979 konnten aus diesem Wohlwollen gegenüber der Deregulierung zuvor eng gefasster Normen und autoritärer Kontrollbefugnisse schöpfen. Doch hat die Transzendierung konventioneller Reglements ebenfalls Lasten bereitet, Verlierer zurückgelassen, ja: Schäden und Geschädigte hervorgebracht.

Im Grunde weist die Diskussion über Pädophilie auf die immer wiederkehrenden Aporien von Modernisierungs- und Emanzipationswellen hin. Sie erweitern Räume, sie vervielfältigen die Optionen, sie eröffnen neue Chancen. Das ist die eine Seite, die mit Recht vielfach goutiert wird. Zur anderen Seite jedoch gehören unvermeidlich Destruktionen und Verluste. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Auf Phasen radikaler Deregulierung pflegen längere Momente zu folgen, in denen über neue Grenzziehungen nachgedacht wird. Das Jahr 2013 war so ein Moment. Er dürfte noch nicht zu Ende sein. Der dialektische Prozess von traditionskritischer Entbindung und einhegender Rückbindung geht weiter. Diese Entwicklung vollzieht sich nicht hinter dem Rücken politischer und gesellschaftlicher Akteure. Sie tragen vielmehr Verantwortung für Richtung und Ziel solcher Prozesse, nicht nur für das Licht, sondern auch für die Schatten, die – dadurch – geworfen werden.

Parteien, aber keineswegs nur sie, neigen dazu, sich historischer Verantwortlichkeiten solcher Art in aller Stille zu entledigen. Aber irgendwann werden sie dann doch von dem eingeholt, was sie tief vergraben meinten und aus den Erinnerungen hatten tilgen wollen. Die Grünen haben diese Lektion zuletzt, erkennbar wider Willen, lernen müssen. Auf ihrem Parteitag am Totensonntag-Wochenende im November soll über die Vergangenheit, von der hier geschrieben wurde, nunmehr auf der höchsten Ebene grüner Willensbildung gesprochen werden.

Franz Walter, Jahrgang 1956, lehrt seit dem Jahr 2000 Politikwissenschaft an der Universität Göttingen, anfangs mit dem Schwerpunkt Parteienforschung. Mittlerweile bildet das von Walter im Jahr 2010 begründete Göttinger Institut für Demokratieforschung einen einzigartigen Schnittpunkt von Gesellschaft und Politik- sowie Sozialwissenschaft. In der vergangenen Woche legte das Institut unter dem Titel „Die Grünen und die Pädosexualität“ die Ergebnisse jener Forschungen vor, mit denen die Wissenschaftler im Juni 2013 vom Bundesvorstand der Grünen beauftragt worden waren. (F.A.Z.)
Quelle: F.A.Z.
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