Vorwürfe bei Missbrauchsfällen

Hamburger Erzbischof lässt Amt als Geistlicher Assistent ruhen

Von Daniel Deckers
Aktualisiert am 19.11.2020
 - 21:57
Steht massiv unter Druck: der Hamburger Erzbischof Stefan Heße
Nach Informationen der F.A.Z. will Stefan Heße sein Amt als Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vorerst nicht mehr ausüben. Dem Hamburger Erzbischof wird in Bezug auf die Missbrauchsfälle von 2010 und 2011 schwere Rechtswidrigkeit vorgeworfen.

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße will sein Amt als Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) bis auf Weiteres nicht mehr ausüben. Nach Angaben von Teilnehmern einer kurzfristig für Donnerstagabend anberaumten Sondersitzung der Vollversammlung des ZdK sagte Heße, er wolle dieses Amt bis zur Klärung aller Vorwürfe hinsichtlich möglichen Fehlverhaltens bei der Behandlung von Missbrauchsfällen während seiner Zeit als vormaliger Hauptabteilungsleiter Personal-Seelsorge im Erzbistum Köln ruhen lassen.

Noch am Nachmittag hatte Heße gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) einen Bericht der F.A.Z. im Wesentlichen bestätigt, wonach ihn der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki ihn schon am 1. April 2019 davon in Kenntnis gesetzt habe, dass er sich zusammen mit anderen Verantwortlichen in den Jahren 2010/2011 in einem Fall schweren sexuellen Missbrauchs Minderjähriger „in mehrerer Hinsicht rechtswidrig“ verhalten habe. Heße bestritt aber weiterhin jede persönliche Schuld und machte die Juristen des Bistums dafür verantwortlich, dass die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre nicht mit dem Fall befasst wurde.

Schwere Verfehlung bei Missbrauchsfällen 2010

Unbestritten ist indes, dass der heutige Hamburger Erzbischof im Herbst 2010 eine Telefonnotiz mit seiner Paraphe abzeichnete, in der es hieß, von einem Gespräch des mutmaßlichen Täters, in dem dieser „hier alles erzählt“ habe, aber „von uns aus kein Protokoll“ gefertigt werde, „da dieses beschlagnahmefähig“ wäre. Es bestünden lediglich „eigene handschriftliche Notizen“, die „notfalls vernichtet werden“ könnten. „Prälat Dr. Heße ist mit dem Prozedere einverstanden.“ Die Leitlinien des Erzbistums zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs sahen in Fällen wie diesen jedoch sowohl die Erstellung eines von beiden Seiten zu unterzeichnenden Protokolls sowie einer psychiatrischen Begutachtung von sexuell gewalttätigen Klerikern vor.

Der Vorsitzende des Zentralkomitees, Thomas Sternberg, hatte noch vor wenigen Tagen keine Veranlassung gesehen, dass sich die Vollversammlung an diesem Freitag überhaupt mit den jüngsten Entwicklungen in der Kirche bei der Aufklärung sexueller Gewalt befasst. Er wurde durch die die jüngsten Berichte über die Unterdrückung eines Gutachtens über sexuellen Missbrauch im Erzbistum Köln ebenso in die Defensive gedrängt wie der Hamburger Erzbischof durch die Enthüllungen über sein wohlwollendes Verhalten gegenüber einem Täter bei gleichzeitiger Missachtung der Betroffenen.

Am Abend zollte Sternberg Heße seinen Respekt. Intern hatte er sich in den vergangenen Tagen immer wieder schützend vor den Hamburger Erzbischof gestellt. Heße setzt nun auf ein Gutachten über den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln, das im September bei einer Kölner Strafrechtskanzlei in Auftrag gegeben wurde. Sternberg wiederum muss am Freitag den Mitgliedern der Vollversammlung über sein devotes Agieren an der Spitze der Laienorganisation Rechenschaft ablegen. Nicht auf ihn, sondern auf andere Mitglieder des Präsidiums ging der Druck zurück, Heße zum einstweiligen Rückzug zu bewegen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Deckers, Daniel
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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