Hannover

Die schwindende Kultur des Schonens

Von Robert von Lucius, Hannover
16.12.2011
, 08:44
Der schöne Schein hat nicht getrogen: Hannover, die Stadt, in der sich viele gut verstanden
Der Kitt der „Erbfreundschaften“ um Bundespräsident Wulff bröckelt. Die Hannoveraner Verbindungen von politischer Macht, Geschäftsinteressen und Rotlichtmilieu scheuen inzwischen zumindest das Tageslicht.

Die Schlagzeilen der vergangenen Tage ähnelten sich: Sie sprachen von der „Hannover-Bande“, vom „Klüngel von der Leine“, Hannovers berühmten „Erbfreundschaften“ und vom Sumpf, in dem Karrieren blühen. Der Eindruck hat sich verfestigt, dass es in Hannover eine Gemengelage gebe zwischen „schillernden“ Unternehmern und Politikern, die es in dieser Form anderswo nicht gebe.

Ob das zutrifft, ist nicht gewiss - möglicherweise gibt es nur entsprechende Berichte aus Köln oder München nicht. Ungewöhnlich ist in Hannover jedenfalls, dass viele der Landespolitiker anschließend in Berlin eine herausgehobene Rolle spielten: Gerhard Schröder, Christian Wulff, Philipp Rösler, Ursula von der Leyen, Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier, Patrick Döring, Peter Struck, Brigitte Zypries sind nur einige von vielen. Die meisten von ihnen arbeiteten auch irgendwann in der niedersächsischen Staatskanzlei. In früheren Jahren umfasste der Kreis auch Ernst Albrecht und Walther Leisler Kiep. Wenn man auf ganz Niedersachsen blickt, kommen weitere dazu von Jürgen Trittin über Thomas Oppermann bis zu Hubertus Heil.

Stadt des Maßes und des Mittelmaßes

Da mag die geographische Nähe zu Berlin zumindest im letzten Jahrzehnt eine (wiewohl geringe) Rolle spielen - ein Besuch in der Bundeshauptstadt ist für Hannoveraner nur ein kurzer Sprung, während er für Stuttgarter oder Mainzer eine halbe Tagesreise ist. Ein weiterer Grund mag die politische Wechsellage sein: Niedersachsen ist weder typisches CDU- noch SPD-Stammland. Es ist indes ein Trendland, in dem Farbspiele von Rot-Grün bis Schwarz-Gelb früh erprobt und dann anderswo fortgesetzt werden.

Alte Zeiten: Öffentliche Begegnungen mit Maschmeyer scheint Wulff inzwischen zu scheuen
Alte Zeiten: Öffentliche Begegnungen mit Maschmeyer scheint Wulff inzwischen zu scheuen Bild: dpa

Hannover ist zudem, anders als München oder Köln, eine Stadt des Maßes und des Mittelmaßes, der Gewerkschaften und des Mittelstandes - Ausschläge nach unten oder oben fehlen weitgehend. Der Umgang miteinander ist, norddeutschem Stil entsprechend, pfleglicher als anderswo. Man zerfleischt sich weder zwischen den Fronten noch innerhalb der Parteien, wie das in manchen anderen Ländern der Brauch ist. Auch das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern ist geprägt von einem Begriff, den Thomas de Maizière in vertrautem Kreis mit „Vertrauen gegen Loyalität“ umschrieb.

Zurückhaltende Lokalmedien

Nach außen sichtbar wurde das am Verhältnis zwischen den Regierungsparteien CDU und FDP. Die Koalition in Hannover war und ist von gegenseitigem Respekt getragen und von Geschlossenheit zumindest nach außen, auch von persönlichen, also echten Freundschaften. Rösler erfuhr, dass es auch andere Umgangsformen unter „Freunden“ gibt, nach seinem Umzug nach Berlin. Das dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, warum es Ministerpräsident David McAllister zumindest auf absehbare Zeit nicht in seine Geburtsstadt Berlin zieht.

Diese Nähe und Kultur des Schonens erstreckt sich bisweilen auf die lokalen Medien. Über die Rockerbande Hell’s Angels, die in Hannover ihre stärkste Basis findet, und deren Einfluss berichtete vor allem der Bremer „Weser-Kurier“; die hannoverschen Zeitungen taten das eher spät und zurückhaltend. Ähnlich war es zumindest bis vor kurzem bei Berichten über den hannoverschen Unternehmer Carsten Maschmeyer, der stärker als wohl jeder andere in diesem Gemisch Kontakte und „Freundschaften“ pflegt. Über ihn berichtete der Norddeutsche Rundfunk mehrfach. Koordiniert werden diese Berichte in Hamburg, nicht im großen Funkhaus Hannover.

Ende der Schonzeit

In einer derart bewährten Kultur des Schonens mag mancher Politiker darauf vertraut haben, dass das immer so bleibe. Er mag darüber großzügig geworden sein beim Abgrenzen, was geht und was nicht. Doch die Phase der Schonzeit scheint sich dem Ende zuzuneigen. Die Reaktion von Hannoveranern auf die Berichte des letzten Jahres und die der jüngsten Tage schwankt. Die einen sind froh, dass „endlich“ etwas beschrieben werde, was „alle“ wüssten. Andere fühlen sich in ihrem Lokalstolz getroffen und glauben, so untypisch sei das nicht. Wieder andere meinen, das alles sei maßlos übertrieben. Sie verweisen auf viele Politiker, die nicht in jenem Umfeld der Seilschaften auftauchen.

Umzug mit Folgen: In Berlin gibt es andere Umgangsformen unter „Freunden“
Umzug mit Folgen: In Berlin gibt es andere Umgangsformen unter „Freunden“ Bild: dpa

Zu ihnen zählt Wulffs Nachfolger McAllister, der in der Staatskanzlei einen anderen Politikstil einführte. Er scheut die Nähe zu den Menschen nicht, meidet sie aber in den richtigen Fällen. An glanzvollen Auftritten hat er wenig Interesse. Auch viele der großen hannoverschen Unternehmer halten sich bewusst von jenen sich überschneidenden „Freundschaftszirkeln“ fern, die sich gern im Krökelkeller (ein hannoverscher Begriff für Tischfußball) eines „Promi-Anwalts“ oder im Weinkeller eines Finanzdienstleisters trafen.

Geerkens wurde fast zum Vaterersatz

Ein anderer Treffpunkt, in dem sich diese Kreise überschneiden, wird wenig beachtet: die Fußballarena von Hannover 96, in deren VIP-Lounge oder bei deren Sommerfesten sich Politiker und Unternehmer beständig über den Weg laufen. Es ist kein Zufall, dass der hannoversche Oberbürgermeister Stephan Weil, Spitzenkandidat der SPD im nächsten Landtagswahlkampf, dem Spiel lieber in der Fankurve zuschaut als im bevorzugten Treffpunkt der „Elite“. Hannover 96 hat zu Wochenbeginn den Sponsorenvertrag mit AWD vorzeitig bis 2013 verlängert. Die Arena am Maschsee trägt so weiterhin den Namen AWD-Arena, wie der AWD-Kommunikationsdirektor Béla Anda (vor seinem Wechsel zu AWD war er Regierungssprecher Schröders in Berlin) mitteilte.

Nicht jeder „Fall“, der zuletzt Aufmerksamkeit auf sich zog, fällt in das gleiche Muster. Die Freundschaft Wulffs zum Osnabrücker Unternehmer Egon Geerkens und dessen Frau ist alt - sie geht zurück auf die Jugendtage Wulffs, für den Geerkens fast zum Vaterersatz wurde. Ein Politiker, der Wulff und Geerkens seit Jugendtagen kennt, berichtet, Geerkens handele im Verhältnis zu seinem Ziehsohn ohne Eigennutzabsichten. Dazu kommt, dass Geerkens, als seine Frau dem damaligen Ministerpräsidenten den Kredit über eine halbe Million Euro gab, sich aus gesundheitlichen Gründen schon aus dem Wirtschaftsleben und aus Niedersachsen zurückgezogen hatten.

„Geschmäckle“

Eine Einladung zum Sommerfest des Bundespräsidenten oder eine selbstbezahlte Mitreise bei einer Auslandsreise des Ministerpräsidenten ohne weiter gehende Absichten würden auch keine besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen - gäbe es nicht die „Vorgeschichten“ und nicht die Verwunderung darüber, dass der Bundespräsident, wiewohl gewarnt, nicht frühzeitig offen mit solchen Vorfällen umging und nicht überall genügend Abstand hielt.

Freunde: Schröder (links) und Maschmeyer
Freunde: Schröder (links) und Maschmeyer Bild: dapd

Bei Wulff waren das die Hochstufung eines Ferienfluges nach Florida und der Urlaub in der Villa Maschmeyer direkt nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten, die ein „Geschmäckle“ hatten, weniger der Privatkredit oder die Unterkunft im Haus Geerkens in Florida. In der Aneinanderreihung aber fällt das auf Wulff zurück.

Maschmeyers prominente Freunde

Die Gruppe, die sich in unterschiedlicher Zusammensetzung immer wieder einmal trifft, ist, auch das wohl eine hannoversche Eigenheit, parteiübergreifend. Eine Kernfigur, dessen „Freundschaft“ zu Schröder fast nahtlos und zeitweise parallel auf Wulff überging, ist dabei der AWD-Gründer Maschmeyer, der zu der Finanzierung des Wahlkampfes von Schröder 1998 beitrug und später Rechte an Schröders Autobiographie erwarb.

Maschmeyer rühmt sich weiterhin gern seiner prominenten Freunde - neben „Gerhard und Christian“ zählt er Ursula von der Leyen dazu, seit sie vor 30 Jahren beim selben Medizinprofessor im Anatomiesaal studierten. Ein anderer führender Unternehmer des Landes, der Freundschaften zu Schröder wie auch zu Wulff pflegt, ist der RWE-Chef Jürgen Großmann, der eher in Osnabrück denn in Hannover daheim ist - wie im Falle Maschmeyers scheint indes auch seine Glückssträhne auszulaufen.

Fotos, auch öffentliche Begegnungen mit Maschmeyer scheint Wulff inzwischen zu scheuen. Schröder löste die Bürogemeinschaft mit der Rechtsanwaltskanzlei Götz von Fromberg auf und suchte ein eigenes Büro. Auch Fromberg, der ebenfalls zu einer Kernfigur der Hannover-Gruppe gerechnet wird, zieht nun Trennlinien. Die Hannoveraner sind offenbar sensibilisiert. Die Verbindungen von politischer Macht, Geschäftsinteressen und Rotlichtmilieu, über die der Niedersächsische Landtag seit gut einem Jahr nun immer wieder in Anfragen und Debatten spricht, scheuen inzwischen zumindest das Tageslicht.

Quelle: F.A.Z.
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