Nach der Hochwasserkatastrophe

„Irgendwann funktioniert man nur noch“

Von Isabel Fisch, Waxweiler
18.07.2021
, 09:34
Hochwasser in der Eifel: Nach der Flut
In der Eifel stand nahezu jedes Dorf an Nims, Prüm und Kyll unter Wasser. Erst jetzt sieht man das Ausmaß der Zerstörung.

Edith Reinert wohnt nur wenige Meter von ihren Nachbarn entfernt. Sie rechts der Prüm, die anderen links davon. Eine Brücke trennt die beiden Häuser voneinander – normalerweise. Doch seit Mittwoch ist in Waxweiler im Eifelkreis Bitburg-Prüm nichts mehr, wie es war. Stundenlanger Dauerregen ließ gegen 17 Uhr den Pegelstand von Prüm und Weiherbach ansteigen, die durch den Ortskern fließen. Die kleinen Flüsse wurden zu einem reißenden Strom. Über 50 Häuser standen unter Wasser. Die beiden Familien wurden in ihren Häusern eingeschlossen.

„Das Haus hat gezittert“

Für Reinerts Nachbarn, die rechts der Prüm wohnen, waren es Stunden voller Angst. Weil das Gemäuer der alten Mühle einzustürzen drohte, mussten sie sich auf das Hausdach retten, sagt Wehrführer Stefan Hagedorn, der den Einsatz in Waxweiler koordiniert: „Das Haus hat gezittert.“

Er und die Hilfskräfte versuchten alles, um die drei zu retten. Doch weder ein Boot noch Strömungsschwimmer der DLRG kamen gegen die Wassermassen an. Auch der Rettungsversuch mit einem Kran scheiterte. Gegen 4 Uhr morgens forderten die Kräfte einen Rettungshubschrauber an – weil keiner verfügbar war, musste die Familie auf dem Dach ausharren, bis die Bundespolizei sie gegen 12 Uhr mittags via Luft in Sicherheit bringen konnte.

Dort, wo früher das andere Ufer der Prüm war, streckt Edith Reinert den Kopf aus ihrem Fenster. Aus dem zweiten Stock schaut sie entsetzt dem Treiben vor ihrem Haus zu, das wie ein Fels aus den Wassermassen herausragt. In ihrem Hof steht noch immer knietief das Wasser, die Haustür ist verrammelt. Auf den Straßen liegt Schlamm, Treibgut, Unrat. Ein Feuerwehrschlauch pumpt überflutete Keller der Nachbarschaft leer.

Ein halbes Dutzend Feuerwehrkräfte steht ratlos vor dem, was von der ehemaligen Brücke übrig geblieben ist. Die Fluten haben einen Baum und eine 16 Tonnen schwere Holzbrücke etwa einen Kilometer lang mitgerissen, ehe sie in die Brücke im Ortskern von Waxweiler krachten. Ein paar Meter weiter fand ein Traktor an einer Hauswand Halt. Hagedorn schüttelt den Kopf. „Es war nichts mehr zu halten.“

All das spielt sich direkt vor dem Zuhause von Reinert ab. Und trotzdem ist Gehen für sie keine Option. „Ich bleibe hier“, ruft sie vom Fenster herunter, um das Tosen des Wassers zu übertönen. Denn mit ihr im Haus ist ihre 92-jährige Mutter, bettlägerig und fast blind. Eine Evakuierung, „das wollte ich ihr einfach nicht antun“. Und in Gefahr sei das Haus nicht. Doch die Schlammreste an den Fenstern im Erdgeschoss zeigen: Auch bei ihnen stand das Wasser zwei Meter hoch.

„Wir konnten ihnen einfach nicht helfen“

Rund 30 Kilometer weiter in Messerich durchlebten drei Rettungskräfte Ähnliches: Helfer blieben in den reißenden Wassermassen stecken. „Wir konnten ihnen einfach nicht helfen. Das war das Schlimmste für mich. Mir standen die Tränen in den Augen“, sagt Willi Schlöder, Katastrophenschutzinspektor des Landkreises. Fünf Stunden harrten sie auf dem Dach des Fahrzeuges aus. Dass das so lange gut ging, grenze an ein Wunder, so Schlöder: „Wir dachten, das Auto wird jede Sekunde mitgerissen.“ Im letzten Moment konnten die drei mit einem Bagger gerettet werden.

Wie machtlos man gegen Wassermassen ist, spürte Katastrophenschutzinspektor Schlöder im Jahr 2018 am eigenen Leib. Damals gab es schon einmal ein großes Hochwasser in der Gegend. „Am 1. und am 9. Juni, die Daten werde ich nie vergessen.“

Dieses Mal war er selbst nicht betroffen. Aber er weiß, was auf die Opfer zukommt: Allein die Aufräumarbeiten würden noch Wochen dauern. Bis die weggespülten Straßen, die zerstörten Brücken und kaputten Bahnstrecken wieder intakt seien, vergingen vermutlich Jahre. „Es gab jetzt noch Schäden aus 2018, die noch nicht beseitigt waren.“

Auch in Waxweiler stiegen vor drei Jahren die Pegel. Die Feuerwehr bereitete sich deshalb auf die Regenmassen vor, mit Sandsäcken, Schotter am Ufer und Feldbetten in der Gemeindehalle. Im Stausee Bitburg, der Hochwasser eigentlich zurückhalten soll, wurde vorsorglich Wasser abgelassen. Doch die Pegel stiegen weiter, als sie sich das hatten vorstellen können. „Wir konnten nur noch zugucken“, sagt Wehrführer Hagedorn.

Dieses Mal schwammen die Möbel unter der Zimmerdecke

40 Zentimeter hoch stand das Wasser vor drei Jahren in dem Haus der Reinerts. Es wurde renoviert. Doch dieses Mal schwammen die Möbel unter der Zimmerdecke. Seit ihrer Geburt wohnt Reinert in ihrem Elternhaus – exakt 63 Jahre, denn sie hat am 17. Juli Geburtstag.

Schlöder kommt gerade von einem Rundflug mit einem luxemburgischen Hubschrauber. Er wollte sich ein Bild von der gesamten Lage machen. Für das, was er gesehen hat, findet er keine Worte. „Überall ist Wasser.“ Über 1000 Einsatzkräfte waren in dem Kreis im Einsatz. Doch aus den umliegenden Orten konnte keiner zu Hilfe eilen. Schließlich hatte fast jedes Dorf selbst mit den Wassermassen zu kämpfen.

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Durch die hügelige Landschaft der Eifel rauschte das Wasser auch in Täler, in denen es eigentlich keine Flüsse gibt. Zur Unterstützung kamen deshalb Hilfskräfte Hunderte Kilometer angereist: aus Speyer, Saarbrücken, Kaiserslautern. Immer wieder eilen Flotten der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks und des Roten Kreuzes über die noch befahrbaren Autobahnen zu Hilfe.

Katastrophenschutz als Ehrenamt: Das ist nicht mehr zu leisten

Im Landkreis fiel flächendeckend der Strom aus, der Notruf war nicht mehr erreichbar, der Funk überlastet. Über 70 Straßen und Brücken in der Region sind gesperrt. Die zusammengebrochene In­frastruktur machte es den Kräften nicht leichter. Das THW räumt immer wieder Straßen frei – und sperrt immer wieder neue. Allein im Katastrophenschutzzen­trum in Bitburg koordinieren unentwegt 40 Personen aller Einheiten die Hilfsarbeiten. „Das geht einfach über das Menschenmögliche hinaus“, sagt Schlöder.

Als pensionierter Berufssoldat ist Schlöder ehrenamtlich hier. 36 Stunden sei er schon wach, erzählt er. Katastrophenschutz als Ehrenamt: Viele Landkreise haben durch die Katastrophen der vergangenen Jahre schon erkannt, dass das mittlerweile nicht mehr zu leisten ist. „Anfangs hatten wir keine Maschine und mussten Sandsäcke händisch füllen. Das dauerte natürlich viel zu lange“, sagt er. „Aber irgendwann denkt man gar nicht mehr nach, man funktioniert nur noch.“

Quelle: F.A.S.
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