Homosexualität in Deutschland

Alles andere als selbstverständlich

EIN KOMMENTAR Von Susanne Kusicke
09.01.2014
, 12:55
Polizeieinsatz bei einer Demonstration für Homosexuellen-Rechte im vergangenen Juni im russischen St. Petersburg
Das Bekenntnis von Thomas Hitzlsperger, homosexuell zu sein, stößt auf „Respekt“. Doch das ist oft nur vordergründig. Homosexuelle haben es immer noch schwer – auch in Deutschland.
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Wenn Homosexualität in Deutschland so selbstverständlich akzeptiert wäre, wie es nun in den Medien landauf, landab behauptet wird, warum wird dann überall mit Riesen-Schlagzeilen über die Erklärung Thomas Hitzlspergers berichtet? Diese Frage stellte, nicht zu Unrecht, heute morgen die frühere Bundesliga-Fußballspielerin und Sportwissenschaftlerin Tanja Walther-Ahrens im hessischen Rundfunk.

Die Antwort ist leider einfach: Weil es eben nicht selbstverständlich ist – nicht in der deutschen Gesellschaft insgesamt, und schon gar nicht im Fußballfan-Milieu mit seinem lustvoll hervorgekehrten Männlichkeitsgehabe, das bei der obligatorischen Bierflasche anfängt und mit schwulenfeindlichen Sprüchen noch lang nicht aufhört. Im Fußball ist die kulturelle Kluft besonders groß, wird die persönliche Neigung bis heute besonders sorgfältig verborgen. In anderen kommunikativen Zusammenhängen, vor allem in der Politik, hat sich durch eine Reihe spektakulärer Coming-Outs mittlerweile einiges getan; Klaus Wowereit ging nach seinem Bekenntnis durch dieselbe Medien-Mühle wie nun Hitzlsperger. Heute ist sein Nachsatz „Und das ist auch gut so“ zu einem geflügelten Wort geworden, das in allen möglichen Bezügen angewandt wird.

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Vokabeln des Ekels

Insgesamt aber haben Schwule und Lesben, auch in Deutschland, immer noch gegen einen ganzen Berg an Vorurteilen anzukämpfen; ihre sexuellen Praktiken werden vielfach mit Vokabeln des Ekels belegt. Kontakte unter Männern gelten als besonders abstoßend, während der Verkehr unter Frauen auch schon mal als anregend bezeichnet wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob man auf dem Land lebt oder in der Stadt: „Bist du schwul, ey“, ist ein Spruch, den man schon von Zweitklässlern auf dem Schulhof hört, und zwar nicht nur auf dem vermeintlich rückständigen Land, sondern genauso in der angeblich anonymen Großstadt. Und er ist noch harmlos. Jeder Junge, jedes Mädchen, das vielleicht schon früh bemerkt, dass bei ihm etwas anders sein könnte als bei anderen Heranwachsenden, wird sich dazu seine ganz eigenen Gedanken machen (müssen).

In einer Umfrage über „Hassverbrechen und Diskriminierung gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen“, die die EU-Grundrechteagentur im vergangenen Jahr in Wien veröffentlichte, gaben zwei von drei Befragten an, ihre sexuelle Orientierung in der Jugend verheimlicht zu haben. Achtzig Prozent der Befragten in allen EU-Ländern berichteten von Schikanen und abwertenden Kommentaren in der Schulzeit. Zwanzig Prozent der Arbeitssuchenden fühlten sich diskriminiert. 26 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb der letzten fünf Jahre tätlich angegriffen oder bedroht worden zu sein, 66 Prozent wagen es nicht, öffentlich die Hand ihres gleichgeschlechtlichen Partners zu halten.

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Petition gegen Unterrichtsthema

In Baden-Württemberg versuchen derzeit Bürger zu verhindern, dass Homosexualität als Thema im Schulunterricht behandelt wird. Welcher Gedanke steckt dahinter? Dass man Kinder mit Homosexualität gleichsam „infizieren“ könnte? Dass man homosexuelle Neigungen verhindern könnte, wenn sie nichts darüber wüssten?

Wenn das so ist, sind von manchen Leuten grundlegende Gedanken noch nicht gedacht worden. Schwul oder lesbisch zu sein, sucht man sich nicht aus. Das wäre hierzulande verrückt, in manchen anderen Ländern lebensmüde. Homosexuell zu sein, kann man sich auch nicht abgewöhnen. Man kann es nur nicht leben, um den Preis des persönlichen Glücks. Ist das die unausgesprochene Forderung, die hinter Initiativen wie jetzt in Baden-Württemberg steht? Und mit welchem Recht? Es gibt durchaus Neigungen, von denen man sich wünscht, dass sie unterdrückt würden. Aber eine einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehung gehört nicht dazu.

Quelle: FAZ.NET
Susanne Kusicke  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Susanne Kusicke
Redakteurin der Politik.
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