Im Gespräch: Forschungsministerin Annette Schavan

"Gentechnik für die Welternährung"

12.07.2010
, 20:12
Annette Schavan
Bildungsministerin Annette Schavan glaubt, das Problem der Welternährung lasse sich ohne Gentechnik nicht lösen. Es müsse aber noch ein großes Stück Überzeugungsarbeit geleistet werden, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z.

Seit Mai 2009 tagte in Berlin ein runder Tisch zur grünen Gentechnik. Daran nahmen das Agrarministerium, das Forschungsministerium, Kirchen, Umweltverbände und Verbraucherschützer teil. Am Mittwoch verließen die Umweltverbände das Forum aus Protest dagegen, dass der Bund die Erforschung der Risiken grüner Gentechnik vernachlässige.

Die Umweltverbände haben den runden Tisch unter Protest verlassen. Stärkt das das Vertrauen in die grüne Gentechnik?

Es war ohnehin die letzte Sitzung. Richtig ist, wir hatten die bislang intensivste und ergiebigste Debatte zwischen allen Beteiligten.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Treffen?

Wir haben neue Impulse für künftige Förderprogramme bekommen. Den Umweltschützern ist klargeworden, dass wir nicht nur auf grüne Gentechnik setzen. Wir geben auch jetzt schon erhebliche Fördermittel für die ökologische Landwirtschaft, für den konventionellen Landbau und für alternative Landnutzungskonzepte in Afrika aus. Der Streit am Ende ist darüber entbrannt, wie wir die Sicherheitsforschung konzipieren. Aber ich habe auch nicht erwartet, dass am Ende alle einig sind.

Sie geben also nicht der Forderung am runden Tisch nach, die Förderung der grünen Gentechnik aufzugeben?

Das ist sicher nicht die Konsequenz. Wir haben in der Agrarforschung ein breites Spektrum, und dazu gehört die grüne Gentechnik als eine Technologie. Ich werde mich sogar dafür einsetzen, dass wir das auch im achten EU-Forschungsprogramm verankern.

Könnte der Eklat nicht das Misstrauen der Menschen noch schüren?

Nein, der runde Tisch hat in der Einschätzung der meisten Teilnehmer in vielen Fragen eine große Annäherung gebracht.

Berücksichtigen Sie die Forderungen der Kritiker ausreichend?

Die Studien, die behaupteten, die grüne Gentechnik sei schädlich, wurden durch andere Studien widerlegt. Solche Auseinandersetzungen sind mühsam, aber sie müssen geführt werden. Im Koalitionsvertrag sind daher Bürgerforen vorgesehen. Wir führen sie im Zuge der Hightechstrategie neu ein.

Viele werden darin den Versuch erkennen, Akzeptanz zu schaffen statt ergebnisoffen zu diskutieren.

Es geht nicht darum, die Leute dazu zu bringen, dass sie Gentechnik gut finden. Es geht um Übersetzung. Wir reden über Technologien, die für Laien hochkompliziert sind. Wir müssen Übersetzungsarbeit leisten, um die zu erreichen, die noch überhaupt keine Meinung haben. Am Ende landet man da natürlich auch bei der Frage, ob die naturwissenschaftliche Bildung in den Schulen hinreichend ist. Kann jemand, der nach der zehnten Klasse die Schule verlässt, verstehen, was da passiert?

Was muss man sich unter den Bürgerforen vorstellen?

Sie werden sich vor allem auf der Plattform des Internets abspielen, da müssen auch die Wissenschafts- und Risikodebatten stattfinden. Welcher Dienstleister das für uns übernimmt, wird demnächst ausgelobt.

Vor gut einem Jahr hat Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) gegen Ihr Votum und mit Rücksicht auf die bayerischen Wähler die Aussaat von Genmais verboten. Stehen Sie bei dem Thema in Frau Aigners Schatten?

Wir haben doch diesen runden Tisch gemeinsam organisiert. Bei unseren mehrstündigen Sitzungen ist es richtig zur Sache gegangen. Frau Aigner und Herr Seehofer haben sich stets um die Frage des Anbaus gekümmert, ich dagegen habe immer gesagt, dass dies eng verknüpft ist mit der Forschung. Wir schauen immer noch nicht genug über den Tellerrand hinaus, weil wir genug auf dem Teller haben. Pflanzentechnologie alleine löst zwar nicht das Problem der Welternährung. Meine Überzeugung ist aber: Ohne Pflanzentechnik löse ich es auch nicht, weil es einen dramatischen Zusammenhang zwischen der Abnahme von Anbaufläche und der Zunahme des Bedarfs von Nahrungsmitteln gibt. Wer einmal - wie ich zwei Wochen vor der Bundestagswahl auf dem Marktplatz von Ulm - vor sechstausend Gentechnikgegnern geredet hat, der weiß, dass wir noch ein großes Stück Überzeugungsarbeit zu leisten haben.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung

Quelle: F.A.Z.
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