Priorisierung aufgehoben

Warum sich jeder mit Johnson & Johnson impfen lassen kann

Von Kim Björn Becker
10.05.2021
, 11:10
Bund und Länder heben die Priorisierung bei dem Mittel auf – vor allem, damit die Impfkampagne nicht ins Stocken gerät. Minister Spahn spricht von Pragmatismus. Doch es gibt Risiken.

Die Priorisierung für den Corona-Impfstoff des Herstellers Johnson & Johnson ist in Deutschland aufgehoben. Der Impfstoff kann nach ärztlicher Aufklärung und individueller Risikoentscheidung auch an jüngere Menschen verimpft werden, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag nach einer Konferenz mit den Gesundheitsministern der Länder in Berlin. Binnen kurzer Zeit wurde damit die Priorisierung bei zwei der vier derzeit verfügbaren Impfstoffen aufgehoben. Auch beim Präparat des Herstellers AstraZeneca gilt keine Priorisierung mehr.

Mit ihrem Beschluss vom Montag reagieren die Minister auf den Vorschlag der Ständigen Impfkommission (Stiko), das Mittel von Johnson & Johnson (J&J) wegen möglicher Nebenwirkungen bei Jüngeren nur jenen Personen zu verabreichen, die älter als 60 Jahre sind. Am Montag hat die Stiko unter anderem bei medizinischen Fachgesellschaften um Stellungnahmen zu der beabsichtigten Empfehlung gebeten, die eine Einschränkung bei der Anwendung des Impfstoffs bedeuten würde. Wie beim Präparat von AstaZeneca, so betreffen auch die Bedenken beim Mittel von Johnson & Johnson das sehr seltene Auftreten von Hirnvenenthrombosen als mögliche Nebenwirkung.

Die Gesundheitsminister betonten in ihrer Entscheidung vom Montagmorgen, sie nähmen die berichteten Fälle von Hirnvenenthrombosen ernst. Es gelte jedoch auch, eine „zeitnahe Verwendung vorhandener Impfstoffe von J&J sicherzustellen“. Spahn betonte in seiner Erklärung in Berlin denn auch die Bedeutung eines raschen Fortschritts der Impfkampagne. „Es bleibt wichtig, dass wir das Tempo halten“, sagte er zur Begründung der Entscheidung.

Mehr als zehn Millionen J&J-Impfdosen erwartet

Dabei sei es entscheidend gewesen, dass derzeit bereits etwa 60 Prozent der Über-60-Jährigen geimpft seien, so Spahn. Bei einer angenommenen Impfbereitschaft von 80 bis 90 Prozent in dieser Altersgruppe rechnet Spahn damit, dass „bis Ende Mai, Anfang Juni“ alle geimpft werden, die das wollen. In den Monaten Juni und Juli erwartet die Bundesregierung jedoch die Lieferung von mehr als zehn Millionen Einheiten des J&J-Impfstoffs, bei dem – anders als bei den übrigen derzeit verfügbaren Vakzinen – nur eine einzige Impfung ausreicht. Würde für das Präparat eine Begrenzung auf ältere Impflinge gelten, wie sie von der Stiko nahegelegt wird, gäbe es wegen des erwarteten Fortschritts der Impfkampagne in der relevanten Altersgruppe womöglich nicht genug Menschen, die überhaupt noch für eine Impfung mit dem Mittel in Frage kommen.

Mit der Entscheidung der Gesundheitsminister werde allen Menschen die Möglichkeit gegeben, mit dem Vakzin von J&J geimpft zu werden, sagte Spahn. Dies soll, wie bei AstraZeneca, „nach ärztlicher Aufklärung und individueller Entscheidung“ möglich sein. „Genauso wie wir es bei AstraZeneca machen, werden wir es bei Johnson & Johnson machen, um pragmatisch in der Impfkampagne mit Geschwindigkeit arbeiten zu können“, sagte Spahn.

Wegen der geringen Anzahl erfolgter Impfungen mit dem Mittel von J&J seien die gefürchteten Hirnvenenthrombosen in Deutschland bisher „so gut wie gar nicht berichtbar“, wie Spahn sagte. Die Stiko habe sich bei ihrer beabsichtigten Empfehlung auf Berichte unter anderem aus den Vereinigten Staaten bezogen. Spahn betonte, das Risiko, nach einer Impfung eine Hirnvenenthrombose zu erleiden, sei „sehr, sehr gering“. Es handele sich aber auch um eine „sehr ernsthafte“ Nebenwirkung.

Spahn gab auf Nachfrage zu, dass die schnelle Entscheidung im Fall des Impfstoffs von J&J auch eine Folge aus den Erfahrungen mit dem Mittel von AstraZeneca sei. „Im Grunde haben wir heute in einem Beschluss, weil wir mehr Erfahrungen haben, nachvollziehen und zusammenführen können, wofür wir bei AstraZeneca zwei, drei Wendungen brauchten“, sagte Spahn.

Die meisten Impfungen wurden in Niedersachsen verabreicht

Von den 34,4 Millionen verabreichten Impfdosen stammen bisher nur rund 18.000 von Johnson & Johnson; die meisten Einheiten des Präparats wurden in Niedersachsen gespritzt. Bislang wurden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums knapp 256.000 Einheiten des Impfstoffs geliefert, ein Großteil davon wurde Anfang Mai an die Impfzentren der Länder verteilt.

Spahn sprach am Montag von 450.000 ausgelieferten Einheiten, die teilweise noch nicht in die offizielle Statistik eingegangen seien. Bis zum Wochenende wurden 7,6 Millionen Menschen vollständig geimpft, das entspricht einem Anteil von gut neun Prozent. Fast jeder Dritte in Deutschland hat mindestens eine Erstimpfung erhalten, dies entspricht knapp 29 Millionen Menschen.

Der Minister warnte angesichts der stetig steigenden Zahl von Impfungen und der sinkenden Inzidenz in der Bevölkerung vor einem zu sorgenfreien Umgang mit dem Virus. „Jetzt darf aus der Zuversicht kein Übermut werden“, sagte er. Deutschland lockere gerade bei höheren Inzidenzen und zugleich geringeren Impfquoten als andere Länder. „Es darf keinen politischen Wettbewerb der Lockerungen geben, sondern es muss inzidenzbasiert sein“, sagte Spahn. Wenn Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelockert würden, dann vor allem draußen. Dort sei das Risiko einer Ansteckung „mindestens um den Faktor zehn geringer“ als drinnen.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag, Christine Aschenberg-Dugnus, lobte de Entscheidung der Minister. „Die Freigabe des Impfstoffs von Johnson & Johnson ist sinnvoll. So kann der Impffortschritt weiter beschleunigt werden. Gerade dieser Impfstoff hat den großen Vorteil, dass schon eine Impfdosis ausreicht“, sagte sie.

Ein von der norwegischen Regierung beauftragtes Komitee aus Fachleuten hat unterdessen den Verzicht auf die Corona-Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson in der nationalen Impfkampagne empfohlen. Das Komitee empfehle den Einsatz der Vektorviren-Impfstoffe nicht, sagte der Komitee-Vorsitzende Lars Vorland am Montag bei der Übergabe des Berichts an Gesundheitsminister Bent Höie. Zur Begründung verwies er auf in seltenen Fällen nach Impfungen aufgetretene Fälle von Blutgerinnseln.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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