International University Bremen

Harvard ist der Maßstab

Von Robert von Lucius, Bremen
07.12.2006
, 10:56
Schon jetzt ist die „International University Bremen“ eine der besten Hochschulen des Landes. Nun bekommt sie die Rekordspende von 200-Millionen-Euro und heißt bald „Jacobs University“. Doch nicht alle sind glücklich damit.

Das gewohnte Bild eines Universitätscampus - Studenten, die auf dem Rasen lungern, in der Mensa miteinander scherzen oder in Büchern blättern - findet man in Bremen-Nord kaum. Alles wirkt ebenso ruhig wie gediegen. Die „International University Bremen“ (IUB) ist anders. Sie sei schon jetzt eine der besten Hochschulen des Landes, die der Reform des staatlichen Hochschulsystems Anregungen gebe, hat Bundeskanzlerin Merkel über die IUB gesagt.

Das besondere Konzept, die Aufbruchstimmung einer jungen Privatuniversität, die strikte Auswahl der Studenten, das grenzüberschreitende Studienangebot bewogen den früheren Kaffeemagnaten und Bildungsmäzen dieser Tage, Klaus Jacobs, der IUB mit 200 Millionen Euro die größte Spende anzubieten, die je in Mitteleuropa eine Hochschule erhielt - nur sieben Jahre nach ihrer Gründung. Amerikanische oder britische Eliteuniversitäten, mit denen sich die IUB schon bald messen will, können dagegen meist auf mehrere Jahrhunderte Tradition weisen.

Was ist für das Besondere an der IUB?

Zufällig oder gar beiläufig studiert niemand an der IUB. Studenten entschieden sich für die Universität in Konkurrenz zu prominenten Universitäten im Ausland. Sie durchliefen ein Auswahlverfahren mit Sprachtests und verschiedenen Prüfungen. Eine hervorragende Schulnote ist dabei selbstverständlich, zählt aber weniger als Weltoffenheit, Neugierde und Leistungsbereitschaft der Bewerber. Die finanzielle Lage der Familie zählt nicht; trotz der Studiengebühren von mindestens 15.000 Euro im Studienjahr (was die Kosten nicht deckt) wird niemand aus Geldnot abgewiesen. Etwa die Hälfte der Studiengebühren wird aus Stipendienfonds bezahlt. Wer an der IUB studiert, tut das unter vergleichsweise paradiesischen Bedingungen: Auf jeden zehnten Studenten kommt ein Professor, auf vier Studenten ein Wissenschaftler - Verhältnisse, von denen Lernende an staatlichen Universitäten nur träumen.

Was ist für sie das Besondere an der IUB? Als erstes weisen Studenten nicht auf Lernbedingungen, die englische Unterrichtssprache, die guten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt für Absolventen, sondern auf den Gemeinschaftsgeist hin, den sie „Community spirit“ nennen. Er eint tausend Studenten aus 86 Nationen. Nur jeder vierte ist Deutscher, jeder zehnte ein Afrikaner, jeder achte ein Asiate. Besonders viele Studenten stammen aus Osteuropa.

Jedes Wohnheim hat seine eigene Tradition

An den Eßtischen der Mensa - alle Studenten der Bachelor-Studiengänge leben und essen auf dem weiträumigen Campus - sitzen sie zumindest in den Anfangsjahren bunt gemischt. Bei der Zuteilung der Räume achtet die Verwaltung darauf, bei Erstsemestern nie Studenten aus dem gleichen Land in einer der Studentenwohnungen gemeinsam unterzubringen. Jedes der drei Studentenwohnheime hatte schon nach kurzer Zeit eine eigene Tradition. Die Bewohner des einen sind eher sportlich interessiert, die des anderen an Kunst und Gestaltung.

Die studentische Selbstverwaltung ist ausgeprägt. Studenten, nicht die Universitätsverwaltung, entscheiden, welche Kunst an den Wänden ihres Kollegs hängt. In jedem Wohnheim wohnt als Leiter ein Professorenpaar. Es ist nicht für Reparaturen oder Kleinkram zuständig - das erledigen die Studenten selbst -, sondern Ansprechpartner für Probleme. Wer darüber hinaus in der Ferne - viele Studenten sind nur siebzehn, zwei gar nur sechzehn Jahre alt - Ersatzeltern sucht, findet eine „Patenfamilie“ aus der Region.

Studenten werden früh in Forschung einbezogen

Angloamerikanische Vorbilder sind überall gegenwärtig, nicht nur in der Sprache. Wer einem deutschen Studenten auf Deutsch einen Brief schreibt, muß mit einer englischen Antwort rechnen. Internationalität ist eine der Leitlinien der Universität neben Exzellenzförderung, Unabhängigkeit, enger Vernetzung zwischen Studenten, Dozenten und der Wirtschaft, sowie fächerübergreifender Lehre. Technische, naturwissenschaftliche und gesellschaftswissenschaftliche Themen fließen in den Lehrveranstaltungen ineinander. Lernende und Lehrende der „Schulen“ arbeiten verzahnt miteinander in Forschungsprojekten. Studenten werden möglichst früh in die Forschung eingebunden. Fast alle der meist jungen Dozenten haben Auslandserfahrung - oft auch in der Praxis. Öfters sind es begabte, von deutschen Hochschulen abgeschreckte Wissenschaftler, die mit der IUB im umgekehrten „Brain Drain“ ein Motiv zur Rückkehr sehen.

Es verwundert kaum, daß fast jeder Studienabgänger sofort einen Arbeitsplatz findet. Die meisten indes lernen weiter in einem der Masterstudiengänge der IUB wie „Biologische Erkennungssysteme“, „Physik der Sternteilchen“ oder „Kulturen im Wandel“. In sein Heimatland zurück ging bisher kaum ein Student. Wer in Bremen arbeiten will, hat sehr gute Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Campus liegt weit entfernt von Innenstadt

IUB-Absolventen seien ihm aufgefallen, berichtet etwa Michael Schütte, Bremer Teehändler in der siebten Generation, weil sie eine internationale Gesinnung und Sprachfertigkeiten zeigten wie sonst wenige Studenten, gebildete Querdenker seien und in zwei Welten zu Hause; ihrem Heimatland und in Deutschland. Die Stadt Bremen kennen die Studenten indes kaum. Die Universität wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Bundeswehrkaserne gebaut, das rund siebzehn Kilometer von der Innenstadt entfernt liegt.

In wenigen Jahren gelang es der IUB, in ihrem Beirat und Vorstand illustre Namen der deutschen und internationalen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammenzubringen. Zu ihnen zählten der Hamburger Anwalt Christian Jacobs, Vorsitzender der Zürcher Jacobs Stiftung, und Joachim Treusch, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich. Im Juli wurde Treusch Rektor der IUB. Bald darauf traf er Jacobs' Vater Klaus, der einen Teil des Verkaufserlöses von Jacobs Suchard - Kaffeehandel und Schokolade - in die Jacobs Stiftung steckte, einen anderen in den Aufbau des weltgrößten Zeitarbeitsunternehmens Adecco.

Nichts Vergleichbares in Mitteleuropa

Zwischen beiden funkte es sofort. Der Milliardär Jacobs sagte rasch, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag Anfang Dezember, die Stiftung zu. Etwas Vergleichbares hatte Mitteleuropa nicht erlebt. Indes war die Zusage alles andere als spontan. Die IUB hatte Jacobs durch eine nach ihm benannte „Schule für lebenslanges Lernen“ an der IUB kennen- und schätzengelernt. Bremen fühlt sich Jacobs verbunden, auch wenn er in die Schweiz umzog, weil seine Familie und sein früheres Unternehmen altbremisch sind.

Für die IUB kam die Hilfe gerade rechtzeitig: Das Startgeld des Landes Bremen für die als gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung organisierte Hochschule war bei hohem jährlichen Defizit nahezu verbraucht. Von den Altstudenten - neunzig Prozent der Absolventen schließen sich dem Alumni-Club der Altschüler an - kann die Hochschule erst in etwa fünfzehn Jahren substantielle Hilfen erwarten. So zeigt die IUB ihre Dankbarkeit mit dem Beschluß, die International University of Bremen im kommenden Frühjahr in „Jacobs University Bremen“ umzubenennen.

Nicht alle Studenten waren glücklich darüber, weil sich viele dachten, der Namensbestandteil „International“ sei bei der Arbeitssuche sicher werbewirksamer als der Name „Jacobs“. Fast alle verstanden und akzeptierten es letztlich. Schließlich tragen Universitäten wie Rice in Houston (Gründungspate der IUB), Harvard und Stanford auch die Namen ihrer Stifter - und mit diesen will sich die „Jacobs-Universität“ ja auch messen.

Quelle: F.A.Z., 07.12.2006, Nr. 285 / Seite 3
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