Islam-Debatte

„Christlichen Feiertag durch muslimischen ersetzen“

16.11.2004
, 12:46
NRW-Innenminister Behrens zu Besuch beim Iman in einer Moschee in Essen
Nach dem Mord an dem Filmemacher van Gogh brennen in den Niederlanden Moscheen und Kirchen. In Deutschland hat dies die Debatte über Muslime in unserer Gesellschaft neu entfacht. Die Grünen wollen nun einen muslimischen Feiertag einführen.
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Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Christian Ströbele, hat sich für die Einführung eines gesetzlichen muslimischen Feiertags ausgesprochen.

Dafür könne ein christlicher Feiertag gestrichen werden, sagte er der Tageszeitung „Die Welt“. Als möglichen Termin nannte er einen arbeitsfreien Tag zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Sein Parteifreund Bundesumweltminister Jürgen Trittin unterstützte den Vorschlag.

„Aufwertung für die drei Millionen Muslime

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Ströbele bezeichnete einen islamischen Feiertag als gesellschaftliche Aufwertung für die mehr als drei Millionen Muslime in Deutschland. „Genau solche Zeichen“ seien angesichts der Anschläge von Holland notwendig. Trittin zeigte sich offen für einen solchen islamischen Feiertag. Darauf müßten sich aber erst einmal die Muslime in Deutschland verständigen.

Kritik kam von Sozialdemokraten und Union. SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz verwies auf wirtschaftliche Bedenken. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) sprach von einem Festhalten der Grünen an „blauäugiger Multikulti-Politik“.

CDU: „Völlig weltfremd“

Sein brandenburgischer Amtskollege Jörg Schönbohm verwies auf die christliche Prägung Deutschlands. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hartmut Koschyk (CSU), warf Ströbele „völlige Weltfremdheit und berechnende Provokation“ vor. Der Bündnisgrüne versuche, den Kampf der Kulturen aus den Niederlanden nach Deutschland hineinzutragen.

Politiker parteiübergreifend für kontrollierten Islam-Unterricht

Als Reaktion auf die religiösen Spannungen in den Niederlanden haben Politiker von SPD, Union und Grünen staatlich kontrollierten Islam-Unterricht an deutschen Schulen gefordert. Der schleswig-holsteinische Innenminister Klaus Buß sagte der „Financial Times Deutschland“: „Ein aufgeklärter islamischer Religionsunterricht kann dazu beitragen, daß ein Euro-Islam entsteht, der mittel- bis langfristig auch auf die Heimatländer wirkt.“

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Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte dem Blatt: „Es ist falsch, daß zum Predigen immer noch Leute aus der Türkei nach Deutschland geschickt werden, die von unserer Gesellschaft keine Ahnung haben.“ Sie forderte, an deutschen Universitäten Imame und muslimische Religionslehrer auszubilden. Islamischer Religionsunterricht an Schulen solle auf Deutsch stattfinden. „So können wir dafür sorgen, daß unser Wertesystem von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten zur Grundlage dieses Unterrichts wird.“

Der Unions-Innenexperte Hartmut Koschyk sagte: „Zumindest der islamische Unterricht für Kinder muß unter staatlicher Schulaufsicht stattfinden. Das wird ein riesiger Kostenfaktor für die Länder, aber es führt kein Weg daran vorbei.“

Debatte über Schavan-Vorschlag

Der erste Lehrstuhl-Inhaber für islamische Religionspädagogik, Muhammad Kalisch, von der Universität Münster, unterstützte den Vorschlag der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan (CDU), Predigten in den Moscheen nur noch auf Deutsch zu halten. In vielen Gemeinden träfen sich Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen, sagte Kalisch. Sie brauchten eine gemeinsame Basis. „Das kann nur Deutsch sein“, sagte Kalisch. „Im Moment stehen wir Muslime unter Generalverdacht. Deutsche Predigten können Verdachtsmomente wegnehmen.“

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Zentralrat der Muslime: Freiwillig, nicht verpflichtend

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, der Saudi-Araber Nadeem Elyas, lehnte eine Verpflichtung zu deutschsprachigen Predigten ab. Der „Berliner Zeitung“ sagte er, die Dachverbände der Muslime müßten aber noch noch engagierter dafür sorgen, daß nicht mehr so viele „importierte Imane“ in Deutschland predigten.

Die Vorbeter sollten häufiger in Deutschland ausgebildet werden. Elyas sagte, es sollte eine Art Selbstverpflichtung geben, Predigten muslimischer Prediger ins Deutsche zu übersetzen. Der Zentralrat sei jedoch gegen ein Gesetz, das Imamen die deutsche Sprache vorschreibe, während Politiker eine entsprechende Imam-Ausbildung in Deutschland verhinderten.

„Moscheen sind die Privaträume von Vereinen“

Elyas reagierte damit auf die Forderung der CDU-Politikerin Annette Schavan (CDU), ein Gesetz nach Schweizer Vorbild zu schaffen, das für Predigten in Moscheen die deutsche Sprache vorschreibt. In vielen Moscheen werde bereits simultan übersetzt. „Aber die Politiker müssen erst ihre Hausaufgaben machen, bevor sie per Gesetz etwas vorschreiben.“

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Eylas wies darauf hin, daß es sich bei den Moscheen um Privaträume von Vereinen handele. Der Zentralrat repräsentiert 19 Organisationen und rund 500 Moscheegemeinden in Deutschland. Dazu gehören unter anderem deutsche, türkische, arabische, albanische, bosnische und persische Muslime.

Islamexperte: Deutsch in Moscheen unrealistisch

Als „unrealistisch und unglaubwürdig“ hat der katholische Islamexperte Wolfgang Rödl die Forderung Schavans bezeichnet. Der Vorstoß sei eine Überreaktion auf die Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen in den Niederlanden. Rödl ist Islambeauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Predigten von Imamen in deutscher Sprache seien grundsätzlich wünschenswert, betonte Rödl. Allerdings würde niemand in der katholischen Kirche auf die Idee kommen, etwa kroatischen Priestern die Predigt in ihrer Muttersprache zu verbieten. Der Islamexperte forderte verstärkte Dialogbemühungen. „Tatsächlich ist das Klima in den Beziehungen zum Islam derzeit vergiftet“, betonte er.

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Schönbohm: Haßpredigern Staatsbürgerschaft aberkennen

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) will islamistischen Haß- und Gewaltpredigern die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen. Wenn Prediger öffentlich Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung verachteten und das Grundgesetz schmähten, dann mißbrauchten sie ihr Gastrecht und müßten gehen.

Der deutsche Staat ist nach seiner Einschätzung bei Einbürgerungen zu leichtfertig vorgegangen. Über Jahre hätten Menschen einen deutschen Paß bekommen, die nicht wirklich Deutsche werden wollten, fügte der Minister hinzu. „Im Zuwanderungskompromiß haben wir gegen den massiven Widerstand der rot-grünen Multikulti-Träumer höhere Hürden durchgesetzt. Das hilft aber nicht bei der Integration derer, die schon mit deutschem Paß hier in ihrer Parallelgesellschaft leben“, sagte Schönbohm.

Niederlande will engere EU-Kooperation im Umgang mit Islamisten

Unterdessen haben die Niederlande als Konsequenz aus der Ermordung des islamkritischen Regisseurs Theo van Gogh und der jüngsten Welle von Gewalt in den Niederlanden eine stärkere europäische Zusammenarbeit im Umgang mit radikalen Muslimen gefordert. „Was in den Niederlanden geschehen ist, ist nicht einmalig. Es ist ein Phänomen, dem wir uns als einzelne Mitglieder der Europäischen Union stellen müssen", sagte Außenminister Bernard Bot.

Quelle: @ura mit Material von dpa, ddp und Reuters
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