Juden in Deutschland

„Wer ein Haus baut, der bleibt“

02.09.2007
, 20:39
Kurz nachdem die Berliner Synagoge wieder eingeweiht wurde, feiert Berlin die Eröffnung des Bildungszentrums der orthodoxen Vereinigung Chabad Lubawitsch als ein weiteres „Zeichen für das Vertrauen in die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland“.

Am Wochenende hat Berlin die selbstbewusste Wiederbelebung jüdischen Lebens in der Hauptstadt gefeiert: Das neue Bildungszentrum der orthodoxen Vereinigung Chabad Lubawitsch in Berlin-Wilmersdorf wurde feierlich eröffnet; die in der Reichspogromnacht nicht zerstörte Synagoge in der Rykestraße im Stadtteil Prenzlauer Berg wurde nach knapp zweijähriger Renovierung wieder eingeweiht; außerdem begannen die jüdischen Kulturtage, die die größte Synagoge Deutschlands als Konzerthalle nutzten.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte bei der Eröffnung des Zentrums von Chabad Lubawitsch, die festlichen Eröffnungen und Einweihungen geschähen unter „enormer Anteilnahme der Öffentlichkeit“.

„Ein unverhofftes Wunder“

Das neue Haus setze ein „Zeichen, dass es Vertrauen in die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland“ gibt, sagte Rabbiner Yehuda Teichtal, der Direktor des Zentrums. Steinmeier zitierte die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch: „Wer ein Haus baut, der bleibt“, und sagte: „Wir freuen uns über jedes neue Haus, das jüdische Gemeinden in Deutschland bauen.“

Die Eröffnung sei ein „positives und auf die Zukunft gerichtetes Ereignis, sie sei „für uns ein Grund zur Dankbarkeit“. Es sei gut, wenn alle Strömungen des Judentums in Deutschland „wieder erlebbar werden“. Er warnte jedoch davor, die „Renaissance“ jüdischen Lebens für eine „Rückkehr zur Normalität“ zu halten. Sie sei vielmehr ein „unverhofftes Wunder, das sich der Arbeit vieler und deren „Vertrauen auf die deutsche Demokratie“ verdanke.

Jüdisches Leben sei nach den „wahnhaften Verbrechen“ der Deutschen an den europäischen Juden wieder möglich und willkommen. Doch finde es unter starkem Polizeischutz statt, „verblendete Leute“ hingen dem Antisemitismus an. Steinmeier erinnerte an den versuchten Anschlag auf den Kindergarten von Chabad Lubawitsch zu Beginn des Jahres. Unter starkem Applaus der Eröffnungsgäste sagte er, die Bundesregierung und das Land Berlin engagierten sich gemeinsam mit der „engagierten Zivilgesellschaft“ gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus.

„Für Freiheit und Toleranz kämpfen“

Berlins Innensenator Erhart Körting sagte, die Berliner Neugründungen und Wiedereinweihungen seien „Ausdruck von jüdischem Selbstbewusstsein und von Zuversicht“. Auch er sprach von den Gefahren, unter denen das jüdische Leben in Berlin existiert: „Für Freiheit und Toleranz muss man eben kämpfen. Wir wollen das“, sagte er.

Wie alle Festredner rühmte Steinmeier die „nicht nachlassende Energie“ des Rabbiners Teichtal. Finanziert wurde das neue Haus mehrheitlich aus privaten Spenden. Das Bildungszentrum der chassidischen Strömung Chabad, die ihren Ursprung im 18. Jahrhundert in der Ukraine hatte, sitzt in einem ehemaligen Umspannwerk, auf dessen 2500 Quadratmetern und vier Etagen eine Synagoge, ein koscheres Restaurant, ein Besucherzentrum für Touristen und ein Judaika-Laden, ein Festsaal, eine Lounge für Jugendliche, eine Bibliothek, eine Mediothek und eine Mikwe, ein Ritualbad, Platz fanden. Auf die Grundschule, die Chabad Lubawitsch in Berlin neben dem Kindergarten unterhält, gehen mehr als hundert Schüler.

Die Lubawitscher gelten als orthodoxe Strömung des Judentums. Chabad ist ein Akronym aus den hebräischen Wörtern für Weisheit, Verstand und Wissen. Ihr letzter Repräsentant war der in New York lebende Rabbiner Menachem Schneerson, der seine Anhänger früh ermutigte, Deutschland „nicht zu ignorieren“.

„Religiöse Orthodoxie, moderne Lebensweise“

1996 kam Teichtal nach Berlin und etablierte das größte von insgesamt 14 Chabad-Zentren in Deutschland. 40 feste und 40 bis 50 ehrenamtliche Mitarbeiter hat es inzwischen. Es arbeitet ausdrücklich unter dem Dach der jüdischen Gemeinde; anders als andere Neu- oder Wiedergründungen der vergangenen Jahre versteht sich Chabad Lubawitsch als Teil der Einheitsgemeinde. Es sei die starke jüdische Einwanderung aus Osteuropa, die der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in den letzten Jahren solchen Auftrieb gegeben habe, sagte Teichtal.

Teichtal wendet sich gegen die Bezeichnung der Lubawitscher als Sekte. Sie führten ein offenes Haus, jeder sei eingeladen, teilzunehmen. Schon vor der offiziellen Eröffnung hätten jede Woche 500 Besucher das neue Zentrum genutzt. An jedem Freitagabend sei jeder zur Sabbatfeier mit Essen eingeladen. Teichtal äußerte sich auch gegen die Etikettierung von Chabad als „orthodox“: Zu ihnen könne jeder kommen, es gebe weder Mitgliedschaften noch sonstige Vorbedingungen.

Im neuen Zentrum werde „betont, was vereint, nicht, was trennt“, sagte er. Gideon Joffe, der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, zeigte sich dankbar für die Unterstützung, die seine schnell wachsende Gemeinde bekam: „Chabad Lubawitsch beweist, dass religiöse Orthodoxie sich gut mit unserer modernen Lebensweise vereinbaren lässt.“

Drei Stränge jüdischen Lebens will das Zentrum pflegen: Bildung, Soziales und Tradition. Teichtal kündigte am Sonntag an, im neuen Zentrum würden künftig in jedem Jahr zehn Rabbiner ausgebildet werden. Der Oberrabbiner von Tel Aviv, Israel Meir Lau, der im Alter von sieben Jahren als KZ-Häftling zum ersten Mal nach Deutschland gekommen war, sagte, das neue Zentrum sei eine „Demonstration der Dauerhaftigkeit und Kontinuität der Juden“. Teichtal sagte: „Mit Gottes Hilfe wird Berlin wieder ein zentraler Ort für jüdisches Leben in Europa sein.“

Am Freitag feierte die Synagoge in der Rykestraße einen festlichen Schabbatgottesdienst, bei dem alle ihrer 1200 Plätze besetzt waren. In der Rykestraße hatte schon die kleine Berliner Jüdische Gemeinde in der DDR gebetet, nachdem die von den Nationalsozialisten zwar geschändete, aber nicht zerstörte Synagoge 1953 wieder eingeweiht worden war. 1987 war sie abermals renoviert worden. Die Kerzen entzündete Rita Rubinstein, die zum ersten Mal seit 70 Jahren wieder in Deutschland war. Die Berliner Jüdische Gemeinde zählt heute 12 000 Mitglieder.

Quelle: mk.; F.A.Z.
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